Partner von:

Algorithmen-Liebhaber

Statistik Business Geschäftszahlen Geschäftsentwicklung Controlling [© pressmaster - Fotolia.com]

© pressmaster - Fotolia.com

Erste Business-Schools integrieren Big-Data-Kurse in ihr MBA-Angebot. Ein überfälliger Schritt ins digitale Zeitalter oder ein Marketing-Gag?

Die Zahl ist beeindruckend, und sie kommt – wie so oft – aus den USA: 72 Prozent der amerikanischen Business-Schools haben ihre praxisnahen Management-Master mit Abschluss Master of Business Administration (MBA) umgestellt und Kurse in Informatik und Datenanalyse in die Managerausbildung integriert. Weitere 13 Prozent planen dies oder denken ernsthaft darüber nach, wie eine Umfrage des Bildungsdienstleisters Kaplan zeigt (siehe Grafik). Die Digitalisierungswelle hinterlässt ihre Spuren: Ob autonom fahrende Autos, Bezahlen per Smartphone oder virtuelle Planung von Hochhäusern – in nahezu jeder Branche eröffnen datenbasierte Systeme völlig neue Möglichkeiten und Geschäftsideen, viele Firmen erwarten daher von ihren Mitarbeitern heute die entsprechenden Kenntnisse.

Der MBA gilt als Königsklasse unter den Wirtschaftsabschlüssen und richtet sich je nach Form an angehende oder erfahrene Führungskräfte. Während jenseits des Atlantiks breiter Konsens darüber herrscht, dass die praxisnahe Ausbildung für die Manager des 21. Jahrhunderts um digitale Inhalte ergänzt werden muss, steht diese Entwicklung in Europa noch ganz am Anfang. "Die meisten Business-Schools legen ihren Schwerpunkt auf Unternehmensführung, Big Data ist bislang eher ein Randthema", sagt der Bildungsexperte Detlev Kran, Herausgeber des Studienführers MBA-Guide. Dies könne sich aber bald ändern: "Der US-Markt ist der Trendsetter für Europa. Mit etwa zwei Jahren Verspätung kommen dortige Entwicklungen auch bei uns an."

Erste Anzeichen dafür gibt es bereits. So bietet die Technische Universität München in ihrem Executive-MBA-Programm einen Kurs "Digitale Transformation und Entrepreneurship" an, die Berliner Wirtschaftshochschule ESCP Europe nimmt ab dem kommenden Semester "Big Data" und "Virtual Leadership" in ihren Wahlfächerkanon auf, die WHU – Otto Beisheim School of Management in Vallendar bei Koblenz geht 2018 mit einem spezialisierten Lehrstuhl für Digitalisierung im öffentlichen Nahverkehr an den Start.

Auch die renommierte IESE in Barcelona erweitert ihr Angebot um digitale Themen. "Wir passen unsere Wahlfächer laufend an die aktuellen Anforderungen und Entwicklungen an", sagt Dekan Franz Heukamp im Interview mit dem Handelsblatt. "Für mich ist klar, dass der Anteil an Kursen, die sich mit digitalen Geschäftsmodellen befassen, weiter steigen wird."

Nur: Ist ausgerechnet das mit zwölf bis maximal 24 Monaten Studiendauer ohnehin schon extrem komprimierte MBA-Studium der richtige Ort, um in die Tiefen der personalisierten Algorithmen und die Analyse von Bewegungsdaten einzusteigen?

"Man kann diese Themen nur anreißen, mehr nicht", sagt MBA-Experte Kran. Er hat viele Modefächer in der Führungskräfteausbildung kommen und gehen sehen und hält das Streben vieler Business-Schools nach neuen, attraktiven Inhalten in erster Linie für eine Marketing-Maßnahme. "Im MBA-Markt geht es vor allem ums Verkaufen. Die Anbieter suchen nach Alleinstellungsmerkmalen, die ihr Programm von anderen abheben. Sie wollen sexy sein."

IESE-Leiter Heukamp widerspricht: "Natürlich ersetzt ein MBA kein Informatikstudium. Aber unsere Absolventen bekommen von der technischen Seite genug mit, um es sinnvoll mit dem betriebswirtschaftlichen Wissen kombinieren zu können." Es gehe darum, die Absolventen in die Lage zu versetzen, als Führungskraft den Spezialisten die richtigen Fragen stellen zu können – nicht die Algorithmen zu programmieren.

Frank Piller geht sogar noch einen Schritt weiter. "Die Manager von heute müssen viel mehr über Big Data wissen, sie müssen lernen, Algorithmen nicht nur zu verstehen, sondern mit ihnen zusammenzuarbeiten." Piller ist Professor für Technologie und Innovationsmanagement an der RWTH Aachen und Dekan der gerade gegründeten RWTH Business School. Sein Executive-MBA-Programm wendet sich an Teilnehmer, die sich ganz bewusst im Bereich Datenökonomie spezialisieren wollen. "BWL für Ingenieure gibt es schon lange. Wir machen jetzt Informatik für BWLer."

Datenmanagement, Digitale Transformation, Prinzipien der Industrie 4.0, Agile Produktentwicklung – die Wahlpflichtkurse für das Executive-MBA-Studium in Aachen lesen sich wie die Powerpoint-Präsentation eines Unternehmensberaters für digitalen Wandel. Und das ist durchaus Absicht. "Wer Management studiert, für den ist Datenwissenschaft heute genauso wichtig wie Statistik oder Privatrecht", glaubt Piller. "Der Trend geht klar in diese Richtung, aber speziell in wirtschaftlichen Studiengängen gibt es noch viel zu wenige Angebote in diesem Bereich." In diese Lücke will die neue Business-School stoßen.

Einig sind sich die Experten, dass die Zahl der spezialisierten MBA-Studiengänge weiter steigen wird, weil die Firmen zunehmend branchenspezifische Qualifikationen nachfragen. Daher bietet die RWTH Business School ihre Digitalkurse aus dem MBA-Programm auch als Einzelseminare an. Trotzdem sollte bei der Ausbildung von Managern stets die Vermittlung allgemeiner Führungsfähigkeiten Vorrang haben, findet IESE-Dekan Heukamp. "Dazu gehört, verschiedene Wissensbereiche zu integrieren und Geschäftsentscheidungen unter finanziellen, personellen und Marktgesichtspunkten treffen zu können. Das ist für mich das Wesentliche bei einem MBA-Studium."

Für seinen Aachener Kollegen könnte am Ende der Entwicklung das vollständig digitalisierte Studium stehen. Online-Seminare und virtuelle Hörsäle gehören bei den meisten Hochschulen längst zum akademischen Alltag. Doch für Frank Piller ist das nur der erste Schritt. "In zehn Jahren könnte es einen Algorithmus geben, der das Studium jedes einzelnen Studenten verfolgt, auswertet und gezielt Lerntipps oder Empfehlungen für Wahlfächer gibt. Vom Schokoriegel bis zum Turnschuh wird heute alles individualisiert. Es gibt keinen Grund, warum das nicht auch für die Bildung gelten sollte."

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.

nach oben

Auf der Suche nach einem passenden MBA-Programm können auch international anerkannte Rankings helfen – hier findest du die aktuellen Platzierungen.

Verwandte Artikel
Nächste Termine
Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren