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Ich bin im Büro – holt mich hier raus!

Müdigkeit am Arbeitsplatz [© Andrey Popov - Fotolia]

Quelle:  © Andrey Popov - Fotolia.com

Großraumbüros sind seelenlose Nicht-Orte, die krank machen. Warum sind sie trotz aller Nachteile bei den Unternehmen so angesagt?

Flackerndes Strobo-Neonlicht, miefige Luft, miese Musik, kahle Betonwände, fahle Gesichter. Klingt nach einem Techno-Club, könnte aber auch ein Großraumbüro sein. Moderne Büros sehen aus wie Flughafenterminals, sie sind seelenlose Nicht-Orte: "Der Raum des Nicht-Ortes schafft keine besondere Identität und keine besondere Relation, sondern Einsamkeit und Ähnlichkeit", sagt der französische Anthropologe Marc Augé. Wer ein Großraumbüro betritt, weiß auf den ersten Blick nicht, ob er sich in New York, Tokio oder Berlin befindet – die Büros sind rein funktional und sollen die Insassen mahnen, nicht querzuschießen, sondern einem "größeren Ganzen" zu dienen.

Von einem Großraumbüro spricht man ab einer Fläche von 400 Quadratmetern. Die "Bürolandschaften", wie sie euphemistisch genannt werden, haben völlig zu Recht einen schlechten Ruf, denn sie machen krank. Eine Metastudie aus dem Jahr 2009 hat gezeigt, dass rund 90 Prozent der Beschäftigten über körperliche und psychische Probleme klagen. Am stressigsten ist der hohe Geräuschpegel. Selbst eine mittlere Lärmintensität von 55 Dezibel – die von den Beschäftigen gar nicht bewusst als stressig wahrgenommen wird – führt zu einem deutlich erhöhten Adrenalinspiegel.

In Großraumbüros herrschen jedoch häufig bis zu 70 Dezibel vor, also die Lautstärke eines Rasenmähers. Deshalb verdoppeln sich in solchen Büros die Fehlerquoten bei kognitiven Aufgaben, verglichen mit einem ruhigen Arbeitsplatz. Es grenzt an vorsätzlicher Körperverletzung, dass der Gesetzgeber die Lärmgrenze von 55 Dezibel für Büros wieder aus der Arbeitsstättenverordnung gestrichen hat. Wenn nicht gerade der Lärm nervt, saugen die Klimaanlage oder das künstliche Neonlicht die letzten Lebensgeister aus dem Körper. Bazillen flirren durch den Raum und die Kollegen fetzen sich tagtäglich über die ideale Raumtemperatur. Kein Wunder, dass die Käfighaltung zu einem deutlich erhöhten Krankenstand führt.

Bluthochdruck, kognitiver Verschleiß und Rückenleiden sind die Staublunge der modernen Arbeitswelt.

Die ersten Großraumbüros entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts. Oft funktionierte man ehemalige Lagerhallen um und stellte zig Kolonnen von Schreibtischen hinein. Die Bürosklaven schienen in einer riesigen Galeere zu ackern. Der Autor Robert Walser, der sich damals als Bankangestellter verdingte, schrieb 1913: "Wenn ich im Bureau stehe, werden meine Glieder langsam zu Holz, das man wünscht, anzünden zu können, damit es verbrenne: Pult und Mensch werden eines mit der Zeit." In der Nachkriegszeit versuchte man, die Nicht-Orte etwas attraktiver zu gestalten: 1959 errichtete die Hamburger Firma Quickborner Team für das Verlagshaus Bertelsmann die weltweit erste "Bürolandschaft" in Gütersloh, eine monofunktionale Fläche mit Topfpflanzen, schalldämpfenden Teppichböden und genormten Schreibtischen, die gezielt asymmetrisch angeordnet waren.

Nach diesem Vorbild einer angeblich "humanisierten Arbeitswelt" entstanden die US-amerikanischen cubicles, jene aus US-Filmen bekannten, nur durch dünne Wände voneinander getrennten Arbeitsboxen. Die Raumteiler können zwar ein bisschen Privatsphäre zurückholen, doch sie vermitteln nicht nur das Gefühl einer Legebatterie, sondern führen obendrein zu einer noch schlechteren Luftzirkulation und schneiden die Menschen vollends vom Tageslicht ab. Derzeit schließt sich der Kreis der Geschichte, denn die Großraumbüros erleben in Deutschland ein Comeback – und es ist abermals das Quickborner Team, das solche Räume für Siemens, Vodafone, BASF, Unilever und öffentliche Behörden designt.

