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Die Ökonomie des Gruppenzwangs

Netzwerke, Networking, Kontakte, Mentoring  [Quelle: sxc.hu, Autor: avolore]

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Alkohol, Übergewicht, Schulerfolg - wie wir leben, hängt stark von unserem sozialen Umfeld ab. Das erkennen jetzt auch immer mehr Volkswirte. So bekommen Studenten, die sich mit einem trinkerfahrenen Kommilitonen ein Zimmer teilen, schlechtere Noten als Mitbewohner von Abstinenzlern. Wie viel Einfluss bleibt uns noch?

Die Zahlen sind alarmierend: Fast 26.000 Jugendliche sind in Deutschland im vergangenen Jahr mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus gelandet. Jeder dritte Teenager berauscht sich mindestens einmal im Monat mit fünf oder mehr alkoholischen Getränken an einem Abend - "Komasaufen" ist in Mode. Um dagegen vorzugehen, hat sich die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung etwas Spezielles einfallen lassen: Sie schickt Teenager, die in etwa so alt sind wie die jungen Trinker, auf Partys, Plätze und in Parks, um vor den Gefahren zu warnen. Gleichaltrige, so das Kalkül, seien glaubwürdiger. Autonom handeln Menschen selten. 

Das Konzept könnte aufgehen - das legt eine Reihe ökonomischer Studien nahe, die verdeutlichen, wie sehr Menschen ihr Verhalten dem anpassen, was ihr Umfeld ihnen vorlebt: Egal, ob es um Gewohnheiten wie Alkoholkonsum, Rauchen und die Ernährung geht, um Leistungen in der Schule und im Job: Überall spielen Freunde, Bekannte und Kollegen, mit denen sich Menschen vergleichen, eine entscheidende Rolle - im Fachjargon sprechen die Forscher von der "PeerGroup".

Beispiel Rauchen: Ob Heranwachsende zum Glimmstängel greifen, entscheidet sich zu einem guten Teil auf dem Schulhof, wies ein Forschertrio um Lisa Powell (Universityof Illinois) nach. Die Ökonomen werteten eine repräsentative Befragung unter mehr als 12.000 US-Schülern aus. Dabei zeigte sich: Wer von einer Highschool, in der niemand raucht, zu einer Schule wechselt, in der das Rauchen weitverbreitet ist, greift anschließend mit einer um bis zu 14,5 Prozentpunkte höheren Wahrscheinlichkeit selbst zur Zigarette. "Die Studie zeigt, dass der Einfluss von Gleichaltrigen eine Schlüsselrolle für das Rauchverhalten Jugendlicher hat", schreiben die Forscher. Bei der Suchtbekämpfung müsse dieses Phänomen stärker beachtet werden.

Für Ökonomen ist diese Erkenntnis vergleichsweise neu - traditionell konzentriert sich das Fach fast ausschließlich auf Individuen und individuelle Anreize. Dass Menschen sich oft ähnlich verhalten wie ihr Umfeld, versuchten Volkswirte lange damit zu erklären, dass sich Menschen bewusst Freunde aussuchen, die ähnliche Neigungen haben. Doch diese Argumentation greift zu kurz, zeigen neuere Studien, die Situationen analysieren, in denen soziale Bindungen zufällig entstehen.

Diskussion "Einfluss von Gruppenzwang"

So nutzten die Harvard-Wissenschaftler Michael Kremer und Dan Levy die Tatsache, dass die Wohnheimzimmer einer großen US-Universität nach dem Zufallsprinzip vergeben werden. Die Ökonomen befragten 1.350 Erstsemester zu ihrem Trinkverhalten. Dabei zeigte sich: Männliche Studenten, die sich mit einem trinkerfahrenen Kommilitonen ein Zimmer teilen, bekommen schlechtere Noten als Mitbewohner von Abstinenzlern. Wohnen zwei Studenten zusammen, die beide schon zu Schulzeiten häufig zur Flasche gegriffen haben, fallen ihre Uni-Leistungen noch deutlich stärker ab. Früherere Schulleistungen oder die soziale Herkunft des Mitbewohners hatten dagegen keine Effekte.

Warum sich Menschen ihrem Umfeld anpassen, auch wenn ihnen das schadet, erklären Forscher wie der Stanford-Ökonom Douglas Bernheim mit unserer permanenten Sorge um unseren sozialen Status. Dieser sinke, wenn man sich den vorherrschenden Normen und Sitten widersetze. Dem Gruppenzwang nachzugeben, kann demnach rational sein.

Selbst, wie sehr wir auf unser Gewicht achten, hängt stark von unserem Umfeld ab. Harvard-Forscher stießen darauf, dass die Wahrscheinlichkeit, krankhaft übergewichtig zu werden, um fast 60 Prozent steigt, wenn ein Freund zuvor kräftig zugenommen hat. "Übergewicht scheint sich durch soziale Verbindungen auszubreiten", so die Forscher. Umgang mit schwergewichtigen Menschen könne die Toleranz gegenüber der Körperfülle erhöhen und die Essgewohnheiten verändern. 

Zur "Peer-Group" eines Menschen gehören nicht nur Freunde, Bekannte und Mitschüler, sondern auch Kollegen und sogar anonyme Mitmenschen, mit denen man sich in ähnlichen Situationen befindet. So stellen Ökonomen, die am Beispiel von Erntehelfern und Supermarkt-Kassierern untersuchen, wie produktiv Angestellte sind, fest: Menschen strengen sich mehr an, wenn sie in einer Schicht mit besonders fleißigen Kollegen arbeiten.

Und die Analyse einer Spendenaktion für einen US-Radiosender offenbart, dass Menschen höhere Beträge spenden, wenn ihnen vorher großzügige Summen genannt werden, die andere Hörer beigesteuert haben. Wirklich autonom - so wie Ökonomen es lange annahmen - scheinen Menschen fast nie zu entscheiden.

Immer mehr Forscher gehen deshalb der Frage nach, ob soziale Effekte genutzt werden können, um gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme in Entwicklungs- und Schwellenländern zu bekämpfen. Die Weltbank-Forscherinnen Eeshani Kandpal und Kathy Baylis (University of Illinois) zeigen anhand eines indischen Sozialprogramms, das die Stellung der Frauen in ihren Familien stärken soll: Peer-Effekte führen dazu, dass sich mehr Frauen an Wohlfahrtsprogrammen beteiligen. "Programme, die die Kraft von Netzwerken nutzbar machen", folgern die Forscherinnen, "können effektiver darin sein, kulturelle Barrieren zu beseitigen und Entwicklungsziele zu erreichen." 

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