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Karriere auf der Kriechspur

Freshfields Bruckhause Karriere (Autor: adam121, Quelle: Fotolia.com)

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Banken, Beratungen und Kanzleien bieten die Karriere im Schongang an – weniger Geld, dafür mehr Freizeit. Doch intern droht die Zweiklassengesellschaft.

Sechzig Stunden pro Woche arbeiten? Für Frank Münzberg undenkbar. Der junge Anwalt mit Prädikatsexamen heuerte nach dem Referendariat in einer Großkanzlei an und saß schon nach vier Jahren in der Karrierefalle.

Seinen richtigen Namen möchte der Jurist nicht nennen, zu groß die Sorge, in einer leistungsgetriebenen Branche für immer als ambitionslos zu gelten. Denn in der Großkanzlei gab es für Münzberg nur zwei Optionen: entweder deutlich mehr arbeiten und Partner werden. Oder weitermachen wie bisher und angestellter Anwalt bleiben. Doch das würde gleichzeitig das Ende seiner Karriere bedeuten. Getreu dem Motto vieler Großkanzleien: Up or Out!

Um dem zu entgehen, zog er lieber gleich die Konsequenzen aus seinem Bedürfnis nach mehr Zeit für die Familie. Und tauschte den Anwaltsberuf gegen eine Stelle in der Rechtsabteilung eines Konzerns ein.

Unvollendete Karrieren wie diese kennen Großkanzleien, aber auch Unternehmensberatungen und Investmentbanken zuhauf. Doch statt wie Münzbergs Arbeitgeber zu resignieren und die Talente ziehen zu lassen, stemmen sich andere mit aller Kraft gegen diese Entwicklung. Und zwar, indem sie weit mehr bieten als die gängigen Angebote wie Sabbaticals, Homeoffice und Teilzeit. Sie locken die Generation Y mit einer Art Karriere im Schongang: Pünktlicher Feierabend, abgeschaltete Handys nach Dienstschluss, mehr Zeit für Freunde und Familie – so lauten die Eckdaten dieser alternativen Karrierepfade. Im Gegenzug muss die junge Generation auf üppige Gehälter, prestigeträchtige Projekte und eine steile Karriere verzichten. Vorreiter dafür ist die Großkanzlei Linklaters, die Anfang Mai ein solches Alternativprogramm vorstellte.

Leistungsbereit und pausenaffin

Während Experten und Branchenkenner schon vor einer Zweiklassengesellschaft in den Büros warnen, sehen die Unternehmen keinen anderen Ausweg, um der Generation Y mehr Freiheiten einzuräumen. Denn die Prioritäten der Hochschulabsolventen sind klar: Im Arbeitgeberranking 2016 der Beratungsgesellschaft Universum etwa gehörte eine gute Work-Life-Balance zu den wichtigsten Karrierezielen der 1414 befragten Jurastudenten. Passend dazu schaffte es mit Freshfields nur eine Großkanzlei unter die Top 20 der beliebtesten Arbeitgeber. Bei den Beratungen sieht es ähnlich aus. Im Consulting-Monitor von Odgers Berndtson gaben zuletzt 61 Prozent der Befragten an, als Berater nicht so viel Zeit für Freunde und Familie zu haben, wie sie sich wünschen. 71 Prozent würden gern raus aus der Arbeitstretmühle und in ein Unternehmen wechseln.

"Die Generation Y ist zwar leistungsbereit", sagt Regine Graml, Professorin für Personalmanagement an der Fachhochschule Frankfurt, "aber sie will nach arbeitsintensiven Phasen ihren Ausgleich haben." Anders formuliert: Sie will Karriere machen, aber nicht um jeden Preis.

Linklaters etwa bemerkt schon seit einigen Jahren, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Bewerber und Angestellte immer wichtiger wird. Klar, Teilzeitangebote, Sabbaticals und Homeoffice gibt es auch bei der Großkanzlei seit Jahren. Das neue Arbeitszeit- und Karrieremodell aber sorgte in der Branche für Aufsehen: Yourlink garantiert feste Arbeitszeiten. Das Programm reicht von einer 40-Stunden-Vollzeitwoche bis hin zu verschiedenen Teilzeitvarianten. Wann der Anwalt morgens anfängt und abends in den Feierabend verschwindet, stimmt er mit seinem Vorgesetzten ab. "Wir wollen den Mitarbeitern ein maßgeschneidertes Modell anbieten", sagt Linklaters- Personalchef Thomas Schmidt. Außerdem ist allen Beteiligten bewusst, dass die Kollegen auf dem alternativen Karrierepfad nach Feierabend nicht mehr in ihre Mails schauen und das Handy ausschalten. "Solche Regeln zur Nichterreichbarkeit sind sinnvoll", sagt Personalmanagement-Professorin Graml. "Alleine die Erwartung, erreichbar zu sein, stresst die Mitarbeiter."

Wer die Vorzüge von Yourlink genießen möchte, muss allerdings in mehrerlei Hinsicht verzichten. Zum einen begnügen sich Mitarbeiter mit geregelten Arbeitszeiten mit einem Einstiegsgehalt von 80.000 Euro. Ein normaler Vollzeitbeschäftigter erhält 120.000 Euro. Zum anderen verzichten sie von vornherein auf den Einzug in die Chefetage: Es ist ausgeschlossen, eines Tages Partner zu werden. Dafür müssten sie zurück auf den klassischen Karrierepfad wechseln.

Die größte Herausforderung für Linklaters dürfte es daher künftig sein, die Arbeit sinnvoll und gerecht aufzuteilen. Sicher, Gutachten mit vorgegebener Frist oder Gerichtsprozesse können problemlos auch von Anwälten des Yourlink-Programms übernommen werden. Übernahmen und Fusionen federführend zu betreuen dürfte dagegen unmöglich sein: Dort verlangen die Mandanten permanente Erreichbarkeit.

Was theoretisch gut klingt, muss sich nun in der Praxis beweisen. Zwar haben sich schon einige Interessenten gemeldet. Wirklich umgestiegen ist aber noch niemand.

Auch wenn Experten solche Angebote grundsätzlich begrüßen, so warnen sie gleichzeitig vor den Gefahren: "Wer über längere Zeit einen alternativen Karriereweg einschlägt", sagt Lena Hipp vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, "der wird selten befördert." Bei den großen Projekten seien jene Angestellten selten dabei. Dadurch könnten sie sich weniger profilieren und allenfalls langsam aufsteigen.

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