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Programmierter Verschleiß

Tastatur (Quelle: freeimages.com,Autor: ilco)

Quelle: freeimages.com, ilco

Elektronische Geräte gehen oft früher kaputt als erwartet. Ein Verdacht liegt nahe: Steckt System dahinter?

Keine zehn Minuten dauert es, bis das drei Jahre alte Notebook abstürzt – nach jedem Einschalten. Die Besitzerin vermutet bereits, dass es mit dem fehlenden Lüftergeräusch zusammenhängt, als sie den Rechner ins Münchener Repair Café bringt. Dort nimmt sich ein ehrenamtlicher Mitarbeiter des Problems an. Obwohl er als IT-Techniker hauptberuflich Notebooks repariert, dauert es gute 20 Minuten, bis das Gerät völlig zerlegt ist. Nur so kommt er an den Kühler heran. Jetzt erkennt jeder auf den ersten Blick, weshalb das Acer-Notebook gar nicht mehr funktionieren kann: Der Lüfter bläst von innen gegen ein dichtes Auslassgitter, an dem sich zwangsläufig Staub sammelt.

Im Laufe der Zeit ist ein Staubbatzen herangewachsen, der die Lüfterschaufeln blockiert. Der Prozessor muss sich nach kurzer Zeit überhitzt notabschalten. Außerdem bemerkt der Techniker, dass die winzigen Schrauben, die die schwergängigen Displayscharniere in der Bodenplatte halten, an einer Stelle herausgebrochen sind. Eine Frage der Zeit, bis das Display ganz abfällt. Mit ihrem zerlegten Notebook in einem Karton und dem Rat, einen neuen Lüfter und eine Bodenplatte bei eBay zu besorgen, verlässt die Besitzerin das Repair Café. Beim nächsten Termin wird alles wieder zusammengeschraubt.

In einer PC-Werkstatt oder beim Hersteller würden die Reparaturkosten den Zeitwert des Notebooks überschreiten – sprich, die Besitzerin des Notebooks müsste einen neuen Rechner kaufen. Hätte der Hersteller aber ein gröberes Auslassgitter und leichtgängigere Displayscharniere verbaut, könnte der Rechner einfach weiterlaufen.

Verschleiß, Schlamperei oder Absicht?

Fälle wie diesen haben viele Besitzer von elektronischen Geräten schon ein- oder mehrmals erlebt. Und wenn der Defekt kurz nach Ablauf der Garantiezeit passiert, flammt schnell der Verdacht auf, dass die Hersteller absichtlich Schwachstellen eingebaut haben, die für kurze Lebensdauer und schnellen Neukauf sorgen. Doch so leicht diese These formuliert ist, so schwer lässt sie sich stichhaltig beweisen. Denn alle Geräte unterliegen einem gewissen Verschleiß: Displays werden dunkler, Akkus schnell leer und Flash-Speicherzellen in SSDs verkraften nur eine bestimmte Zahl an Schreibvorgängen. Solche Alterungserscheinungen konnten wir im CHIP Testcenter nachweisen, indem wir getestete Geräte nach jahrelangem Einsatz erneut gemessen haben. Um Ausfallraten und -gründe bestimmter Produkte zu erfassen, bräuchte man eine riesige Datenbasis.

Der Verein "Murks? Nein Danke!", den der Berliner Betriebswirt Stefan Schridde gegründet hat, sammelt und veröffentlicht zwar Schadensmeldungen, erlaubt aber lediglich einen groben Überblick, da sich hier nur User mit Schäden melden – und keine Vergleichsgröße erfasst wird, wie viele Geräte schadlos weiterfunktionieren.

Schridde hat den Begriff  "Geplante Obsoleszenz" geprägt, mit dem er den Herstellern vorwirft, dass sie durch Schwachstellen und reparaturunfreundliches Design ihre Produkte schneller altern und kaputtgehen lassen, als es optimal machbar wäre. Die Industrie streitet Schriddes Vorwurf vehement ab: "Die Mitglieder des Bitkom zeigen durch ihre langjährige Marktpräsenz, dass sie sich ihrer Herstellerverantwortung bewusst sind und ihren Kunden langlebige Produkte zur Verfügung stellen", sagt Bitkom-Pressesprecher Marc Thylmann.

Verbraucherschützer Schridde setzt dem entgegen: "Dinge wie unterdimensionierte und hitzeempfindliche Kondensatoren an besonders heißen Stellen, fest verbaute Akkus und zugeklebte Gehäuse sind klare Beweise dafür, dass die Geräte absichtlich kurzlebig konstruiert wurden." So oder so: Geräte für alle Ewigkeiten zu entwerfen, rechnet sich für den einzelnen Hersteller nicht – das würde die Kosten für Entwicklung, Tests, Material und Fertigung steigern. Und das bei sinkendemUmsatz, wenn die Kunden selten bis nie neue Geräte nachkaufen müssten.

Jeder Hersteller, der wirtschaftlich konkurrenzfähig bleiben will, ist praktisch gezwungen, bereits beim Produktdesign darauf zu achten, dass das Gerät zwar attraktiv und wertig genug erscheint, damit es sich gut verkauft – der Besitzer aber früher oder später ein neues Gerät kaufen will oder muss. Dazu kommt, dass die Kunden nach immer mehr Features in immer kleineren (oder bei Smartphones immer größeren) Geräten verlangen – wozu wiederum die Hersteller mit kurzen Produktzyklen und Werbung beitragen. Design und Features sind im Marketing meist wichtiger als Qualität und Langlebigkeit.

