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Fit für den Arbeitsmarkt?

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Quelle: Freeimages.com, pepo

Und was willst du damit einmal machen? Diese Frage begleitet jeden Geisteswissenschaftler durchs Studium. Wohlmeinende Verwandte stellen sie, skeptische BWL-Studenten und nicht zuletzt die Geisteswissenschaftler selber. Seit einigen Jahren finden sie zunehmend selbstbewusste Antworten darauf.

Geisteswissenschaftler landen in neuen Tätigkeitsfeldern in der Wirtschaft, nutzen ihre Chance als Quereinsteiger in der New Economy oder schaffen sich ihren eigenen Arbeitsplatz, indem sie sich selbstständig machen. Das Bild vom Taxi fahrenden Romanisten ist passé. Manche Stimmen wie die des Zukunftsforschers Matthias Horx erklären die Geisteswissenschaftler mit ihrer Kommunikationsstärke und Flexibilität bereits zu den Gewinnern des Arbeitsmarkts von morgen. 

Arbeitsmarkt mit Schwindsucht

Die New Economy leidet allerdings im Moment an Schwindsucht - sieht da die Zukunft für Geisteswissenschaftler wirklich noch so rosig aus? Manfred Bausch, Arbeitsmarktexperte bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung der Bundesanstalt für Arbeit, ist davon überzeugt, dass der Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler nach wie vor besser ist als sein Ruf. 

Quereinstieg mit Hürden

Grundsätzlich gilt: Durch den Mangel an Ingenieuren, IT-Fachkräften und Betriebswirten hat sich die Wirtschaft Quereinsteigern gegenüber geöffnet. Positionen, bei denen nicht ausschließlich das Fachwissen zählt, werden inzwischen häufig mit fachfremden Akademikern besetzt. Davon profitieren Geisteswissenschaftler auch weiterhin. Laut der Bundesanstalt für Arbeit ist die private Wirtschaft inzwischen eines der wichtigsten Tätigkeitsfelder dieser Absolventengruppe. Dort bieten sich ihnen heute viel mehr Möglichkeiten als noch vor wenigen Jahren, und diese Tendenz wird sich in Zukunft vermutlich noch verstärken. Für den Sprung in die Privatwirtschaft müssen die Studierenden allerdings auch einige Hürden überwinden: Ihr geisteswissenschaftliches Fachwissen sollten sie mit praxisnahen Zusatzqualifikationen aufpeppen.

Geisteswissenschaftler brauchen ihren eigenen Kopf

Studieren ist nur die halbe Miete

EDV-Kenntnisse, Auslandserfahrung, gutes Englisch und am besten eine weitere Fremdsprache setzen Unternehmen heute oft als selbstverständlich voraus. Die wichtigste Brücke ins Berufsleben schlagen aber nach wie vor Praktika. Die bringen nicht nur wertvolle Erfahrung, sondern helfen auch dabei, sich über die eigenen Wünsche und Stärken klar zu werden. Gerade das fällt Geisteswissenschaftlern oft besonders schwer, da ihr Studium nicht zu einem konkreten Berufsfeld führt. 

Wer suchet, der findet

Verfolgen die Studierenden jedoch zielstrebig ihren eigenen Weg, stehen ihnen viele Möglichkeiten offen. Geisteswissenschaftler arbeiten heute als Fundraiser, Vertriebsassistenten, Infobroker, Journalisten, Produktmanager oder als Mediencoaches. Auch im Personalwesen, in der betrieblichen Weiterbildung, in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, im Marketing und in der Marktforschung finden sich mittlerweile viele Mitarbeiter mit einem geisteswissenschaftlichen Studienabschluss. 

Bodenständigkeit und BWL

Das bestätigt Cathrin Vischer, Leiterin der Abteilung Personalentwicklung und -marketing bei der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck. "Grundsätzlich beschäftigen wir Geisteswissenschaftler nicht ausschließlich im Lektorat, sondern auch im Marketing, im Vertrieb oder in der Öffentlichkeitsarbeit. Allerdings erfüllen nur wenige Bewerber unsere Anforderungen. Geisteswissenschaftler haben häufig unrealistische Vorstellungen von der Berufswelt, insbesondere vom Verlagswesen: Sie machen sich nicht klar, dass ein Verlag eindeutige wirtschaftliche Anforderungen zu erfüllen hat. Selbst ein Lektor braucht nicht nur Fachwissen im Medienbereich, sondern auch unternehmerisches Denken." 

