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Wie ein Klaps auf den Mund

Vortrag Präsentation Referat Professor [© morganimation - Fotolia.com]

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Wenn Männer Frauen ungefragt die Welt erklären, nennt man das Mansplaining. Besonders Frauen in Führungspositionen erleben dies. Und schweigen aus Hilflosigkeit.

"Du kannst ja nicht einmal zuhören, wenn man dir etwas erklärt!" – Julia Hamann* ist noch immer fassungslos, wenn sie sich an die Auseinandersetzung mit ihrem Stellvertreter erinnert. Hamann, Ende 30, ist Abteilungsleiterin in einem Interessensverband der Wirtschaft – eine von wenigen Frauen in einer Führungsposition.

Ihr Stellvertreter ist ein Mann Ende 50. Bei einem Führungskräfte-Meeting, in dem es um ein größeres politisches Projekt geht, für das Hamann das Konzept erarbeitet hat, kommt es zum Eklat. Nicht nur überhören die Männer ihre Argumente, immer wieder unterbrechen sie die Frau – und erklären ihr das Ziel des Projekts. "Dabei hatte ich mich intensiver als alle anderen damit beschäftigt. Ich fühlte mich wie ein Schulmädchen, das belehrt wird", erzählt sie. Als sie schließlich darum bittet, nicht ständig unterbrochen zu werden, fällt ihr eigener Stellvertreter ihr ins Wort. Sie solle gefälligst zuhören, wenn man ihr etwas erkläre. Für Hamann eine Frechheit. "Ich habe mich gefragt, wer ihn eigentlich dazu legitimiert, mir etwas erklären zu müssen? Immerhin bin ich seine Vorgesetzte", sagt die Betriebswirtin. Ein typischer Fall von Mansplaining.

Die Wortschöpfung bezeichnet das Phänomen, wenn Männer selbstverständlich davon ausgehen, in einer ranghöheren Position als die Frau zu sein, und deshalb ungebeten Vorträge halten – selbst dann, wenn die Frau objektiv mehr Expertenwissen hat als der Mann. Die amerikanische Autorin Rebecca Solnit prägte den Begriff schon vor 13 Jahren und hat dazu auch ein Buch geschrieben: Wenn Männer mir die Welt erklären.

Feministinnen kritisieren das Phänomen als Alltagssexismus, denn tatsächlich erleben viel mehr Frauen als Männer, dass sich plötzlich jemand in ihr Expertenwissen einmischt. Auch Julia Hamann empfand das rhetorische Verhalten ihrer Kollegen und männlichen Mitarbeiter als übergriffig. "Mir wurde klar, dass sie mich nicht als Gleiche unter Gleichen betrachten – sondern offenbar als ein junges Dummchen, dem Mann etwas erklären muss", sagt sie. Mehr noch: Sie sah sich mit einem Legitimationsproblem konfrontiert. Denn trotz der formal höheren Hierarchieposition wurde ihr diese Stellung innerhalb der Gruppe nicht zugestanden. Eine Erfahrung, die Frauen in Führungspositionen immer wieder machen. Aber die Hilflosigkeit zu thematisieren, ist für viele Führungsfrauen ein Tabu. Gerade sie, die es an die Spitze geschafft haben, müssen sich doch durchsetzen können.

Das Forum Oh my Job, auf dem sich Frauen in Führungspositionen über Karriere und Gleichberechtigung in der Arbeitswelt austauschen, nahm Anfang 2015 einen Artikel aus der FAZ zum Anlass, um seine Mitglieder zu ihren Erfahrungen mit Mansplaining zu befragen. Eine Rechtsanwältin etwa berichtete, dass männliche Mandaten immer wieder dazu neigten, ihr das Vorgehen und die Rechtslage zu erklären – und dabei selbst von völlig falschen Fakten überzeugt seien. Eine andere kritisierte das Verhalten der Frauen, die sich nicht wehrten. "Mich nervt das immer ungemein, wenn Frauen so plumpes Interesse heucheln, wenn ihnen mal wieder die Welt erklärt wird."

