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Fünf Mythen über Gründer

Business Plan Start-up Tafel Skizze [Quelle: Pexels.com]

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Erfolgreiche Gründer sind jung, lieben das Risiko und haben schräge Lebensläufe – stimmt das wirklich? Was hinter typischen Vorurteilen steckt. 

Stellen Sie sich jemanden vor, der gerade ein Unternehmen gründet. Wen sehen Sie? Einen jungen Mann mit Kapuzenpulli, der im Schein seines Laptop-Bildschirms das nächste große Ding programmiert? Oder eine Mutter, die sich nach Jahren des Angestelltendaseins selbstständig macht, weil sie eine Nische gefunden hat? Es gibt kaum einen Beruf, um den sich so viele Mythen ranken wie das Unternehmertum. Universitäten füllen ihre Lehrpläne mit Entrepreneurship-Kursen, Journalisten jubeln über die neue Gründerzeit, im Privatfernsehen pitchen Start-ups ihre Ideen zur besten Sendezeit. Aber was ist dran an all den Vorstellungen, die Menschen vom Gründen haben? Ein Überblick über fünf gängige Vorurteile – und wie es wirklich ist.

1. Gründer sind jung

Ein Mythos hält sich immer dann besonders hartnäckig, wenn er einen echten Helden hervorbringt. So wie Mark Zuckerberg. Der Facebook-Chef gründete sein Unternehmen schon mit 19 und brach sein Harvard-Studium ab, um vier Jahre später jüngster Selfmade- Milliardär der Welt zu werden.

Seitdem gilt er als Ikone einer neuen Generation von Gründern, deren Geburtsjahr scheinbar der entscheidende Wettbewerbsvorteil ist. "Junge Menschen sind einfach schlauer", sagte Zuckerberg einmal. Nun gut: Steve Jobs, Bill Gates, Michael Dell, Walt Disney – sie alle haben ihre Firma lange vor dem 23. Geburtstag gegründet. Aber zählt Erfahrung gar nichts? Ist jugendlicher Leichtsinn ein gutes Geschäftsmodell? Mitnichten.

Das Durchschnittsalter der deutschen Unternehmensgründer liegt bei exakt 38,6 Jahren. Diese Zahl haben Wissenschaftler des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in einer Studie ermittelt, die Ende des vergangenen Jahres erschien. Sie basiert auf Ergebnissen des Global Entrepreneurship Monitors. Die untersuchten Gründer sind entweder gerade dabei, ein Unternehmen zu gründen, oder haben das in den vergangenen dreieinhalb Jahren bereits getan.

"Ältere und erfahrene Menschen bringen gute Voraussetzungen für eine Unternehmensgründung mit", sagt Arbeitsmarktforscher Udo Brixy vom IAB. Ein Beispiel dafür seien Mütter und Väter, die nach der Babypause wieder zurück ins Berufsleben wollen – nach der Familiengründung könnte dann das erste eigene Unternehmen folgen.

Aber warum macht Erfahrung erfolgreich? Vivek Wadhwa, Unternehmer und Wissenschaftler an der Duke-Universität in North Carolina, erforscht die Lebensläufe von Gründern. Er fand in einer Befragung unter 549 amerikanischen Entrepreneuren aus zwölf verschiedenen Industrien heraus: Rund 70 Prozent entstammen der Mittelschicht, sind verheiratet und haben mindestens sechs Jahre Berufserfahrung als Angestellte. Sechs von zehn der Befragten hatten mindestens ein Kind. Wadhwa leitet aus seinen Forschungsergebnissen einen Dreischritt ab, der den Erfolg des Alters erklären könnte: "Ideen entstehen aus Bedürfnissen. Um Bedürfnisse zu verstehen, braucht man Erfahrung – und die kommt im Alter."

Das lässt sich auch auf prominente Pioniere übertragen. Die größten Innovationen von Steve Jobs kamen auf den Markt, als er schon Mitte 40 war.

2. Gründer sind Studienabbrecher

Was haben Medienmogulin Oprah Winfrey, Modezar Ralph Lauren und Spotify-Gründer Daniel Ek gemeinsam? Alle sind erfolgreiche Unternehmer, keiner von ihnen hat die Universität abgeschlossen. Aber Vorsicht vor Fehlschlüssen: Wer jetzt überlegt, schnell die Exmatrikulationsbescheinigung auszufüllen und statt der Bachelor-Arbeit lieber einen Businessplan zu schreiben, sollte vorher einen Blick in die Forschung werfen. Lassen Sie sich bloß nicht von anekdotischer Evidenz blenden!