Kein Brett vorm Kopf

Geisteswissenschaftler sollten bei ihrer Berufsplanung auch ungewöhnliche Perspektiven ins Auge fassen. Beate Werhahn, Leiterin des Personalmarketings bei der Unternehmensberatung KPMG Deutsche Treuhand-Gesellschaft AG, traut ihnen jedenfalls eine Menge zu. "Wir stellen zwischen 5 und 12 Prozent Geisteswissenschaftler ein. Sie arbeiten bei uns in fast allen Bereichen, auch in der Beratung. Wir haben zum Beispiel einen Theologen im Bereich Corporate Recovery, und auch als Krisen- und Wertemanager eignen sich Geisteswissenschaftler hervorragend. Der einzige Bereich, in dem sie normalerweise nicht arbeiten, ist Wirtschaftsprüfung." 

Multitalent Geisteswissenschaftler

Die Personalverantwortliche Werhahn hat sehr gute Erfahrungen mit Geisteswissenschaftlern in der Unternehmensberatung gemacht. "Sie können sich hervorragend ausdrücken, Sachverhalte analytisch durchdenken und verständlich darstellen. Deswegen eignen sie sich auch so gut für die Beratung. Und die Geisteswissenschaftler, die sich bei uns bewerben, wissen, dass sie noch einmal die Schulbank drücken müssen. Sie bringen einen gesunden Ehrgeiz mit, sich schnell in fachfremde Bereiche einzuarbeiten." Frau Werhahn gibt allerdings zu bedenken, dass gerade für Geisteswissenschaftler auch eine Menge Belastbarkeit dazugehört: "Wenn sie sich in der Arbeit mit Akademikern messen müssen, die Betriebswirtschaft studiert haben, stehen sie schon stark unter Druck."

Lust und Last der Freiheit - e-fellows vor dem Berufseinstieg

Bei den Studierenden sind die Signale aus der Wirtschaft angekommen. Viele machen sich schon früh Gedanken um ihre Zukunft und sammeln neben dem Studium berufliche Erfahrungen - mit Praktika, qualifizierten Nebenjobs oder einer eigenen Firma. 

Berufsziel außerhalb der Uni? Schwer zu finden

Dennoch fällt auch engagierten Geisteswissenschaftlern die berufliche Orientierung häufig schwer. "Geisteswissenschaftler haben die Lust und Last der Freiheit, sich selber entscheiden zu müssen, wo sie hinwollen", sagt Inga Brandes, 27 Jahre. Sie promoviert im Fach Geschichte an der Uni Trier und arbeitet nebenher als Schreibtrainerin. Ihrer Meinung nach ist der Berufseinstieg für Geisteswissenschaftler oft problematisch, weil ihre wissenschaftlichen Leistungen sich selten gewinnträchtig verkaufen lassen. Inga will sich erst einmal auf ihre Promotion konzentrieren. Wenn sie danach nicht in der Wissenschaft bleibt, möchte sie einem Bereich arbeiten, wo sie wissenschaftliche Themen in die Öffentlichkeit bringen kann, z.B. bei einer politischen Stiftung.

Allein auf weiter Flur

Von der Uni können sich die Studierenden bei ihrer Berufswahl oft nur wenig Hilfe erwarten. Zwar gibt es mittlerweile an vielen Universitäten Initiativen, mit denen die Absolventen geisteswissenschaftlicher Fächer aufs Berufsleben vorbereitet werden sollen. Häufig besteht das Programm jedoch nur aus sporadischen Vorträgen zur allgemeinen Arbeitslage oder Bewerbungstrainings, durch die sich die Studierenden nicht angesprochen fühlen. 

Keine Schulter zum Anlehnen

Auch Jan Phillip Sternberg, der an der Berliner Humboldt-Universität Geschichte, Germanistik und Politologie studiert, fühlt sich nicht ideal auf den Berufseinstieg vorbereitet. "Die Vortragsreihe an der Uni über Berufsperspektiven für Geisteswissenschaftler hat nicht so viel gebracht. Man hat nach wie vor zu wenig Überblick, welche Möglichkeiten einem offenstehen. Und auch Jobmessen helfen nicht unbedingt weiter, weil sie häufig für eine ganz andere Klientel sind." Obwohl ihm die Angebote der Uni nichts genutzt haben, weiß der 27-Jährige inzwischen genau, wohin es nach dem Studium gehen soll: in die Medienbranche. 

Wichtigstes Kapital - der eigene Kopf

Geisteswissenschaftler brauchen also vor allem sehr viel Eigeninitiative. Wenn du deinen eigenen Vorstellungen folgst, gelingt aber auch als Geisteswissenschaftler die berufliche Orientierung, meint Julia Bonstein. "Man braucht einfach mehr Zeit und eigene Ideen - aber wenn man sich nur genug darum kümmert, ist die Berufsfindung auch nicht schwieriger als für andere", sagt die Stipendiatin von e-fellows.net. Die 26-Jährige studiert an der Berliner Humboldt-Universität Amerikanistik, Politologie und Philosophie. Julia jedenfalls hat genug Ideen: Sie kann sich sowohl Verlage, Zeitungen als auch Unternehmensberatungen als Arbeitgeber vorstellen. 