"Er hat mir vorgeworfen, überempfindlich zu sein"

Doch wie sollte sich eine Frau verhalten? Julia Hamann nahm ihren Stellvertreter nach dem Meeting zur Seite. "Doch er konnte es gar nicht nachvollziehen, dass ich sein Verhalten mir gegenüber als diskreditierend empfand. Stattdessen hat er mir vorgeworfen, überempfindlich zu sein und ein Kommunikationsproblem zu haben", erzählt sie. Hinzu kam außerdem: Der Mann war gekränkt, dass sie ihm Macho-Verhalten unterstellt hatte.

Oft passiert Mansplaining tatsächlich eher unbewusst und meist steckt hinter dem Verhalten ein traditionelles Rollenbild und eine entsprechende Sozialisierung. Häufig wurden Männer, die dazu neigen, Frauen die Welt zu erklären, nach einer klassischen Männerrolle erzogen. Sie sind es gewohnt, dass sie die Kommunikations- und Deutungshoheit innehaben. Kommt dann noch ein Altersunterschied zu einer Frau dazu, steht sie in seinen Augen automatisch auf einer rangniedrigeren Position. Mehr noch: Männer und Frauen unterscheiden sich tendenziell in ihrer Rhetorik, die ebenfalls wiederum mit einer geschlechtsspezifischen Sozialisation zu tun hat.

Männer reden anders, Frauen auch

Die Businesstrainerin Marion Knaths, die sich auf die Beratung von Frauen in Führungspositionen spezialisiert hat, sagt: "Männergruppen kommunizieren hierarchisch, statusorientiert, ausgerichtet jeweils an der ranghöchsten Person." Frauen würden hingegen stärker nonhierarchisch kommunizieren. Das sei besonders in Frauengruppen zu beobachten. Hier diene die Kommunikation dazu, Verbindungen herzustellen. Aber genau dieser Stil habe in Männerrunden und vor allem im Businesskontext Nachteile, wo es um Status, Hierarchie und letztlich auch um Macht geht.

Auch Hamann wusste, dass es letztlich um eine Machtfrage ging. Dass ihr Stellvertreter gerne ihren Job gehabt hätte, aber der Verband lieber eine junge Frau für die Stelle haben wollte. Und sie sah sich in einem Dilemma: über die Kommunikation zu schweigen und sich damit gefallen zu lassen, dass sie nicht als Partnerin auf Augenhöhe akzeptiert wurde, oder in die Offensive zu gehen und damit einen weitaus größeren Konflikt zu riskieren?

Die meisten Frauen entscheiden sich eher dazu, zu schweigen. Gerade im beruflichen Umfeld bedeutet ein offensiver Umgang weitere Angriffe. Denn Frauen wird nach wie vor offensives Verhalten negativ ausgelegt. "Bei Männern ist es akzeptiert, wenn auch nicht wertgeschätzt, wenn einer sein Ego so richtig raushängt", sagt Marion Knaths. Wenn dagegen eine Frau sich so verhält, muss sie Sanktionen befürchten. Zu solchen Sanktionen etwa gehört es, den Konflikt auf die persönliche Ebene zu verlagern. Denn schließlich ist es ja die Frau, die ein Problem hat, und nicht die Männer. Gibt es keine Verbündeten, steht man schnell alleine da. Viele Frauen halten es daher für besser, diplomatisch zu schweigen. Denn als gleichberechtigter Gesprächspartner wahrgenommen zu werden – das lässt sich leider kaum erzwingen.

Julia Hamann sprach über ihre Erfahrung mit anderen Führungsfrauen aus ihrem Netzwerk. Auch hier rieten die meisten, das Verhalten der Männer zu ignorieren und auf der Sachebene weiterzumachen. Hamann befolgte den Rat, auch wenn ihr die Kommunikation unter den Führungskräften oft immer noch missfällt. Vor einigen Monaten hat ihr Arbeitgeber noch zwei weitere Abteilungsleiterinnen eingestellt. Das ändert etwas, sagt Hamann: "Mit dem steigenden Frauenanteil in den Leitungsrunden verändert sich auch der Kommunikationsstil. Und wenn einer der Herren uns wieder einmal unser Fachgebiet erklärt, kann ich jetzt mit meinen Kolleginnen wenigstens darüber lachen."

*Name geändert

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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