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Das Überbringen schlechter Botschaften fällt schwer

Mann traurig ängstlich sitzend (sxc.hu bigevil600)

Mann traurig ängstlich sitzend (sxc.hu bigevil600)

Die meisten Führungskräfte informieren ihre Mitarbeiter gut. Im Überbringen schlechter Botschaften aber tun sie sich mitunter schwer.

 "Danke, Aaron, dass Sie gekommen sind ... Wie Sie wissen, hatte Yahoo ein schwieriges Jahr, und es rücken nun Kostensenkungen in den Fokus. Wir haben einige harte Entscheidungen in Sachen Stellenabbau treffen müssen. Ihre Stelle ist eine von denen, die gestrichen werden. Ich weiß zu würdigen, was Sie für Yahoo geleistet haben ... Bitte gehen Sie nachher zu Ihrem Schreibtisch und packen Sie Ihre persönlichen Sachen."
 
Dieses detaillierte Drehbuch für Trennungsgespräche, das das Internetunternehmen Yahoo angeblich seinen Führungskräften an die Hand gegeben haben soll, kursiert seit Mittwoch im Internet. Trotz des Vermerks "Vertraulich". Die "New York Times" verweist im Netz darauf. Yahoo selbst wollte auf Anfrage zu dem Papier keine Stellung nehmen.
 
 Das angeschlagene Unternehmen aus Kalifornien sieht sich gezwungen, zehn Prozent seiner heute weltweit 12 000 Mitarbeiter zu kündigen. Im Internet twittern Yahooler seit Mittwoch munter "Meinen Chef und mich hat's erwischt" oder "Bin ab heute selbstständig". Der Jobabbau ist laut Yahoo Teil des Sparplans über 400 Millionen Dollar im Jahr.
 
 Im internen Power-Point-Dokument sind die "Dos and Don'ts" für Chefs im Trennungsgespräch bis ins kleinste Detail aufgeführt. Zum Beispiel: nicht in persönliche Gespräche verwickeln lassen. Nicht auf die Frage "Warum ich?" eingehen. Sich nicht die Gefühle des Mitarbeiters zu eigen machen. Seien Sie Führer. Zeigen Sie Respekt und Würde.
 
 Fakt ist: Manager tun sich schwer, wenn es darum geht, ihren Leuten schlechte Nachrichten zu überbringen. Daniel Pinnow, Geschäftsführer der Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft: "Auf diese sehr schwere Aufgabe wurden Führungskräfte vor Amtsantritt nur unzureichend vorbereitet. Meist suchen sie erst dann Hilfe eines Trainers, wenn die ersten Kommunikationsdesaster bereits passiert sind." Dem wollte Yahoo offenbar vorbeugen.
 
 Geschicktes Kommunizieren wird für Manager immer wichtiger - je schneller sich die Halbwertszeit von Fachwissen verkürzt. In den Augen ihrer Mitarbeiter sind deutsche Führungskräfte zwar sehr fit im Aufnehmen und Behalten von Informationen sowie Formulieren komplizierter Sachverhalte. In der Disziplin Überbringen schlechter Nachrichten und Akzeptieren von Emotionen tun sie sich vergleichsweise schwer.
 
 Das ist Ergebnis einer Umfrage der Akademie der Führungskräfte der Wirtschaft. Sie liegt dem Handelsblatt vorab vor. 405 Führungskräfte aus einem Querschnitt von Firmen gaben Auskunft über ihr eigenes Kommunikationsverhalten - und bewerteten das ihrer Vorgesetzten.
 
 "Quick and quiet (schnell und geräuschlos)" - dazu raten Experten für Krisenkommunikation, wenn es um das Verkünden unangenehmer Neuigkeiten wie Werksschließungen oder Jobabbau geht. Frank Roselieb, Direktor des Kieler Instituts für Krisenforschung, erklärt warum: "Sonst gehen gute Leute von Bord, und schlechte melden sich krank." Bestes Beispiel: Der schwedische Haushaltsgerätehersteller Electrolux hatte mit einem Vorlauf von zwei Jahren Ende 2005 die Schließung des Nürnberger AEG-Werks angekündigt. Die Folge: Qualifizierte Leute kündigten, etliche fehlten bei der Arbeit. Das Werk musste Monate früher dichtmachen.
 