Der Wirtschaftswissenschaftler Guido Bünstorf vom Max-Planck-Institut für Ökonomik hat untersucht, ob Studienabbrecher erfolgreicher gründen als Absolventen. Gemeinsam mit zwei skandinavischen Kollegen wertete er dänische Arbeitsmarktdaten aus den Jahren 1994 bis 2007 aus. Und siehe da: Drei Jahre nach Verlassen der Hochschule hatten sich 2,4 Prozent der Abbrecher selbstständig gemacht, bei den Absolventen waren es nur 1,5 Prozent.

Allerdings scheinen Menschen mit Diplom trotzdem die besseren Unternehmer zu sein: Der Umsatz im ersten Gründungsjahr war bei den Firmen der Absolventen im Schnitt um ein Drittel höher als bei den Abbrechern. "Unsere Untersuchung liefert keine Anhaltspunkte für die These, dass Erfolgsgeschichten wie die von Steve Jobs oder Mark Zuckerberg typisch für Studienabbrecher sind", sagt Bünstorf.

Der britische Arbeitsökonom David Blanchflower hat zudem herausgefunden, dass zumindest in den USA die Chance auf Selbstständigkeit ansteigt, je gebildeter jemand ist. Die höchste Wahrscheinlichkeit haben demnach Master-Absolventen oder Menschen mit einem vergleichbaren akademischen Abschluss.

In dem Buch "The Illusions of Entrepreneurship" bringt der amerikanische BW-LProfessor Scott Shane die Erkenntnisse der Forschung auf den Punkt: "Wenn Sie Unternehmer werden wollen, dann gehen Sie zur Uni." Allerdings sollten angehende Gründer auf einen Doktortitel eher verzichten. "Mit so viel Bildung werden sie dann vermutlich eher ein nerdiger Professor wie ich", schreibt Shane, "der vom Gründen spricht, anstatt es zu tun."

3. Gründer brauchen finanzielle Hilfe

Dieser Mythos verfügt sogar über ein eigenes Maskottchen, das passenderweise aus der Familie der Fabelwesen stammt: das Einhorn. Wer die einschlägigen Fachmedien über die Gründerszene verfolgt, könnte den Eindruck bekommen, dass unter den Unternehmern das Jagdfieber ausgebrochen ist. Denn es vergeht kaum ein Tag ohne einen Artikel rund um die Frage, welches Start-up dank der nächsten großen Finanzierungsrunde eine Milliardenbewertung erreicht und sich damit zum Club der "Unicorns" zählen darf.

Die Schlagzeilen über üppige Kapitalrunden zeichnen das Bild von Unternehmern, die nur dank externem Geld ihren Beruf ausüben können. Doch das Einhorn als solches frisst nicht nur Unmengen an Kapital, sondern ist auch höchst selten.

Die meisten Gründer investieren zunächst einmal ihr eigenes Geld. Der Deutsche Startup Monitor – eine jährliche Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG – hat im vorvergangenen Jahr 1224 deutsche Startups nach der Herkunft ihres Kapitals gefragt. 84 Prozent nutzen die eigenen Ersparnisse als Finanzierungsquelle, knapp ein Drittel bekommt Geld von Freunden oder der Familie. Und eines von fünf Start-ups finanziert sich sogar ausschließlich aus eigenen Erlösen. Die Finanzierung durch Venture Capital, Business Angels oder Inkubatoren dagegen ist rückläufig.

Interessant ist außerdem, wie gering der Finanzierungsbedarf bei Gründern generell ist. Knapp 30 Prozent kommen derzeit mit weniger als 50 000 Euro externem Kapital aus. Bootstrapping, also die Finanzierung des eigenen Unternehmens ohne fremdes Geld, liegt im Trend.

"Zum Gründen braucht man zu Beginn erst mal gar kein Kapital", sagt Dietmar Grichnik, Professor für Entrepreneurship an der Schweizer Universität St. Gallen. Viel Geld brauche ein Start-up erst, wenn es stark wachsen möchte. Aber viele Unternehmer würden den Fehler machen, sich zu früh um Kapital zu kümmern. Wichtiger sei es, dass das Produkt erst mal einen Markt findet.

 4. Gründer lieben das Risiko

Der irisch-französische Ökonom Richard Cantillon gebrauchte im Jahr 1755 erstmals den Begriff Entrepreneur. Er beschrieb damit jemanden, der „Risiken auf sich nimmt, um Güter zu unsicheren Preisen zu verkaufen“. Seitdem werden Unternehmer häufig als waghalsige Typen beschrieben, die im Gegensatz zu angestellten Managern Geld, Ruf und Karriere riskieren, um risikoreiche Entscheidungen zu treffen.

Elon Musk, CEO des Elektroautobauers Tesla, verkörpert diesen Mythos wie kein Zweiter. Er steckte angeblich sein komplettes Vermögen in seine Unternehmen, sodass er sich danach Geld borgen musste, um seine Miete zahlen zu können. Und Facebook- Gründer Mark Zuckerberg wiederholt bei jeder Gelegenheit sein Mantra vom Wagnis als einzige Chance: "Das größte Risiko geht ein, wer gar kein Risiko eingeht."

Aber wie bewertet die Wissenschaft das Risikoverhalten von Otto Normalgründer? Manche Studien attestieren Unternehmern tatsächlich mehr Risikotoleranz als ihren Mitmenschen, andere finden keinen Zusammenhang zwischen Übermut und Machern.

Dazu gehören auch Hongwei Xu und Martin Ruef, zwei Forscher der amerikanischen Eliteuniversitäten Stanford und Princeton. Sie verglichen in einer repräsentativen Studie das Risikoverhalten von angehenden Unternehmern im Vergleich zur Gesamtbevölkerung. Das Ergebnis: Die Gründer in spe waren weniger risikofreudig als ihre Mitmenschen, wenn es um mögliche Investitionsentscheidungen ging. So entschieden sich die Gründer eher dafür, eine 80-prozentige Chance auf einen Gewinn von 1,25 Millionen Dollar wahrzunehmen als eine 20-prozentige Chance auf einen Gewinn von fünf Millionen Dollar. Bei der Vergleichsgruppe war es umgekehrt. Die Autoren der Studie schließen daraus, dass sich Unternehmer eher nicht aus finanziellen Gründen selbstständig machen, sondern weil sie eigenständig arbeiten und sich selbst verwirklichen möchten. Um diese Ziele zu erreichen, sollten sie im Optimalfall aber risikoscheu sein – um zu vermeiden, dass ihre Firma scheitert. "Unternehmer gehen keine Risiken ein", sagt Len Green. "Sie gehen kalkulierte Risiken ein." Der US-Professor für Unternehmertum hat selbst eine Beratungsfirma gegründet. Er betont, dass der Unterschied zwischen Scheitern und Erfolg darin liegt, ob jemand einfach Risiken eingeht oder sie vorher vernünftig berechnet. Mit anderen Worten: Nicht Waghalsigkeit wird belohnt – sondern Mut.

5. Start-ups sind disruptiv

An dieser Stelle müssen wir uns schuldig bekennen: Beim WirtschaftsWoche-Gründer-wettbewerb Neumacher suggeriert schon der Name Einfallsreichtum. Noch lieber schmücken sich Start-ups damit, disruptiv zu sein, also so innovativ, dass sie gleich einen ganzen Markt umwälzen. Gerne zitieren sie den legendären Ökonomen Joseph Schumpeter und seine Idee von "kreativer Zerstörung" als Credo für Neugründungen. Geht es nicht bodenständiger?

Und ob. Vor allem in der realen Wirtschaftswelt. Und damit noch mal zu Schumpeter, der Innovationen schon vor 70 Jahren deutlich weniger unerreichbar definierte. Es gehe darum, "neue Dinge zu tun oder Dinge, die bereits getan werden, anders zu tun". Entscheidend ist also nicht die Erfindung von etwas Neuem, sondern der neue Einsatz etablierter Ideen. Ein Beispiel ist Ebay: Die Firma wurde 1995 gegründet und machte nichts weiter als eine der ältesten Erfindungen der Menschheit – den Marktplatz – mithilfe von Technologie in die moderne Welt zu übertragen. Drei, zwei, eins ... fertig.

Der Entrepreneurship-Professor Paul Reynolds von der britischen Aston-Universität beschäftigt sich seit 40 Jahren mit der Frage, welche Bedeutung Start-ups für die Gesellschaft haben. Sein Fazit: "Der Anteil von jungen Firmen, die einen Markt tatsächlich verändern, ist sehr gering und liegt bei weniger als fünf Prozent." Die große Mehrheit würde einfach bestehende Aktivitäten nachahmen, manchmal sogar ganze Firmen kopieren. Damit würden sie den Kunden einen großen Nutzen erweisen – weil der Wettbewerb stärker wird, die Qualität steigt und die Preise sinken.

Mit Blick auf Deutschland kommt einem unweigerlich Oliver Samwer in den Sinn, Chef des Start-up-Inkubators Rocket Internet. Seinen Firmen geht der Ruf voraus, Geschäftsmodelle, die sich bereits in den USA etabliert haben, schnell zu kopieren und in Europa, Asien und Afrika auszurollen. "Vielleicht gewinnen wir nicht die höchste Auszeichnung für die größte Innovation, aber was macht das schon?", sagte Samwer dazu einmal auf einer Konferenz. "Man muss einfach super pragmatisch sein."

Damit ist er nicht alleine. Der US-Ökonom Amar Bhide fand in einer Befragung der 500 wachstumsstärksten amerikanischen Firmen heraus: Nur einer von acht Unternehmern behauptet von sich, wegen einer außergewöhnlichen Idee derart erfolgreich zu sein. 88 Prozent hingegen gestanden, dass sie ihr Geld mit einer alltäglichen Idee verdienten – diese aber außergewöhnlich umsetzten.

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