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Nomaden der Neuzeit

Blick auf einen japanischen Garten

Quelle: Freeimages.com, Vorarlberg

Sie haben in unterschiedlichen Ländern der Welt gelebt, studiert und gearbeitet, und sie haben viel gemeinsam: Im Ausland vermissen sie das deutsche Brot - und bei der Rückkehr in die Heimat stört sie die deutsche Unfreundlichkeit. Kommt dazu die Reizüberflutung durch eine japanische Großstadt, ist das Gefühlschaos perfekt.

Am schwierigsten war, dass ich als Europäer überall aufgefallen bin und ständig neugierig beäugt wurde.

Christopher

Beim ersten Besuch eines japanischen Frisörs musste es auch ohne Worte gehen. Stattdessen nahm Alumnus Christopher Hände und Füße zu Hilfe - und kam auch auf diese Weise zu seiner Wunschfrisur. Den ersten Kontakt mit der Kultur hatte er zu diesem Zeitpunkt allerdings schon hinter sich: "Ein halbes Jahr vor meiner Promotion war ich für einen Sommerkurs in Japan", erzählt der 30-Jährige, der heute im Qualitätsmanagement eines Autozulieferers arbeitet. "In den ersten beiden Wochen war ich von den unzähligen neuen Eindrücken, der lauten Stadt und den vielen Menschen total reizüberflutet. Dabei hatte ich das Gefühl, mich nicht richtig mitteilen zu können." 

Konfrontation mit unerwarteten Reaktionen

Der Begriff Kulturschock wurde 1960 von dem US-amerikanischen Anthropologen Kalervo Oberg geprägt. Er fand heraus, dass jeder längere Auslandsaufenthalt zu seelischer und körperlicher Belastung führt, die durch das neue Lebens- und Arbeitsumfeld verursacht wird. Der Kulturschock ist eine Art emotionaler Desorientierung, die durch die Konfrontation mit unerwarteten und unverständlichen Reaktionen des Umfelds entsteht. Man selbst fühlt sich missverstanden und weiß nicht, wie man sich richtig verhalten soll. Dazu können körperliche Symptome wie Appetitlosigkeit, Schlafstörungen oder Bluthochdruck kommen.

Sprachbarriere Japanisch

Nach knapp vier Monaten gelangte Alumnus Christopher an einen vorübergehenden Tiefpunkt: "Die schwere Sprache treibt einen in die Isolation. Viele Japaner können zwar gut Englisch, trauen sich aber nicht, die Sprache zu sprechen." Das Gefühl, das er beschreibt, konnte auch Oberg in seinen Studien beobachten. Der Wissenschaftler entwickelte ein Modell, das auch heute noch als idealtypisch für den Kulturschock gilt.

Am Besten sucht man sich vor seinem Aufenthalt andere Deutsche, die schon mal im gleichen Land waren. Sie kennen beide Kulturen und können einem am meisten über die unterschiedlichen Lebensweisen sagen.

Patrick

Sich einzuleben, fiel e-fellow Patrick in Mexiko nicht besonders schwer: "Ich kannte aus meinem Studentenwohnheim zu Hause schon viele Mexikaner und hatte auch Kontakt zu Deutschen, die in Mexiko waren. Mein Gefühl war, dass ich gut in die Kultur passe." 

Die Rückkehr: ein neuer Kulturschock?

Die Rückkehr nach Deutschland hat der Wirtschaftsingenieur-Student jedoch als schwierig empfunden: "Am Anfang habe ich mich total darüber gefreut, wieder zu Hause zu sein. Doch dann ist mir bewusst geworden, wie unhöflich die Menschen in Deutschland miteinander umgehen und in was für einer Ellbogengesellschaft wir leben." Viele Menschen erleben bei der Rückkehr in die Heimat Ähnliches wie bei ihrem Auslandsaufenthalt: Sie durchleben die Phasen des Kulturschocks von der Euphorie bis zur Akkulturation. Jürgen Bolte, Professor für Interkulturelle Wirtschaftskommunikation an der Universität Jena, erweiterte das Modell um die "Phase der Missverständnisse".

Die Phasen des Kulturschocks

  • Euphorie ("honeymoon stage"): Man freut sich auf das Neue und reagiert anfangs überschwänglich, weil man nur das (positiv) Erwartete wahrnimmt.
  • Missverständnisse: Man erkennt die Normalitätsregeln der Zielkultur teilweise nicht und erzeugt Missverständnisse, weist sich aber als Neuankömmling selbst die Schuld zu.
  • Kollision ("crisis"): Die Ursachen der Missverständnisse bleiben einem verborgen, man weist den anderen die Schuld zu, resigniert teilweise und neigt zu einer starken Aufwertung der eigenen Kultur.
  • Akzeptanz der Unterschiede ("recovery"): Die Unterschiede zur eigenen Kultur werden akzeptiert und Widersprüche werden ausgehalten. Man bemüht sich darum, die andere Kultur zu verstehen.
  • Akkulturation ("adjustment"): Man versteht die Unterschiede weitgehend und tendiert sogar dazu, Verhaltensweisen aus der anderen Kultur zu übernehmen.
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