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Wenn im Osten die Karriere startet

Basilius-Kathedrale in Moskau

Quelle: freeimages.com, stagod

Mittel- und Osteuropa tauchen als mögliche Arbeitsplätze in den Medien nur dann auf, wenn es um Jobs geht, die von Deutschland dorthin verlagert werden. Allerdings kann die Region zwischen Balkan und Baltikum für deutsche Arbeitnehmer auch eine Chance sein - besonders für junge Berufstätige. Vorher empfiehlt sich aber, ein Praktikum dort zu machen.

Am Anfang hatten selbst Harald Ueblers Freunde eine Menge Vorurteile. "Mein Gott, muss der schlecht sein, wenn er nach Tschechien geht", mutmaßten einige, als sie hörten, dass der 28-Jährige nach seinem BWL-Studium an der Uni Passau im Herbst 2004 bei Bosch Diesel im tschechischen Jihlava einstieg. Doch der Alumnus von e-fellows.net hat sein eigenes Rezept, um Vorurteile abzubauen: "Ich habe mir zum Ziel gesetzt, möglichst viele hierher einzuladen." Die Reaktion seiner bisherigen Besucher sei immer die gleiche gewesen: "Die staunen Bauklötze." 

Next job? Next exit!

Zum einen kann sich Harald Ueblers Job sehen lassen: Bei Bosch betreut er ein Programm von SAP zur Fertigungsplanung und –steuerung sowie zum Bearbeiten von Kundenaufträgen. Das Angebot von Bosch für diesen Job überzeugte ihn so sehr, dass er sich in Deutschland nicht mehr bewarb.

Zum anderen ist die wirtschaftliche Dynamik in der Region um das 50.000-Einwohner-Städtchen Jihlava, eine Stunde Autofahrt von Prag entfernt, nach Ueblers Erzählungen beeindruckend. "Es geht mehr nach vorne, weniger Stillstand oder gar rückwärts wie in Deutschland." Er nennt ein anschauliches Beispiel: "Auf der Autobahn habe ich schon Schilder gesehen, auf denen stand: 'Next job? Next exit!'" - in Deutschland kaum vorstellbar. Zwar sind die Gehälter in Tschechien niedriger als in Deutschland - dafür aber auch die Preise. "Man kann hier für 20 Euro einen gewaltigen Abend erleben, mit Essen gehen, Cocktails und so weiter", erzählt Harald Uebler. Auch "Haare schneiden unter zwei Euro" sei normal. Ein niedrigeres Gehalt bedeute daher nicht eine niedrigere Lebensqualität.

Statt in den Fernen in den ganz nahen Osten

Dass er einmal in Jihlava landen würde, konnte der Alumnus von e-fellows.net vor knapp zwei Jahren selbst noch nicht ahnen. Die Autoindustrie hatte ihn zwar schon immer begeistert und nach Osten hatte er für ein Praktikum am Ende seines Studiums auch gewollt - aber eigentlich in den Fernen Osten. Doch das in Asien auftretende SARS-Virus schreckte ihn ab und die Angst, dass drei Monate ohnehin zu kurz für ein Praktikum dort wären. Mit Hilfe seines Bosch-Mentors von e-fellows.net (mehr zum Mentorenprogramm) kam er stattdessen zu einem Praktikum in den ganz nahen Osten - in die Logistik von Bosch im tschechischen Jihlava. Da Ueblers Oma Sudetendeutsche ist, war er bereits vor dem Fall der Mauer in Tschechien - und gespannt, wie sich dass Land inzwischen entwickelt haben würde. Das Praktikum war dann jedoch keineswegs nur kulturell, sondern auch inhaltlich sehr spannend für Harald Uebler. Und das Beste: Am Ende erhielt er ein Jobangebot von Bosch. 

Nach Traineeprogramm als Abteilungsleiter gen Osten

Geschichten wie die von Harald Uebler kann man bei Bosch inzwischen öfter hören. So weiß er von einem weiteren jungen Deutschen, der in Jihlava eingestiegen ist. Nadja Horn, die bisher bei Bosch Rexroth die internationalen Praktikanten und Diplomanden betreute, erzählt von zwei deutschen Absolventen, die als Vertriebsingenieur und Controller nach Tschechien gingen.