Aber warum setzen die Auftraggeber wieder auf Großraumbüros, obwohl deren Probleme bekannt sind? Offenbar haben die BWLer penibel genau errechnet, dass der erhöhte Verschleiß der Mitarbeiter durch andere Faktoren wieder wettgemacht wird. In Großraumbüros lassen sich mehr Leute auf weniger Raum packen. Im Vergleich zu Einzel- oder Zweierbüros sparen die Unternehmen dadurch 20 Prozent der Bau- und späteren Energiekosten. Noch mehr Kosten lassen sich mit Großraumbüros einsparen, in denen die Mitarbeiter keinen eigenen Schreibtisch mehr haben, sondern sich allmorgendlich eine neue Ecke zum Arbeiten suchen müssen, denn die Urlaubs- und Fehlzeiten sind bereits in die künstlich verknappten Arbeitsplätze einkalkuliert. Mit der täglichen "Reise nach Jerusalem" sollen die Lohnarbeiter durchaus den latenten Eindruck vermittelt bekommen, dass sie lediglich ersetzbare Rädchen sind – in Zeiten knapper und umkämpfter Jobs erhöht das den Druck.

Gleichzeitig wandelt sich das Büro zum Erlebnisraum, wo das Berufsleben ins Private übergreift – mit Kickertisch und Chill-out-Ecke für das After-Work-Bierchen. Aus dem reinen Broterwerb soll eine Passion werden; zum altbekannten Leistungszwang gesellen sich nun auch der Gruppen- und der Fröhlichkeitszwang. Konstantin Bark, Pressesprecher von Unilever, sieht das jedoch anders: "Das Büro wird immer mehr zu einem Ort, um Menschen zu treffen und mit ihnen zu kommunizieren. Die Arbeitsumgebung soll inspirierend wirken, den Teamgeist stärken und vor allem Spaß am Arbeiten vermitteln." Die Konzerne fabulieren gerne von der angeblichen "kommunikativen Teambildung", die in solchen Büros stattfinden soll – in der Praxis mehren sich jedoch die Mobbingfälle aufgrund des Lagerkollers. Mitarbeiter, die nur drei Meter voneinander entfernt sitzen, schreiben sich noch immer E-Mails. Und wer vom Lärm genervt ist, schottet sich mit Kopfhörern ab – sofern das erlaubt ist.

Der wichtigste Punkt dürfte die soziale Kontrolle sein: Zwar erhöht es nachweisbar den Stresslevel der Mitarbeiter, wenn man keine Privatsphäre mehr hat, doch den Bossen kann das gerade recht sein. Großraumbüros sind das Panoptikum in Perfektion. Zum einen sehen die Bosse alles und jeden – Glaswände sind dabei besonders hilfreich. Zum anderen überwachen die Lohnarbeiter sich auch gegenseitig: Jeder kann den Bildschirm des anderen sehen, kaum einer wagt es, kurz mal bei Facebook, YouTube oder auch bei ZEIT ONLINE vorbeizuschauen. Niemand greift zum Hörer, um mit den Verwandten zu telefonieren. Niemand guckt einfach durchs Fenster, um die Vögel zu beobachten.

Im Großraumbüro grassiert die soziale Kontrolle

Dieser Aspekt ist nicht marginal. Obwohl viele Erwerbstätige innerlich bereits gekündigt haben, huldigen sie zugleich dem Arbeitsfetisch der Bosse und Bonzen. "Derjenige, welcher der Sichtbarkeit unterworfen ist und dies weiß, übernimmt die Zwangsmittel der Macht und spielt sie gegen sich selber aus; er internalisiert das Machtverhältnis, in welchem er gleichzeitig beide Rollen spielt; er wird zum Prinzip seiner eigenen Unterwerfung", wie Michel Foucault feststellte. Das Großraumbüro ist der perfekte Nicht-Ort, um diese Selbstdisziplinierung architektonisch zu manifestieren. Wer Däumchen dreht, bummelt oder früher Feierabend macht, schlägt dem Boss eigentlich ein Schnippchen, doch bereits von seinen Leidensgenossen – die ja im selben Boot sitzen – erntet man missgünstige Blicke. Die Mobber vergewissern sich ihrer Identität als fleißige Helden der Arbeit, nur so können sie ihr eigenes Elend ertragen und sich jeden Morgen zur Arbeit schleppen.

"Die Kontrollgesellschaften sind dabei, die Disziplinargesellschaften abzulösen", schrieb der Philosoph Gilles Deleuze. Heutzutage gibt sich die Autorität einen hippen Anstrich, der cool und easy wirken soll – doch dadurch ist sie nicht minder autoritär. Insofern ähneln die modernen Großraumbüros Gefängnissen, mit deren Insassen ein perfides Spiel getrieben wird. Alles Individuelle, alles Abweichende, alles Aufmüpfige soll sich in der Bürolandschaft auflösen wie Zucker im Kaffee. Der Soziologie-Pionier Siegfried Kracauer bemerkte schon 1930 über die aufkommenden Büros, dass die "stumpfen Arbeitsbedingungen zu Einbußen des Persönlichkeitswertes" führen. Damals arbeiteten knapp 15 Prozent der Erwerbstätigen in Büros, heute sind es rund 50 Prozent – Großraumbüros machen gegenwärtig etwa ein Fünftel aller Büroflächen aus, Tendenz steigend. Damals wie heute gilt: Der Wert einer Person bemisst sich allein am Umsatz des Unternehmens. Und damals wie heute gilt: Wenn es die Hölle wirklich gibt, dann ist sie ein Büro.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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