Partner von:

Jagd auf vermeintliche Minderleister

Bewertung, Leistungsbewertung [Quelle: tempus corporate, Getty Images]

Quelle: tempus corporate, Getty Images

Leistungsbeurteilungen sind das goldene Kalb der modernen Arbeitswelt. Die Bosse wollen sie, die BWLer berechnen sie und die Mitarbeiter hassen sie.

"Gott hat die Welt nach Zahl, Maß und Gewicht geordnet", heißt es in der Bibel. Viele Unternehmen und Behörden nehmen das wörtlich. Sie machen sich ihre Mitarbeiter zu Untertanen und ernten deren Arbeitskraft, um sie dann mit allen Regeln der Kunst zu vermessen. Leistungsbeurteilung nennt man das. In sechs von zehn Betrieben hierzulande werden die Mitarbeiter einem Monitoring unterzogen, anschließend gibt es Feedback-Gespräche über die Zielvereinbarungen. Vermeintlich objektive Kennzahlen und hochgradig subjektive Bewertungen entscheiden über berufliche Laufbahnen.

Der offizielle Leitfaden für den öffentlichen Dienst beispielsweise nennt eine ganze Palette von Bewertungskriterien. Geprüft wird das "quantitative Leistungsniveau, wie beispielsweise die Anzahl von Bescheiden oder die Anzahl der betreuten Kunden", das "qualitative Leistungsniveau, wie etwa geringe Zahlen von Beschwerden und niedrige Fehlerquoten", das "ergebnisorientierte Leistungsniveau, wie zum Beispiel Kostensenkung, Stellenabbau oder Einnahmesteigerung" und das "verhaltensorientierte Leistungsniveau, wie etwa Kommunikationsverhalten und Teamfähigkeit". Für all diese Punkte gibt es dann eine fünfteilige amtsdeutsche Skala von "Zielerreichung nicht erreicht" bishin zur Bestnote "deutlich übertroffen".

Das klingt auf den ersten Blick vielleicht fair, ganz nach dem abgelutschten neoliberalen Motto "Leistung muss sich wieder lohnen", das seit Helmut Kohl die Runde macht.

Der Lohnarbeiter wird auf Output reduziert

Doch die Leistungsbeurteilungen reduzieren die austauschbaren Lohnarbeiter auf ihren Output und erinnern an die Belastungstests der Stiftung Warentest: "Hier haben wir einen Fahrradrahmen. Jetzt hauen wir tausendmal kräftig drauf – und dann gucken wir mal, wann er bricht." Und wann knicken die Mitarbeiter ein; wann können sie die Anforderungen nicht mehr erfüllen?

Leistungsbeurteilungen entscheiden darüber, wer entsorgt werden muss, weil er oder sie die Note mangelhaft bekommt und somit nicht mehr tauglich ist.

Ethische Bedenken? Fehlanzeige. Der Papst des Neoliberalismus, Milton Friedman, schrieb bereits 1953: "Die Positive Ökonomik ist grundsätzlich unabhängig von bestimmten ethischen Positionen oder normativen Urteilen – sie ist eine 'objektive' Wissenschaft, in genau derselben Bedeutung wie jede der physikalischen Wissenschaften." Solche Zeilen lesen noch heute Heerscharen von VWL- und BWL-Studenten, um dann später als Schreibtischtäter zig Leistungsbeurteilungen zu schreiben, die den Menschen quantifizieren und die Unternehmen gesundschrumpfen sollen.

Fast 20 Prozent der deutschen Konzerne haben sogar einen internen Verteilungsschlüssel (forced distribution), der vorgibt, dass stets ein bestimmter Prozentsatz der Beschäftigten als Minderleister (low perfomer) zu bewerten ist. Egal wie gut man ist, einer muss immer der schlechteste sein. Pionier solcher Verteilungsschlüssel ist Jack Welch, 1981 bis 2001 Chef von General Electric, der jährlich die schlechtesten zehn Prozent seiner Mitarbeiter feuerte. Solche Methoden führen nachweislich dazu, dass sich die Lohnarbeiter vermehrt mobben und sogar sabotieren. Zynischen Unternehmern kann das gerade recht sein, Konkurrenz soll ja das Geschäft beleben.

Wenn Zielvereinbarungen ins Gegenteil umschlagen

Doch selbst aus Unternehmersicht können Zielvereinbarungen leicht ins Gegenteil umschlagen: Ein Hersteller von Bio-Tiefkühlgemüse beispielsweise bezahlte seinen Fließbandarbeitern einen Zuschlag für jeden Käfer oder Wurm, den sie aus dem frisch geernteten Gemüse fischten. Kurz darauf brachten die Arbeiter selbst Insekten von zu Hause mit, um sie dann wieder aus dem Gemüse zu picken.

Abgesehen davon, dass Leistungsbeurteilungen abgeschmackt sind, bergen sie auch etliche Probleme: Für eine internationale Studie wurden über 1.000 Führungskräfte in 11 Industriestaaten befragt, wie sie diese Beurteilungen einschätzen. Zwar sind satte 94 Prozent davon überzeugt, dass sie das Geschäftsergebnis verbessern. Aber nur 39 Prozent denken, dass die derzeitigen Bewertungen auch tatsächlich dabei helfen, dieses Ziel zu erreichen. Darüber hinaus hat man bei etlichen Unternehmen und Behörden den Eindruck, dass die Hälfte der dort geleisteten Arbeitszeit draufgeht, um die eigentliche Arbeit zu überwachen und zu protokollieren. Die Verwaltung dieses Kasperletheaters aus Feedback und Bewertung verschlingt Millionen von Arbeitsstunden und Euros.

nach oben

In unserer Buchreihe erscheinen jedes Jahr Karriere- und Studienratgeber, zum Beispiel zum LL.M., Einstieg ins Consulting, Trainee oder Jobeinstieg als Jurist. Stipendiaten erhalten die Print-Ausgaben frei Haus.

Verwandte Artikel

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren