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Lieber morgen als heute

[© christianmutter - Fotolia.com]

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Die Unzufriedenheit im Job wächst. Dennoch wagen derzeit nur wenige einen Jobwechsel. Eine trügerische Sicherheit. Dabei ergeben sich aktuell durchaus interessante Chancen.

 

 

 Der Job schlägt Manfred Pragel (Name geändert) derzeit gewaltig auf den Magen. Sein Arbeitgeber, Siemens in München, kommt aus den Schlagzeilen nicht heraus. Immer mehr Kollegen werden in Transfergesellschaften geparkt, Abteilungen zusammengelegt. Die Belastung steigt seit Monaten. An seine Karriere denkt Pragel schon lange nicht mehr. Sein einziges Ziel: den Tag überstehen.
 
 Er weiß: Wer so fühlt, sollte besser seinen Hut nehmen. Es wird ja nicht besser dadurch, dass man den Frust in sich hineinfrisst. Aber jetzt? In diesen Zeiten? Die Bedingungen dafür sind "wohl denkbar schlecht", findet der 42-Jährige. "Woanders gibt es auch keine guten Jobs - und schon gar keine gut bezahlten."
 Trotz steigendem Jobfrust die Krise aussitzen und den Ärger aushalten - nicht wenige denken gerade so. Die Stimmung in den Unternehmen ist auf dem Nullpunkt. Steigender Druck und innere Kündigung zermürben die Belegschaften bis in die Führungsetagen hinein. Jeder dritte Arbeitnehmer in Deutschland beurteilt seinen Job als schlecht, so eine DGB-Studie. Eine Umfrage des Institutes für Mittelstandsforschung an der Leuphana Universität Lüneburg, an der mehr als 2.200 Fach- und Führungskräfte teilgenommen haben, ermittelte wiederum: Nur jeder Zweite rechnet 2009 noch mit einem beruflichen Aufstieg.
 
 Doch statt sich intern nach Alternativen umzusehen oder auf Jobsuche zu gehen, verfallen die Betroffenen mehrheitlich in Lethargie. Die früher oft geforderte Mobilität der Arbeitnehmer - sie sinkt.
 
 Das belegt auch eine Umfrage, die die Personalberatung Lachner Aden Beyer & Company Mitte Juni exklusiv für die WirtschaftsWoche unter 392 Managern durchgeführt hat: Zwar gab knapp die Hälfte der Befragten (49 Prozent) an, dass sich ihre Wechselbereitschaft in den vergangenen zwölf Monaten erhöht habe. Doch zeigt das nur deren grundsätzliche Abwanderungsgedanken. Verglichen mit dem Vorjahr hat der Wille zum Wechsel deutlich abgenommen: Damals sahen sich noch 63,2 Prozent auf dem Sprung.
 
 Die Lage könnte kaum widersprüchlicher sein. Auf der einen Seite furchtsames Stillhalten, auf der anderen rechnet jeder Zehnte mit dem Verlust seines Arbeitsplatzes, weitere 6,4 Prozent halten ihre Kündigung gar für "sehr wahrscheinlich".
 
 Trotz der wachsenden Angst vor Entlassung "verharren viele wie das Kaninchen vor der Schlange", wundert sich Marcel Derakhchan, Managing Partner bei LAB. "Es gibt eine Art Schockstarre in den Köpfen."
 
 Insbesondere jene, die in einer stark angeschlagenen Branche oder in einem trudelnden Unternehmen tätig sind, leben derzeit gefährlich. Zwar gibt es ein paar Tricks, Leistungsträger trotz Sozialauswahl im Unternehmen zu halten. "Aber wer sagt, dass man Sie so einstuft?", fragt der Stuttgarter Personalberater Michael Heidelberger spitz. Und selbst das kann sich derzeit von Quartal zu Quartal schlagartig ändern.
 
 Immer wieder beobachtet der Headhunter, dass die Leute so lange auf ihrem Stuhl sitzen bleiben, bis der ihnen "unterm Hintern weggezogen wird" - selbst wenn klar ist, dass es Entlassungen geben wird und die Einschläge längst näher kommen.
 
 Natürlich lässt sich nicht wegreden, dass Jobwechsel aktuell riskant sind. So ist für die meisten Umsteiger auch bei bester Marktrecherche nur schwer zu erkennen, wie gut das neue Unternehmen wirklich dasteht. Hinzu kommen das Risiko der Probezeit sowie der Zwang, sich erst wieder einarbeiten zu müssen. Als Neuer verfügt man eben weder über ein Netzwerk im Unternehmen noch über einen tragfähigen Leumund. Rolle und Status müssen erst wieder mühsam gefunden beziehungsweise aufgebaut werden. Das ist unbequem.
 
 Doch darin läge immer auch eine Chance, findet zum Beispiel Axel Deuser. Im Januar gab der 43-Jährige seinen Job als Senior Sales Manager beim Finanzdienstleister HBOS auf, um als Leiter der Regionaldirektion Wiesbaden beim Mitbewerber Delta Lloyd anzuheuern. Klar, sei ihm damals bewusst gewesen, einen sicheren Arbeitsplatz aufzugeben. Aber das war für ihn Nebensache: "Der Karriereschritt hatte Vorrang."
 
 So warnen Personalberater, sicher nicht ganz uneigennützig, vor zu viel Argwohn: "Unternehmen, die jetzt einstellen, tun dies, weil sie wirklich Bedarf haben", sagt Wolfgang Lichius, Partner der Kienbaum Executive Consultants. Entsprechend sicher sei der neue Arbeitsplatz und vielversprechend dessen Perspektiven.
 
 Auch Alexander Kunkel war zunächst skeptisch. Eine umfassende Internet-Recherche und vier Gespräche gingen voraus, bevor der studierte Physiker und Chemie-Werksleiter als Geschäftsführer bei dem Lack-Spezialisten Kwasny einstieg. Im Zeitalter von Online-Netzwerken und Bewertungsplattformen, ist Kunkel überzeugt, könnten sich seriöse Firmen reine Lockvogelangebote nicht leisten. "Die müssen halten, was sie versprechen."
 
 Wenn überhaupt, dann sind es auch genau diese Punkte, die die umworbene Klientel zum Umsatteln bewegt. 76,5 Prozent der Wechselwilligen suchen in erster Linie Entwicklungschancen im neuen Job, ebenso viele wollen mehr Kompetenz und Verantwortung, gaben etwa die Fachkräfte des LAB-Panels an. Danach allerdings folgte schon mit rund der Hälfte aller Nennungen der Wunsch nach einem deutlichen Gehaltsplus.
 
 Er ist nicht völlig vermessen. Tatsächlich sind viele Positionen, die jetzt besetzt werden, von vorneherein so angelegt, dass man sich dort profilieren kann. Beim Gros der Unternehmen stehen drastische Sparrunden an, nicht wenige benötigen staatliche Zuschüsse. Was für die Firmen dramatisch ist, eröffnet Controllern, Einkaufsoptimierern und Finanzexperten einige Optionen, zu zeigen, was sie können. Ebenso stehen zahlreiche Geschäftsabläufe auf dem Prüfstand, was wiederum IT-Spezialisten in die Karten spielt.
 
 Wer das richtige Know-how mitbringt und beispielsweise weiß, wie über IT-Rationalisierung und Automatisierung Kosten zu senken sind, kann sich beruflich verbessern. Vor allem Anbieter, die sowohl die Beratung als auch die Umsetzung möglichst individueller Softwarelösungen im Portfolio haben, buhlen derzeit um Umsteiger.
 
 So fahndet etwa das Software- und Beratungshaus IDS Scheer nach 80 bis 100 solcher neuen Kollegen, 200 offene Positionen möchte der IT-Dienstleister Logica besetzen. Im Gegenzug bieten die Firmen häufig schnelle Projektverantwortung, flache Hierarchien und Weiterbildung.
 
 Insbesondere Mittelständler nutzen gerade die Krise, um Top-Kräfte ins Haus zu holen, die unter anderen wirtschaftlichen Bedingungen eher in internationale Konzerne gegangen wären.
 
 Hans-Jochen Beilke, Geschäftsführer des in Baden-Württemberg ansässigen Motorenherstellers EBM-Papst, sagt offiziell zwar nur, jeden zu übernehmen, der in seinem Haus eine gute Diplomarbeit schreibt. Inoffiziell aber - wissen Insider - sind längst Headhunter auf Abwerbemission unterwegs.
 
 Die hausieren auch für andere Unternehmen. Pikanterweise zählt dazu ausgerechnet die Finanzbranche. Die Deutsche Bank oder die Credit Suisse zum Beispiel versuchen aktuell gezielt, die Schwäche der Konkurrenz auszunutzen, um sich deren Top-Kräfte einzuverleiben. Dabei locken sie vor allem mit Boni, auf die die Finanzexperten woanders gerade verzichten müssen.
 
 Es sind vor allem die Spezialisten, die jetzt von der Krise profitieren und sich das in den vergangenen Jahren aufgebaute Know-how sowie die Kontakte versilbern können. Es sind Leute wie Rainer Lang.
 
 Anfang des Monats wechselte Lang zu Siemens. Anders als Pragel bereitet ihm die Situation dort aber kein Magengrimmen, im Gegenteil: Bei seinem vorherigen Arbeitgeber ThyssenKrupp hatte er sich auf die Bekämpfung und Prävention von Wirtschaftskriminalität spezialisiert. Das Wissen wird in München dringend gebraucht. Bei Siemens schnürte man ihm deshalb ein attraktives Angebot: mehr Befugnisse und die Chance zu weltweiten Einsätzen gehören ebenso dazu wie satte 50 Prozent Gehaltsaufschlag.
 
 Angst, dass irgendetwas schiefgehen könnte, hat der frischgebackene Director Forensic Audit nicht. "Ich kann jederzeit woanders hingehen."
 
 Wer sich im Job unwohl fühlt und mit dem Gedanken spielt, umzusteigen, sollte allerdings "vor der Welle reiten", rät die Münchner Karriereberaterin Anette Adelmann. Denn ist erst einmal bekannt, dass irgendwo Personal abgebaut wird, würden Bewerbungen von dort zunehmend skeptischer begutachtet. Dahinter steckt nach wie vor das Klischee der Personaler, dass Top-Talente zu diesem Zeitpunkt längst abgewandert sind. Schließlich gehört zum Leistungsträger dazu, frühzeitig informiert zu sein.
 
 Doch wie sollte man dabei vorgehen? Am besten mehrdimensional und bloß nicht übereilt, raten die Experten. Zunächst sollten Interessierte ihr Profil in relevanten Business-Netzwerken einstellen und bestehende Kontakte aktivieren beziehungsweise ausbauen - online wie offline.
 
 Die überstürzte Kontaktaufnahme zu Headhuntern bringt dagegen nichts. Allein Christoph Nehring, Inhaber des Hanseatischen Personalkontors, bekommt jeden Monat rund 3.000 Initiativbewerbungen auf den Tisch. Vor der Krise waren es 30 Prozent weniger. Gleichzeitig ist in der gesamten Branche die Auftragslage im Schnitt um ein Drittel zurückgegangen. "Was da nicht passt, wird sofort aussortiert", sagt Nehring.
 
 Zu den Umstiegsvorbereitungen gehört aber auch, die neuen Aufgaben sowie das eigene Können kritisch zu hinterfragen. Wer sich jetzt beruflich verändert, wechselt allenfalls zu einem neuen Arbeitgeber - aber nicht aus der Krise heraus.
 
 "Eine Zeit für Schönwettersegler ist das definitiv nicht", betont Headhunter Nehring. Wer jetzt umsteigt, "der braucht nicht nur eine robuste Natur, er muss den Job auch wirklich können".

 

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