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"Manchmal werden Mitarbeiter ins Ausland entsorgt"

Arbeiten im Ausland als Expat [© verge - Fotolia.com]

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Wer für seine Firma lange ins Ausland geschickt wurde, hat es bei der Rückkehr oft schwer, sagt Jutta Boenig. Sie hilft Expats, in Deutschland wieder zurechtzukommen.

ZEIT ONLINE: Auslandseinsätze können Karrieren fördern, aber auch zerstören. Erleben Sie es oft, dass Mitarbeiter Probleme bei der Rückkehr aus dem Ausland haben?

Jutta Boenig: Ja, das passiert häufig. Sie stellen fest, dass es im Mutterkonzern keinen Platz mehr für sie gibt. Und sie bekommen Schwierigkeiten mit der deutschen Mentalität.

ZEIT ONLINE: Warum mit der Mentalität? Sie sind doch Deutsche.

Boenig: Weil ein mehrjähriger Auslandsaufenthalt Menschen stark verändern kann. Lassen Sie mich das am besten an einem aktuellen und durchaus typischen Fall eines Managers erklären. Der Mann war acht Jahre in Asien und hat dort Geschäftsbereiche aufgebaut. Als er zurückkam, bot ihm sein Arbeitgeber überraschend eine Abfindung an, weil man ihm eine adäquate Stelle nicht mehr bieten konnte oder vielleicht auch nicht mehr wollte. Der Manager war bei seiner Rückkehr Anfang 50, ein Rückschritt kam für ihn nicht infrage. Er fremdelte mit dem europäischen Leben und mit dem Arbeitsmarkt: Asien hatte ihn grundlegend geprägt. Er hatte sogar Probleme, sich mit Personalberatern zu unterhalten.

ZEIT ONLINE: Was störte ihn?

Boenig: Beispielsweise die Frage: Was sind Ihre Stärken? Mit allen Fragen rund um seine Qualifikation tat er sich sehr schwer. Er setzte seinen Erfolg im Ausland gleich mit einem Freifahrschein für eine neue, ebenso exponierte Stellung in Deutschland.

ZEIT ONLINE: Auslandseinsätze können Mitarbeiter überheblich machen?

Boenig: Ja, durchaus. Dieser Mann lebte in Asien wie ein König. In einer schmucken Villa, mit Hauspersonal, Privatschule für die Kleinen und einer Entourage rund um sich herum. Das alles ist bei den Lebenshaltungskosten in Asien natürlich finanzierbar. Aber in Deutschland oftmals nicht.

ZEIT ONLINE: Und was wurde aus dem Manager?

Boenig: Wir haben gesucht in London, Paris, New York. Es war ein langer Prozess, bis wir fündig wurden. Er arbeitet jetzt in einem mittelständischen Unternehmen am Bodensee. In dieser inhabergeführten Firma herrscht die Kultur älterer Macher. Dieser Männerbund hat ihm gefallen und er ihnen. Sie haben ihn aufgenommen.

ZEIT ONLINE: Stellen Sie Gemeinsamkeiten bei Expats fest, die mit ihrer Rückkehr Schwierigkeiten haben?

Boenig: Die Gruppe mit den größten Problemen sind die, die am längsten im Ausland waren. Spätestens ab dem vierten Jahr wird eine Rückkehr schwer. Denn berufliche Beziehungen fangen in dieser Zeit an zu bröckeln. Wer lange im Ausland arbeitet, rückt aus den Augen und aus dem Sinn. Dagegen helfen nicht einmal schriftliche Vereinbarungen oder vorherige Versprechen für die Rückkehr. Im Laufe der Zeit wechseln Kollegen, Vorgesetzte und manchmal die Geschäftspolitik. Dann sind andere Märkte und andere Expats wichtig und die unwichtigen schnell vergessen.

ZEIT ONLINE: Ab welcher Zeit im Ausland ist eine Rückkehr ohne Hilfe nicht mehr möglich?

Boenig: Erfahrungsgemäß brauchen viele ab fünf Jahren Unterstützung bei der Re-Integration. Und zwar auf allen Ebenen ihres Lebens, also auch im Privaten. Da müssen Kinder in das deutsche Schulsystem integriert werden, der Partner oder die Partnerin muss eine adäquate Tätigkeit finden. Die Familie des Expats braucht eine Wohnung. Das sind noch die grundlegendsten Fragen.

ZEIT ONLINE: Bereiten die Unternehmen Mitarbeiter bei der Rückkehr aus dem Ausland ausreichend vor?

Boenig: Theoretisch schon. Praktisch sieht es so aus: Selbst in großen Konzernen kümmern sich nur eine, höchstens zwei Personen um Mitarbeiter, die ins Ausland gehen und von dort zurückkommen. So wenig Personal kann die vielen Aufgaben nur vage bewältigen.

ZEIT ONLINE: Was raten Sie Rückkehrern?

Boenig: Wer keine Unterstützung vom Arbeitgeber erhält, braucht einen Sparringspartner, Coach oder Karriereberater, um Lösungen zu finden. Für die Wiedereingliederung im Unternehmen, in der Gesellschaft oder einen neuen Job im Ausland. Das schaffen nur wenig Rückkehrer selbst, denn nach langer Zeit im Ausland kennt man den deutschen Arbeitsmarkt nicht mehr gut genug.

ZEIT ONLINE: Gibt es Unternehmen, die Mitarbeiter ins Ausland entsenden in der stillen Hoffnung, dass sie nicht mehr zurückkehren?

Boenig: Solche Fälle kommen vor. Es ist sicherlich nicht grundsätzlich die Absicht von Unternehmen, Mitarbeiter im Ausland zu entsorgen. Aber sie schwingt schon manchmal mit.

ZEIT ONLINE: Oft finden Unternehmen aber nur schwer Mitarbeiter, die für einige Jahre ins Ausland wollen. Woran liegt das?

Boenig: Die wenigsten sind Abenteurer, die gehen, ohne wissen zu wollen, was danach kommt. Bei den allermeisten ist das Misstrauen groß, nach dem Auslandseinsatz überflüssig zu sein. Deshalb tun sich Unternehmen oft so schwer, ihre Auslandspositionen zu besetzten. Die Leute haben keine Angst davor, zu gehen. Sie sorgen sich um ihre Rückkehr. Und diese Sorge ist berechtigt.

ZEIT ONLINE: Wenn die Rückkehr gelingt: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand weitere Auslandseinsätze in Betracht zieht?

Boenig: Wer gute Erfahrungen mit seinem Auslandseinsatz gemacht hat, ist ein wahrscheinlicher Kandidat für den nächsten Einsatz. Wenn solche Mitarbeiter ihren Arbeitgeber wechseln wollen, ist der mögliche Einsatz im Ausland ein Kriterium für meine Stellensuche. Das erlebe ich in der Beratung. Wer über Jahre die große Welt gesehen hat, für den wird Europa eng.

© ZEIT Online (Link zum Originalartikel)

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