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"Serviceclubs werden als Karrierenetzwerke überschätzt"

Vernetzt denken [Quelle: freeimages.com, Autor: gerard79]

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Ob Rotary oder Lions: Mitglied in einem solchen Club wird man nur auf Vorschlag. Als Karrierenetzwerk taugen sie aber nicht, sagt der Soziologe Gradinger im Interview.

ZEIT ONLINE: Herr Gradinger, vermute ich richtig, dass Sie Mitglied in einem Serviceclub sind?

Sebastian Gradinger: Ja, ich gehöre dem Round Table an, einem Club für junge Männer zwischen 18 und 40 Jahren. Aus beruflichen Gründen bin ich jedoch momentan nicht aktiv.

ZEIT ONLINE: Sie haben auch über die Funktion von Serviceclubs promoviert. Dienen Rotary, Lions oder Kiwanis vor allem als Karrierenetzwerke?

Gradinger: Nein, Serviceclubs werden als Karrierenetzwerke überschätzt. Sie erfüllen vor allem eine soziale Funktion, insbesondere auf regionaler Ebene. Die Mitglieder eint ein Solidaritätsgedanke. Man will etwas für den Nächsten tun. Viele verwechseln Ursache und Wirkung. Die Leute sind nicht im Club, um Karriere zu machen. Die sind im Club, weil sie Karriere gemacht haben. Sie verfügen daher meist über gute Kontakte und pflegen diese dann im Club. Das Eintrittsalter ist deshalb meist sehr hoch, es gibt in allen Serviceclubs so gut wie keine jungen Mitglieder. Dennoch ist an dem Elite-Vorwurf etwas dran: Viele haben ein gewisses Statusdenken. Ab einer bestimmten gesellschaftlichen Stellung gehört es für manche dazu, bei den Rotariern oder Lions zu sein.

ZEIT ONLINE: Sie sind allerdings sehr jung in einen Club eingetreten.

Gradinger (lacht): Ich bin so jung Mitglied geworden, weil Round Table ein Club für junge Männer ist. Mit 40 ist dann Schluss. Im Übrigen bin ich auch deshalb Mitglied geworden, weil mich die Clubs wissenschaftlich interessiert haben.

ZEIT ONLINE: Nun haben die meisten großen Clubs auch Jugendorganisationen. Stimmt der Eindruck, dass es dort eher um Karrierekontakte geht?

Gradinger: Vor dem Hintergrund der vergleichsweise jungen Mitgliederschaft und ihres beruflichen Ehrgeizes kann man die Jugendorganisationen vielleicht noch am ehesten mit einem Karrierenetzwerk vergleichen. Dennoch ist das soziale Engagement bei den Jugendorganisationen meist größer als in den Mutterclubs. Oft aber haben die Jungen mit den Mutterclubs nur in begrenztem Rahmen zu tun. Deshalb werden viele aus den Jugendorganisationen später auch gar nicht Mitglied im Mutterclub. Wer aber allein aus Status- oder Karrieregründen Mitglied in einem Club wird, überlebt dort nicht lange. Denn die Serviceclubs regulieren sich selbst. Es gibt eine strikte Anwesenheitspflicht, und wer kein Engagement bringt, wird ausgeschlossen.

ZEIT ONLINE: Und für Sie selbst spielten Karriereaspekte keine Rolle?

Gradinger: Nein, wirklich nicht. Ich habe von meiner Mitgliedschaft im Club verhältnismäßig wenig profitiert. Ich habe tolle Reisen gemacht und Manager kennengelernt, die mir später in meiner ersten Führungsposition bei Fragen zur Mitarbeiterführung geholfen haben. Aber ich habe keinen Job über den Club gefunden, geschweige denn, dass mir eine Führungsposition auf dem Silbertablett serviert worden wäre.

"Die Clubs schotten sich ab"

ZEIT ONLINE: Sie sagten, die Clubmitglieder haben ein gewisses Statutsdenken. Versteht man sich denn als Elite-Netzwerk?

Gradinger: Heute spielt das wahrscheinlich schon eine Rolle. Von ihrer Entstehungsgeschichte her waren Serviceclubs aber ein Mittel, um zur Oberschicht ein Gegengewicht zu schaffen. Paul Harris, der Gründer des Rotary-Clubs – dies war der erste Serviceclub – stammte sogar eher aus der unteren Mittelschicht. Sein Vater war mit seiner Selbständigkeit gescheitert. Harris versucht um 1900 sein Glück als Rechtsanwalt in Chicago, aber ihm wurde der Zutritt zu den Kreisen der Elite verwehrt. Wie ihm ging es unzähligen anderen. Also gründete er 1905 den Rotary-Club. Er sicherte die Mitglieder sozial ab, einen modernen Sozialstaat gab es ja nicht.

ZEIT ONLINE: Warum haben sich die Clubs trotzdem zu Elite-Netzwerken entwickelt?

Gradinger: Das ist vor allem ein deutsches Phänomen. In den USA sind die Clubs viel stärker in der Mittelschicht verhaftet und in den Alltag ihrer Gemeinde integriert. Da steht das bürgerschaftliche Engagement im Vordergrund. Da trifft man sich an einem Wochenende und baut in seiner Stadt einen Spielplatz. In Deutschland spielt das auf regionaler Ebene zwar auch eine Rolle, trotzdem finden wir sehr starke Regeln und auch ein elitäres Denken, das nur in Österreich noch stärker ausgeprägt ist. Dass man sich für eine Mitgliedschaft nicht einfach bewerben kann, sondern vorgeschlagen werden muss, spielt wohl eine wichtige Rolle. Wenn man kein Mitglied kennt, hat man kaum Chancen, aufgenommen zu werden. Die Clubs schotten sich auf diese Weise ab.

ZEIT ONLINE: Rotary, Lions und Kiwanis lassen erst seit 1989 Frauen zu. Haben wir es mit dem Phänomen männlicher Seilschaften zu tun?

Gradinger: Ja und nein. Historisch gesehen waren ja die Frauenclubs des 19. Jahrhunderts Vorbild. Mit Zonta und Soroptimisten gibt es außerdem reine Frauenclubs, die sich bis heute nicht für Männer geöffnet haben. Dennoch kann man Serviceclubs schon als männliches Phänomen beschreiben. Die Clubs spielen mit Mystik und Symbolik. Sie haben gewisse Traditionen, eigene Regeln und eine starke Symbolik. Das spricht wohl Männer stärker an.

ZEIT ONLINE: Braucht es denn in Zeiten sozialer Netzwerke noch Elite-Clubs?

Gradinger: Die Serviceclubs erleben derzeit sogar einen Zulauf. Man trifft sich einmal in der Woche, hört Vorträge, spricht miteinander auf Augenhöhe. Es ist eine Reduktion auf sich selbst und auf Menschen, mit denen man bestimmte Gemeinsamkeiten verbindet – das ist für viele attraktiv.

 © ZEIT ONLINE ( Zur Original-Version des Artikels)

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