Ein weites Feld

Robert Münscher sieht dem Studienende ebenfalls mit Optimismus entgegen. Er studiert Philosophie und Romanistik an der Universität Bielefeld und führt neben dem Studium seine eigene Firma für Internet-Consulting und Webdesign. Nach dem Studium möchte der 27-Jährige im Consulting oder im Nonprofit-Sektor arbeiten. Er ist vollkommen zufrieden mit seiner beruflichen Perspektive: "Die Schwierigkeit bei der beruflichen Profilierung ist ja zugleich auch ein Vorteil - es steht einem als Geisteswissenschaftler praktisch alles offen, was keine absolute Spezialisierung erfordert."

Interview mit dem Arbeitsmarktexperten Manfred Bausch

Wie sind momentan die Berufschancen für Geisteswissenschaftler in der Wirtschaft?

Grundsätzlich haben auch Geistes- und Sozialwissenschaftler gute Perspektiven in der Wirtschaft. Momentan haben wir allerdings eine konjunkturelle Schwächephase, die den gesamten Akademikermarkt stark betrifft. Der Akademikermarkt reagiert in der Krise empfindlicher als der Gesamtarbeitsmarkt. Dies wird allerdings durch eine überproportionale Nachfrage nach Akademikern in Phasen des Aufschwungs wettgemacht. Über mehrere Jahre betrachtet verbessert sich der Arbeitsmarkt für Akademiker immer mehr. Die wirtschaftliche Delle wird wahrscheinlich im nächsten Jahr überwunden, dann haben auch Geisteswissenschaftler wieder gute Chancen. 

Leiden Geisteswissenschaftler besonders unter der derzeitigen Wirtschaftsschwäche und der Flaute in der New Economy?

Geisteswissenschaftler sind von der Konjunkturschwäche nicht übermäßig betroffen, aber etwas mehr als andere Akademikergruppen. Das gilt allerdings nur für den Berufseinstieg. Mit Berufserfahrung haben sie keine größeren Schwierigkeiten als andere Akademiker. Insgesamt sind die Kompetenzen der Geisteswissenschaftler in der Wirtschaft auch weiterhin gefragt. 

Haben Geisteswissenschaftler auch weiterhin Chancen für einen Quereinstieg in kaufmännische Bereiche, die IT- oder Multimedia-Branche?

Im Vergleich mit dem letzten Jahr sind die Chancen momentan deutlich eingeschränkt. Zurzeit stehen zum Beispiel genug Betriebswirte zur Verfügung, da haben es Quereinsteiger nicht mehr so leicht. Aber auch hier gilt: Sobald der Aufschwung kommt, sind Geisteswissenschaftler mit Zusatzqualifikationen dabei. 

Mit welchen Zusatzqualifikationen können Geisteswissenschaftler ihrem Berufseinstieg auch in der augenblicklichen Situation optimistisch entgegensehen? 

Mit Kenntnissen in Betriebswirtschaft, EDV und Fremdsprachen. Wenn dann noch Praktika in der Privatwirtschaft dazukommen, können Geisteswissenschaftler optimistisch in die Zukunft sehen.

Checkliste: Womit Geisteswissenschaftler punkten können

Manche haben natürlich auch einfach Glück beim Berufseinstieg. Wenn du dich darauf nicht verlassen möchtest, musst du als Geisteswissenschaftler neben dem Studium einiges leisten. Dann liegst du später bei der Suche nach deinem Traumjob gut im Rennen. Hier siehst du auf einen Blick, welche Zusatzqualifikationen zählen. Du brauchst natürlich nicht alles "abzuhaken", sondern musst vor allem darauf achten, dass dein Profil zu deinen Berufswünschen passt. 

Harte Fakten

  • Praktika oder qualifizierte Nebenjobs (mindestens zwei)
  • Erfahrung im Projektmanagement
  • Verhandlungssicheres Englisch
  • Weitere Fremdsprachenkenntnisse
  • Betriebswirtschaftliche (Grund)Kenntnisse
    • Textverarbeitung (MSOffice)
    • Tabellenkalkulation (Excel)
    • Bildbearbeitungs- und Präsentationsprogramme (Photoshop, Powerpoint)
    • HTML
    • Evtl. weitere Programmiersprachen
     

Weiche Pluspunkte

  • Kommunikation
    • stilsicheres Schreiben
    • Informationen verarbeiten und ansprechend präsentieren können
    • Grafische Gestaltung
  • Überdurchschnittliches Allgemeinwissen
  • Interdisziplinäres Denken
  • Schnelles Einarbeiten in unterschiedliche Themen
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