 Auch Peter Löscher stiftete unter den Siemensianern ungewollt Verunsicherung. Nach seinem Amtsantritt als Vorstandschef hatte er im November 2007 angekündigt, in Verwaltung und Vertrieb von Siemens 1,2 Mrd. Euro jährlich einzusparen - obwohl er wusste, monatelang die Details schuldig bleiben zu müssen. "Das war aus heutiger Sicht sicher falsch", räumte Löscher im Sommer die Kommunikationspanne ein.
 
 Michael Kalthoff-Mahnke, Experte für Interne Kommunikation: "Das Schlimmste ist, wenn die Trommeln des Flurfunks lauter schlagen als alle anderen, so dass der Chefetage die Kontrolle der Kommunikation entgleitet." Dabei lassen sich laut Roselieb bei negativen Botschaften an Mitarbeiter goldene Regeln beherzigen: Immer erst mündlich, danach per Mail. Grundsätzlich nie vor Weihnachten oder an einem Freitag, um etwaige Selbstmorde verzweifelter Mitarbeiter zu verhindern. Roselieb: "Auch Schulferien sind tabu, damit nicht der Eindruck entsteht, die Firma wolle Proteste abfangen."
 
 In Krisenzeiten lässt sich in der Kommunikation mit Mitarbeitern zudem häufig das Good-Guy/Bad-Guy-Phänomen beobachten. So zog der finnische Konzernchef von Nokia die Wut vieler Mitarbeiter auf sich, als er im Januar die Werksschließung in Bochum verkündete. Die Nokia-Manager vor Ort dagegen hätten als Betroffene das Mitgefühl vieler ihrer Leute gehabt, sagt Roselieb. "Dabei haben Good Guys oft schon einen Folgejob in der Tasche und sollen nur noch geräuschlos abwickeln."
 
 Sieht man von turbulenten Krisenzeiten einmal ab, so bekommen die meisten Vorgesetzten hierzulande von ihren Mitarbeitern gute Noten. 61 Prozent der Befragten, die selbst einer Führungskraft unterstellt sind, fühlen sich sehr gut oder gut informiert. 27 Prozent allerdings klagen, dass sie oft erst auf Nachfrage die gewünschten Informationen vom Chef erhielten. Knapp acht Prozent fühlen sich nicht ausreichend informiert.
 
 Pinnow: "Führungskräfte müssen Mitarbeitern nicht nur Botschaften, sondern auch Hintergründe liefern. Damit tun sie sich grundsätzlich sehr schwer - manchmal völlig unbegründet. Oft erzeugen sie mehr Misstrauen und Konfusion als nötig."
 
 Gute Kommunikation braucht vor allem eins - Zeit. Vier von zehn Managern verwenden heute die Hälfte und mehr ihres Zeitbudgets für Kommunikationsaufgaben, zeigt die Umfrage. Mails sind dabei für Dreiviertel der Führungskräfte der beliebteste Kommunikationskanal. Pinnow warnt jedoch vor einem Informations-Overkill. Mail-freie Freitage, wie bei einigen amerikanischen IT-Firmen Mode, sind eine Möglichkeit, um den Weg zurück zum direkten Gespräch zu finden. Nur jede vierte Führungskraft ist da gänzlich abgeneigt.
 
 Was viele übersehen: Der Stil des obersten Chefs färbt mehr auf die Kommunikationskultur seines Unternehmens ab, als er sich bewusst sein mag. Pinnow: "Ein Chef, der zum Beispiel Mitarbeitergespräche unkonzentriert führt, muss sich nicht wundern, wenn sich dieser Kommunikationsschlendrian nach unten fortsetzt." Dann wird aus einem Kommunikationsdefizit sehr schnell ein Wertschätzungsdefizit. Mit Folgen: Motivation und Innovationskraft sinken - und die Firma hat im Kampf um die besten Köpfe das Nachsehen.

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