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Deutschland, deine Pendler

Smartphone lesen Bahnhof Zeitung Mann [Quelle: Unsplash.com, Clem Onojeghuo]

Quelle: Unsplash.com, Clem Onojeghuo

Volle Straßen, volle Züge: Noch nie gab es so viele Pendler wie heute. Das klingt nach jeder Menge Stress. Sind jetzt alle verrückt geworden, oder geht es uns bloß zu gut?

Es ist jeden Morgen das gleiche Bild. Zwischen sieben und neun Uhr quält sich halb Deutschland durch die Straßen und über die Gleise auf dem Weg zur Arbeit. Genaugenommen sind es 60 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. In Zahlen: fast 18,5 Millionen Menschen. So viele Berufstätige wurden von der Bundesagentur für Arbeit im Jahr 2016 offiziell als Pendler registriert, weil sie auf dem Weg zwischen Wohnung und Arbeitsplatz mindestens eine Gemeindegrenze übertreten.

Das sind Massen, die sich da jeden Morgen auf die Reise machen. Jeder auf ganz unterschiedliche Weise: Auto, ICE oder öffentlicher Nahverkehr, seltener das Flugzeug. Mal ist es nur ein halbes Stündchen, mal sind es zweieinhalb Stunden – je Strecke. Die meisten sind Tagespendler, andere Wochenendpendler, manche kombinieren beides mit dem Home-Office. Nur eins ist klar: Es sind so viele wie niemals zuvor, wie das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung feststellt. Rund 1,3 Millionen Menschen legen mehr als 150 Kilometer auf einer Strecke zurück.

Die Zahlen sind so beeindruckend, dass man sich einmal fragen kann, ja fragen muss, warum sich das so viele Menschen jeden Morgen antun, wie sinnvoll diese Völkerwanderung ist und welche Auswirkungen sie auf die Gesellschaft hat. Denn eins ist klar: Niemand tut es aus Freude am Stau. Keiner reiht sich freiwillig in die wartenden Autos auf der A 3 oder steigt in den überfüllten ICE zwischen Köln und Frankfurt, weil er das Bahnfahren so genießt.

Nicht jeder ist unglücklich

Im vergangenen Jahr registrierte der ADAC auf deutschen Autobahnen 694.000 Staus mit einer Gesamtlänge von knapp 1,4 Millionen Kilometern. Das waren 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Rekorde auch im öffentlichen Nahverkehr: Busse und Bahnen haben 2016 einen weiteren Fahrgastrekord verzeichnet. Fast 11,4 Milliarden Fahrten gab es mit öffentlichen Verkehrsmitteln, das war ein Anstieg um 1,5 Prozent gegenüber dem Jahr 2015. Seit 1997 steigen die Fahrgastzahlen ununterbrochen.

Pendeln ist immer ein Mittel zum Zweck und noch dazu einer, der uns nachweislich an die Gesundheit geht. Der Soziologe Heiko Rüger bringt das auf eine ziemlich griffige Formel: "Das Einkommen steigt, die Lebenszufriedenheit sinkt." Das ist ein Satz, bei dem sich sogleich Protest regen könnte, doch das kennt der Leiter der Forschungsgruppe "Räumliche Mobilität" am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden schon. Niemand will pauschal hören, dass durch eine persönliche Entscheidung die Lebenszufriedenheit leidet. "Die Menschen neigen dazu, ihr Verhalten zu rationalisieren. Das ist ein psychologischer und sozialer Reflex."

Nicht jeder also, der jeden Tag lange Strecken hinter sich bringt, fühlt sich deshalb ständig unglücklich. Viele arrangieren sich damit, so wie man sich auch mit der Hauptverkehrsstraße vor dem Haus oder mit dem Fluglärm im Garten arrangiert. Und irgendwie ist man ja auch Teil einer eingeschworenen Gemeinschaft, wenn man morgens am Hamburger Hauptbahnhof immer wieder mit den gleichen Menschen in das gleiche Bahn-Comfort-Abteil einsteigt. Im Unternehmen jedenfalls erkennen sich die Pendler schon von weitem, das schweißt auch in der Mittagspause zusammen.

"Oft das kleinere Übel"

Wichtig ist für Forscher wie Rüger allerdings: "Die nachteiligen Folgen dürften noch unterschätzt sein, schließlich gibt es Selektionseffekte: Diejenigen, die gar nicht damit klarkommen, steigen früh aus." Studien jedenfalls zeigen, dass der Stresshormonlevel mit der Dauer des Pendelns steigt, denn es steigt auch das Risiko des Kontrollverlustes: ein unvorhergesehener Stau oder ein verpasster Anschluss. "Das kann man nicht schönreden", sagt Rüger. "Aber oft ist Pendeln für die Personen das kleinere Übel."

Denn es gibt ja gute Gründe, diese Belastung trotz allem auf sich zu nehmen. Kurz zusammengefasst sind es zwei: die gute Arbeitsmarktlage und die Doppelverdienerehen. Ersteres ist leicht zu verstehen. Je mehr Menschen eine Stelle haben, desto häufiger kommt es vor, dass der Arbeitgeber nicht am Wohnort sitzt. Das sieht man unmittelbar in den Zahlen: Kaum wurden im vergangenen Jahr 600.000 neue Stellen geschaffen, wächst die Pendlerschar um weitere 400.000 Menschen. Erstaunlich ist die Verlässlichkeit: Die Pendelfreude ist durchaus gleichmäßig verteilt, auch bei den neu hinzukommenden Beschäftigten. Vielleicht hilft dieser Gedanke morgens beim Gedränge im überfüllten Bus: Der Ellenbogen des Nachbarn im Rücken ist eine fast zwangsläufige Folge der Erfolgsmeldung, dass fast alle Menschen Arbeit haben. Willkommen in der Beinahe-Vollbeschäftigung!

Der zweite Punkt, die Doppelverdienerehe, ist komplexer, denn sie führt zu einer erstaunlich hartnäckigen Heimatverbundenheit, jedenfalls im Bezug auf die Heimat, für die man sich als Paar einmal entschieden hat. Auf der einen Seite gilt Pendeln als Ausweis besonderer Mobilität. Kein Weg ins Büro ist uns zu lang, keine Region ist uns zu unbekannt, als dass wir dort nicht unseren Laptop aufklappen könnten. Doch das ist nur auf den ersten Blick richtig. Tatsächlich ist das glatte Gegenteil der eigentliche Beweggrund: Nichts beschreibt so deutlich wie die Pendlerströme, was für ein sesshaftes Volk wir doch sind. Aus unserem geliebten Kiez wollen wir nicht raus, selbst wenn eine attraktive Stelle und das große Geld locken. Lieber Pendeln wir durch die halbe Republik, als unserer Arbeit nachzuziehen. Nur ein Prozent der Menschen wechseln jedes Jahr für die Arbeit ihren Wohnort.

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