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Campus Uni Unigelände Studium [Quelle: sxc.hu, Autor: Tom14850]

Campus Uni Unigelände Studium [Quelle: sxc.hu, Autor: Tom14850]

Die Lehre an deutschen Hochschulen hat einen schlechten Ruf. Ein Milliarden-Paket soll helfen. Doch der Geldsegen allein nutzt wenig.

Einmal im Jahr lädt der Würzburger Chirurgie-Professor Christoph-Thomas Germer zu einer ganz besonderen Vorlesung. Kaum ein Platz ist dann mehr im Hörsaal frei, weil bis zu 200 Zuhörer sehen wollen, wie jeweils ein Student mit OP-Kappe bemützt gegen den 49-Jährigen antritt - im chirurgischen Wettnähen etwa. "Schlag den Germer" nennt er das, in Anlehnung an eine Fernsehshow. Für Germer ist das Teil seiner Lehre - und eine Idee, auf humorvolle Art das Fachwissen der Studenten zu prüfen.
 
 Auch sonst hat der Leiter der Chirurgischen Klinik der Uniklinik Würzburg einiges mehr im Lehrrepertoire als so mancher Kollege - ein Quiz-Spiel oder Live-Übertragungen aus dem Operationssaal. Auf seiner Homepage finden sich viele Materialien zur Vorlesung, für die Seite interessieren sich mittlerweile auch Studenten anderer Unis. 20.000 Mal wird die Homepage im Monat abgerufen. Germer sagt: "Ich habe das schönste Fach der Welt." Diese Begeisterung will er seinen Studenten vermitteln, "Empathie transportieren". Und wird dafür nicht nur von seinen Studenten mit Anerkennung überhäuft.
 
 Germers Lehre ist aber noch immer eher die Ausnahme denn die Regel und eine Art Gegenentwurf zum Mittelmaß, das Studenten nicht immer, aber doch immer noch zu häufig an Universitäten und Fachhochschulen erleben. Da gibt es Professoren, die den Begriff Vorlesung nur allzu wörtlich nehmen, die kaum Engagement im Seminar zeigen, die aus Zeitmangel ihre Studenten mit Fragen allein lassen, statt Antworten zu geben.
 
 Schon allein, dass man Vorbilder wie Germer heute stolz präsentiert, ist eine Art Revolution. Das erste Mal in mehr als 500 Jahren Hochschulgeschichte rückt die Lehre nun in den Fokus. Dabei geht es gar nicht immer um die große Show wie bei dem Medizin-Professor. Es geht um die Begeisterung, das Engagement in der Lehre, die oft im Schatten des großen Bruders - der Forschung - steht. Nicht zuletzt der gerade verkündete "Qualitätspakt Lehre", mit dem Bundesbildungsministerin Annette Schavan den Unterricht an den Hochschulen verbessern will, zeigt: Es bewegt sich etwas.
 
 "Die Hochschulen erkennen, dass sie auch mit der Lehre Profil gewinnen können", sagt Johannes Wildt, Leiter des Hochschuldidaktischen Zentrums der TU Dortmund. Ob die künftige akademische Elite an der Hochschule wirklich das vermittelt bekommt, was Arbeitgeber und sie selbst erwarten, ist noch allzu oft dem Zufall überlassen.
 
 40 Prozent der Wirtschafts-Absolventen deutscher Unis fühlen sich laut einer Trendence-Umfrage den Anforderungen des Berufslebens nicht gewachsen. Doch es werden seit ein paar Jahren weniger, bezeugen die Trendence-Zahlen, denn schlechte Vorlesungen, überfüllte Hörsäle und kaum zu bewältigende Prüfungen werden durch die Bologna-Reform und Studiengebühren nicht mehr einfach hingenommen.
 
 "Die Gesellschaft nimmt die Unis mehr in die Pflicht, sich um ihre Studenten zu kümmern", sagt Hans Weiler, einstiger Gründungsrektor der Viadrina-Universität Frankfurt/Oder, der auch an der US-Elite-Universität Stanford gelehrt hat. Vor allem wenn man die Ansprüche der Wirtschaft an die Absolventen ernstnehme, könne man heute nicht mehr so lehren wie vor 20 Jahren, sagt auch Wildt.
 
 Nach Elite und Exzellenz in der Forschung hat nun selbst die Politik erkannt, dass in der Lehre enormer Nachholbedarf herrscht. Zwei Milliarden Euro steckt Bundesministerin Annette Schavan bis zum Jahr 2020 in den "Qualitätspakt Lehre". Vor kurzem hat sie den Hochschulen bekanntgegeben, wer in den nächsten Jahren wie viel aus diesem Fördertopf bekommt. Doch das Problem am Pakt, der lediglich Geld verteilt: "Er wird am Ende nicht furchtbar viel bringen", sagt Weiler.
 
 Die höchste Einzelsumme überweist Schavan an die Universität Münster, mit zusätzlichen 30 Millionen kann die dortige Prorektorin für die Lehre, Marianne Ravenstein, bis 2016 planen. Mit einem Großteil davon wird sie Dozenten, Tutoren und Professoren einstellen, damit sich mehr Lehrende um die größer werdende Zahl der Lernenden kümmern.
 