 Doch auch Unternehmen anderer Branchen bieten die Aussicht auf einen spannenden Einstieg in Mittel- und Osteuropa. "Im Grunde suchen wir laufend Verstärkung für Osteuropa", sagt zum Beispiel Stefanie Saga aus dem Personalmarketing und Personalrecruiting des Bekleidungseinzelhändler Peek & Cloppenburg). Das Unternehmen hat zuletzt neue Bekleidungshäuser in Polen, Tschechien und der Slowakei eröffnet und will in weitere osteuropäische Länder expandieren. Wenn eine neue Filiale eröffnet wird, stammt am Anfang der eine oder andere Mitarbeiter aus Deutschland, "damit wir unsere Unternehmenskultur rüberbringen und in dem Land verankern können", wie es Saga ausdrückt. Dabei haben auch die Trainees von Peek & Cloppenburg am Ende ihres Programms die Möglichkeit, als Abteilungsleiter nach Mittel- und Osteuropa zu gehen.

"Russland ist ein großes Thema"

Natürlich bedeutet all das nicht, dass jenseits der Grenzen haufenweise Jobs auf deutsche Hochschulabsolventen warten. Auch gleicht es den Verlust von Arbeitsplätzen in Deutschland bei weitem nicht aus. Dennoch scheinen im Zuge der EU-Osterweiterung nicht mehr nur deutsche Firmen ihre Chancen in der Region zu sehen, sondern auch mancher deutsche Arbeitnehmer. "Es gibt eine zunehmende Zahl von Deutschen, die eine hohe Affinität zu Osteuropa hat und sagt: 'Ich würde gerne ein paar Jahre dorthin'", erzählt Stefan Kasperek, der den dortigen Arbeitsmarkt bestens kennt. Mit seiner Personalberatung EAST sucht er seit über 15 Jahren im Auftrag von Unternehmen gezielt nach Arbeitskräften für ihre mittel- und osteuropäischen Niederlassungen. Gerade junge Berufstätige wollen nach seinen Erfahrungen gerne für einige Zeit dort arbeiten. Wie Harald Uebler, der drei Jahre in Tschechien bleiben und dann nach Deutschland zurückkehren möchte. Besonders vielversprechend sind nach Einschätzung von Stefan Kasperek derzeit Russland, die Ukraine, Rumänien oder Bulgarien. "Gerade Russland ist ein großes Thema." Dorthin verlagere sich das Interesse der großen Firmen, nachdem sie ihre Werke in den neuen EU-Ländern bereits seit Anfang der neunziger Jahre aufgebaut haben. Der Mittelstand entdeckt dagegen jetzt verstärkt Länder wie Ungarn, Tschechien oder Polen für sich. 

Für das Interesse an einen Arbeitsaufenthalt in Mittel- und Osteuropa gibt es verschiedene Gründe. So hat die EU-Osterweiterung die Region als Markt noch mehr ins öffentliche Bewusstsein geschoben. "Das Interesse für internationale Einsätze steigt auch deshalb, weil Chancen vorhanden sind, aktiv am Auf- und Ausbau von Fertigungswerken und Vertriebs- aktivitäten in den osteuropäischen Ländern mitzuwirken", nennt Nadja Horn von Bosch Rexroth ein weiteres Argument für das gestiegene Interesse. Denn viele Unternehmen würden in Osteuropa noch ihre Werke ausbauen. Gerade für Hochqualifizierte wie Harald Uebler bietet Mittel- und Osteuropa aber einen weiteren Vorteil, den Personal-Experte Stefan Kasperek betont: "Die Wege sind da kürzer. Wenn sie dort fünf Jahre brauchen, brauchen Sie hier zehn." So dürfen junge Berufstätige oft Verantwortung übernehmen, die sie in Deutschland erst später bekommen hätten. Stefan Kasperek erzählt von einem jungen Mann, der als Geschäftsführer der Niederlassung einer deutschen Pharmagesellschaft nach Osteuropa ging und begeistert war, wie viel Freiheit er für seine Ideen bekam und wie schnell sie sich umsetzen ließen. Mittel- oder osteuropäische Mitarbeiter seien nicht nur jung, sondern auch "hungrig nach Erfolg" und sehr offen für neue Ideen, nennt Kasperek die Gründe für den schnellen Erfolg. 

Arbeiten ab sechs Uhr morgens?

