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Trifft ein Ingenieur einen Informatiker

Konstruktiv streiten (Quelle: fotolia, Autor: GIZGRAPHICS)

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Eigentlich haben Ingenieure und Informatiker viel gemeinsam: Eine Liebe für analytisches Denken etwa oder Problemlösungskompetenz. Warum verstehen sich beide Gruppen trotzdem so oft nicht?

Das "Internet der Dinge" beschreibt einen der zentralen Prozesse der Digitalisierung. Im Kern geht es darum, dass Gegenstände mit dem Internet verbunden werden und untereinander kommunizieren können. Das kann zum Beispiel Kleidung sein, die, ohne dass es ihr Träger bewusst mitbekommt, über drahtlose Verbindung Informationen weitergibt. Auch in der Produktion schreitet die Entwicklung rasant voran, das Stichwort heißt Industrie 4.0. Moderne Aufzüge etwa überwachen sich permanent selbst und melden, sobald ein Bauteil Verschleißerscheinungen aufweist und ersetzt werden muss. In der Fabrik der Zukunft übermitteln "intelligente" Bauteile den Roboterarmen, wie sie mit anderen Komponenten verbaut werden sollen. Es herrscht die totale Kommunikation.

Um solche hochkomplexen Systeme zu schaffen, müssen Hardware und Software künftig noch viel enger verbunden werden, als das heute schon in vielen Anwendungen der Fall ist. Das bedeutet auch, dass Ingenieure, die Maschinen bauen, und Informatiker, die Programme schreiben, stärker kooperieren müssen. Doch gerade hier hakt es bisweilen: "Es wird zu wenig miteinander geredet", findet Markus Bartsch vom TÜV Nord. Dort ist Bartsch für IT-Sicherheit zuständig, ein hochsensibles und ebenso zentrales Gebiet von Industrie 4.0.

Für Bartsch, selbst Informatiker, liegt das Problem darin begründet, dass beide Berufsgruppen unterschiedliche Herangehensweisen pflegen. Das fange damit an, dass Informatiker eine logische Sichtweise auf die Dinge haben, indem sie sich auf Prozesse fokussieren. Der Ingenieur dagegen pflege eine physikalische Sicht der Dinge und halte sich an Schalt- und Baupläne. Ein elementarer Unterschied liegt in der Auslieferung des Produkts: Der Informatiker liefert erst mal aus und entwickelt seine Software dann beim Kunden zu voller Pracht weiter. Das kennt jeder Smartphone-Nutzer, der sich ein Update für seine App herunterlädt.

Null-Fehler-Toleranz?

Ein gestandener Ingenieur zieht ein solches Vorgehen normalerweise nicht einmal in Erwägung. Für diesen Berufsstand gilt: Null-Fehler-Toleranz. Das Produkt muss bei Auslieferung ausgereift sein. Man stelle sich vor, ein Auto würde mit unsicheren Bremssystemen verkauft, die erst auf der Straße perfektioniert werden. Der Hersteller steht in der Haftung, großangelegte Rückrufaktionen sind bei Mängeln die Folge. Interessant ist allerdings, dass der Elektrohersteller Tesla seinen mangelhaften Autopiloten nun ebenfalls über ein Update und ohne Zusatzaufwand "reparieren" kann.

Zudem weist TÜV-Manager Bartsch darauf hin, dass es sich bei der Informatik um eine junge Technologie handelt, die erst mit der dritten industriellen Revolution durch den Einsatz von Computern in der Steuerung entstanden ist. Dagegen sind Ingenieure schon seit der Erfindung von Dampfmaschinen und Fließbändern, also quasi seit der Geburt der Industrie, mit an Bord. Während Informatiker "Digital Natives" sind, mit dem Internet also groß wurden, gelten Ingenieure eher als "Digital Immigrants", die sich die Technik irgendwann angeeignet haben. Gilt unter den Softwarefachleuten das Credo "Das machen wir jetzt anders", hört man unter den Traditionalisten eher "Das haben wir schon immer so gemacht".

Während Informatik durch die Digitalisierung mehr und mehr zum Querschnittsthema wird, beschäftigen sich Maschinenbauer immer noch stark mit branchenspezifischen Themen. Selbst im Messewesen werden die Unterschiede sichtbar. Pilgern immer noch viele Informatiker zur Cebit, gilt für Maschinenbauer die Hannover Messe als Leitveranstaltung. Immerhin sind beide in der niedersächsischen Landeshauptstadt zu Hause.

Daten sammeln oder schützen?

Die Informatik wird zudem aus den Vereinigten Staaten heraus dominiert, was sich allein an der Bedeutung der großen Internetkonzerne ablesen lässt, die nahezu alle aus dem Silicon Valley in Kalifornien stammen, während der Maschinen- und Anlagenbau immer noch eine deutsche Domäne ist. Während für Google, Facebook und Co. Daten die wichtige Währung sind und unter dem Stichwort Big Data nahezu alles gesammelt wird, was möglich ist, spielt gerade in solch sensiblen Bereichen wie der Kraftwerkstechnik der Protektionismus aus leicht nachvollziehbaren Gründen eine zentrale Rolle. "Wichtig ist, dass beide Denkansätze ihre Berechtigungen haben", sagt Bartsch, deshalb versuche das vom TÜV entwickelte Sicherheitskonzept "Rami" beides gleichrangig zu integrieren. "Das hat man in Amerika noch nicht begriffen", findet Bartsch.

Beim Internet der Dinge sei es wichtig, zu erkennen, dass vieles der Funktionalität eines vollvernetzten Produktes im dahinterliegenden System passiert und nicht mehr im Produkt selbst. Dies könne eine Bereicherung sein, findet Bartsch. "Die Frage ist dann nur, für wen?" Für den Verbraucher, für den Hersteller, für den Anbieter des Speicherplatzes (Cloud-Provider), für noch nicht bekannte Dritte? Und welche Gefahren impliziere das? Aus seiner Sicht sollten das IT-Branche und Maschinenbauindustrie gemeinsam diskutieren. Leider habe er festgestellt, dass es keinen wirklichen Austausch zwischen diesen Welten gebe. "Man möchte sich eher mit Menschen aus der eigenen Welt treffen und austauschen." Es ist Zeit für eine Vernetzung der Akteure.

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