 Ein Problem der Hochschulen ist die Tatsache, dass die Professoren und Dozenten schlicht zu viele Studenten und zu wenig Zeit haben. Nach Zahlen des Internationalen Zentrums für Hochschulforschung der Universität Kassel investieren Professoren nur 26 Prozent ihrer Zeit in die Lehre und damit weniger als noch in den 1990er Jahren. 38 Prozent gehen in die Forschung. Den Rest - immerhin mehr als ein Drittel - fordern Gremienarbeit und die Bürokratie.

Engagierte Lehre und Lehrer

 Warum aber schaffen es Hochschullehrer wie Christoph-Thomas Germer oder der Münchener Mathematikprofessor Jürgen Richter-Gebert dennoch, ihren Studenten wesentlichen Stoff zeitgemäß zu vermitteln?
 
 "Gute Lehre ist erst einmal engagierte Lehre", sagt Richter-Gebert, der Veranstaltungen mit solch klingenden Namen wie Bonbon-Vorlesung (spannendes Thema abseits der Hauptvorlesung, aber nicht prüfungsrelevant) oder Reporterseminare (keine festgelegten, detaillierten Referatsthemen, sondern ein Themenfeld, aus dem die Studenten das Wichtigste herausfiltern sollen) bietet. "Es geht nicht darum, nur Inhalte, sondern die eigene Begeisterung fürs Fach zu vermitteln", sagt er.
 
 Keine einfache Aufgabe, wenn man die Einführungsvorlesung schon etliche Male gehalten hat. Wer gute Lehre machen will, müsse sich immer wieder neu mit dem Stoff auseinandersetzen, statt die Folien vom vergangenen Semester erneut herunterzubeten.
 
 Immer mehr Hochschulen haben das erkannt, und kümmern sich auch um die Hochschuldidaktik, also die Frage, wie an der Hochschule Wissen vermittelt wird. Fast alle Universitäten haben mittlerweile solche Einrichtungen geschaffen, in Münster will Prorektorin Ravenstein rund 3,5 der 30 Millionen Euro aus dem Qualitätspakt in ein Zentrum für die Lehre investieren. Eine Professur und acht Doktorandenstellen kann sie damit bezahlen, um die Lehrenden zu schulen.
 
 Nur: Verpflichten kann sie die Dozenten und Professoren nicht. Anderswo hat sich gezeigt: Dort, wo es hochschuldidaktische Angebote gibt, ist das Interesse der etablierten Professoren und Dozenten, nun ja, - verhalten. Das liegt wohl auch daran, dass es keine speziellen Angebote nur für erfahrene Professoren gibt. Hier sind die Universitäten gefordert: "Man kann doch von einem Hochschullehrer nicht erwarten, dass er sich mit den Youngsters auf eine Schulbank setzt", sagt Zentrumsleiter Wildt. Es wird daher eine Aufgabe sein, spezifische Angebote je Fachbereich und Erfahrungsschatz zu etablieren.
 
 Doch hat die Masse der Professoren daran überhaupt ein Interesse? Rein aus egoistischen und karrieretechnischen Gründen nicht. An den Unis werden Forscher ausgebildet, keine Lehrer. "Eine Karriere als Hochschullehrer ist nicht abhängig von guter Lehre", sagt der Mediziner Germer. Wichtig für eine Berufung auf eine Professorenstelle ist die wissenschaftliche Leistung, die Zahl der Publikationen. Ein zusätzlicher Fachartikel zählt da mehr als eine gute Vorlesung - auch wenn immer mehr Fakultäten behaupten, dass sie auf die Lehrleistung achten. "Die Fakultäten sagen das zwar, aber der Umgang ist noch sehr oberflächlich", sagt Weiler.
 
 Gerade hier ist der Umbruch sichtbar. Wurden vor ein paar Jahren Studentenbewertungen auch schon mal als verfassungswidrig eingestuft, gibt es sie heute an den meisten Hochschulen - doch die Ergebnisse verschwinden noch viel zu oft in der Schublade. Doch dem Nachwuchs wird zunehmend klar, dass ein guter Forscher, aber grottenschlechter Lehrer bei einer Berufung künftig schlechtere Karten haben könnte.
 
 "Wir sehen die Tendenz, dass jüngere Kollegen der Lehre merklich positiver gegenüberstehen", sagt Weiler. An der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft werden den jungen Kollegen Seminarstunden erlassen, wenn sie sich didaktisch weiterbilden. "Fast alle nehmen das an", sagt Professorin Debora Weber-Wulff. Und neue Impulse könnten auch von den jungen Wissenschaftlern ausgehen, die aus dem Ausland zurückkommen. Sie sehen die Lehre oft mit anderen Augen - weil sie, wie in den USA, auch daran gemessen wurden, ihre Karriere davon abhing. Etliche Dozenten hierzulande schreckt das noch ab.

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