Den Umgang mit einer fremden Kultur lernen deutsche Arbeitnehmer in Russland, Tschechien, Slowenien oder Estland zudem gleich mit. Denn kulturelle Unterschiede schlagen sich selbst in Ländern wie Polen oder Tschechien, die direkt an Deutschland grenzen, auf die Arbeitsweise nieder. So musste sich Harald Uebler daran gewöhnen, dass seine Kollegen zwischen sechs und sieben Uhr morgens mit der Arbeit beginnen und um vier bis fünf Uhr nachmittags wieder gehen. Auch Personalexperte Stefan Kasperek weist auf diese Unterschiede hin: "In osteuropäische Länder ist die Mentalität einfach impulsiver, emotionaler - da braucht man Neugierde, Kommunikationsstärke. Wenn man ein typischer Buchhalter ist, wird man es schwer haben." 

Niedrigere Gehälter, aber auch niedrigere Abgaben

Der größte Nachteil bei der Arbeit in Mittel- und Osteuropa bleibt das Gehalt. Deutsche Arbeitnehmer müssen in Mittel- und Osteuropa in der Regel deutlich niedrigere Gehälter in Kauf nehmen. Firmen wie Peek & Cloppenburg, die ihre Angestellten als so genannte "Expatriates" entsenden und sie nach deutschen Maßstäben bezahlen, sind nicht mehr die Regel. Heute werden Deutsche immer öfter zu örtlichen Konditionen angestellt und in Zloty, Kronen oder Forint bezahlt - wobei einige Firmen aber doch etwas mehr zahlen, um die Deutschen zu locken. Nach den Erfahrungen von Personalexperte Stefan Kasperek verdienen junge Berufstätige in den neuen EU-Beitrittsländern etwa 60 bis 70 Prozent dessen, was sie in Deutschland bei einer Festanstellung bekämen. Immerhin machen die meist niedrigeren Steuern und Preise die schlechtere Bezahlung etwas wett. 

Vorher über die Aussichten danach erkundigen

Abgesehen davon dürften sich gerade auch junge Berufstätige Gedanken machen, welche Perspektiven sie in Deutschland haben, wenn sie von einem längeren Arbeitsaufenthalt in Mittel- und Osteuropa nach Deutschland zurückkehren. In manchen Unternehmen gilt ein Aufenthalt dort bei einer Rückkehr nach Deutschland als weit weniger karrierefördernd als ein Aufenthalt etwa in New York oder London. "Das ist bei uns ganz anders", sagt dagegen Vera Winter aus dem Referat Personalmarketing, Traineeprogramm der Zentralabteilung Mitarbeiter von Bosch. "Generell ist es ein Plus, wenn jemand Auslandserfahrung mitbringt, egal, wo er sie gesammelt hat, weil das für seine Persönlichkeit wichtig ist. Natürlich kommt es dann darauf an, wie die Anforderungen für den neuen Job in Deutschland sind und ob die Erfahrungen im Ausland hierbei von Vorteil sind. Wenn ich aber zum Beispiel für einen bestimmten Markt im Ausland verantwortlich bin, ist es sicher ein Vorteil, wenn ich dort schon einmal gearbeitet habe." Wer sein Traumunter- nehmen schon lange im Kopf hat, sollte sich also vorher erkundigen, wie ein Aufenthalt in Mittel- und Osteuropa in Deutschland angesehen wird. 

Basiskenntnisse der Landessprache sind nötig

Die größte Hindernis fürs Arbeiten in Mittel- und Osteuropa ist jedoch oft die Sprache. Russisch mag mancher Ostdeutsche noch in der Schule gelernt haben, doch Sprachen wie Tschechisch, Ungarisch oder Polnisch beherrschen die wenigsten. Für einen festen Job geht es ohne jegliche Kenntnisse der Landessprache aber kaum, obwohl in Ländern wie Ungarn oder Tschechien viele auch gut Deutsch und Englisch sprechen und gutes Englisch in den Unternehmen entscheidend ist. Allerdings zeigt Harald Ueblers Geschichte, dass auch die Sprache keine unüberwindbare Hürde ist. Erst 2004 belegte er seinen ersten Tschechisch-Kurs. Heute reichen sein Kenntnisse so weit, dass er auch in Sitzungen einiger- maßen mitkommt, in denen nur Tschechisch gesprochen wird. 

Am besten erst ein Praktikum machen

Mittel- und Osteuropa können also auch ein Option für Absolventen sein, die sich nicht bereits im Studium mit der Region beschäftigt haben. Gerade ihnen gibt Harald Uebler aber einen wichtigen Ratschlag: "Auf jeden Fall vorher Praktikum machen, nicht gleich ganz ins kalte Wasser springen."

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