Was die Lebensdauer verkürzt

Die Nutzungsdauer von Geräten können die Hersteller auf verschiedene Weisen beeinflussen – sie lassen sich untereinander sogar kombinieren: Ein Hersteller baut langlebige und leicht zu reparierende Geräte, bringt aber regelmäßig neue Modelle heraus, die leistungsfähiger sind und mehr Features mitbringen. Nach einigen Produktzyklen funktioniert zwar das alte Gerät noch einwandfrei, aber der Kunde will von sich aus das neue Modell. Am ehesten zu erwarten ist diese Taktik bei professionellen und Premium-Produkten – wobei es keine Garantie gibt, dass diese tatsächlich länger leben.

Eine Variante dieses Verhaltens kommt bei Mobilgeräten vor, deren Firmware sich updaten lässt: Dadurch, dass die Hardware-Anforderungen des Betriebssystems mit jedem Update steigen, werden funktionstüchtige Altgeräte mit der Zeit immer langsamer, bis zur Unbenutzbarkeit – denn auf die sicherheitsrelevanten Updates verzichtet niemand gern. Bei Geräten mit Apples iOS kann dieser Effekt nach etwa drei Jahren eintreten – Android-Smartphones erhalten im Gegensatz dazu oft gar keine oder nur kurz Updates. Dann läuft das Gerät zwar noch, wird aber zunehmend unsicherer. Die nächste Methode, die Nutzungsdauer von Geräten zu verkürzen: Verschleißanfällige Bauteile sind so eingebaut, dass sie sich nicht austauschen lassen.

Ein Beispiel sind Akkus, an die der Benutzer nur mit Spezialwerkzeug oder Gewalt herankommt. Laut Bitkom soll das besonders flache  Mobilgeräte ermöglichen. Dass sich aber "flach" und "leicht wechselbarer Akku" nicht ausschließen, zeigen etwa Samsung mit dem Galaxy S III/S4 oder BlackBerry mit dem Z10. Fest verbaute Verschleißteile sind zwar ärgerlich, aber weniger schlimm als der letzte Ingenieurstrick: An neuralgischer Stelle werden unterdimensionierte Teile eingebaut, die nach einer bestimmten Zeit oder Anzahl von Betätigungen kaputtgehen müssen. Der eingangs zitierte verstopfende Notebooklüfter und die zu  schwachen Scharnierbefestigungen sind Beispiele hierfür.

In diese Kategoriefallen auch Monitore, in deren Netzteil Kondensatoren an besonders heißen Stellen platziert sind, sodass ihr Elektrolyt nach einer kurzen, genau kalkulierbaren Nutzungsdauer verdampft ist, – oder deren Einschaltknopfmechanik so schwach ausgelegt ist, dass sie nach einer bestimmten Zahl an Betätigungen versagen muss. Ein Klassiker, der seitenweise Internetforen füllt, sind Canon-Tintenstrahldrucker, die nach einer bestimmten Zahl an Ausdrucken den Dienst mit der Fehlermeldungeinstellen, ihr Druckkopf sei defekt. Nach Zurücksetzen eines internen Zählers in geheimen Service-Menüs drucken die Geräte oft aber problemlos weiter.

Kleine Defekte, massive Folgen

Vorzeitig versagende Geräte sind nicht nur ärgerlich für den Besitzer: Der Mehraufwand bei Fertigung, Transport und Entsorgung belastet die Menschen, die diese Produkte fertigen, unsere Ressourcen und die Umwelt. Der Verbraucherschützer  Stefan Schridde und der Volkswirt Prof. Dr. Christian Kreiß errechnen in ihrer Studie "Geplante Obsoleszenz", dass in Deutschland rund 2,6 Prozent aller Abfälle allein durch geplante Obsoleszenz entstehen (jährlich zehn Millionen Tonnen) – basierend auf der Schätzung, dass sieben Prozent aller Ausgaben der privaten Haushalte darauf zurückzuführen seien. Ohne geplanten Verschleiß könnten angeblich fünf von 70 Müllverbrennungsanlagen in Deutschland geschlossen werden.

Wer nun denkt, dass eine künstlich verkürzte Lebensdauer von Produkten wenigstens unsere Wirtschaft ankurble, liegt falsch: Christian Kreiß argumentiert in der Studie: "Wenn menschliche Arbeit, Fleiß und Intelligenz in Produkte gesteckt werden, die absichtlich bald kaputtgehen, so ist dies eine unverantwortliche Verschwendung von Ressourcen, die, kollektiv gesehen, uns allen schadet, einzelnen jedoch [...] Vorteile verschafft." Wenn es gelänge, geplante Obsoleszenz gesetzlich zu  verbieten, würden dadurch Arbeits- und Kaufkraft freigesetzt, die zur Steigerung unseres Lebensstandards eingesetzt werden könnten.

Probleme lösen und künftig vermeiden

Während der Nachweis und die umfassende Bekämpfung geplanter Obsoleszenz nur auf internationaler Ebene machbar sind, können Sie als betroffener Besitzer relativ wenig tun. Wenn eines Ihrer Geräte verdächtig schnell den Dienst einstellt, sollten Sie zuerst einmal die Typbezeichnung und das Problem googeln. Unter Umständen findet sich eine Anleitung, wie Sie etwa den streikenden Drucker selbst wieder schnell und kostenlos in Gang setzen können. Führt dies zu nichts, prüfen Sie, ob noch Garantie- oder Gewährleistungsansprüche bestehen. Wenn ja, machen Sie diese unbedingt geltend, damit der Hersteller die Konsequenzen der Kurzlebigkeit seines Produkts zu spüren bekommt.

Ist die Garantie abgelaufen, sollte man genau überlegen, ob man das Gerät zum Hersteller schickt. Dieser hat womöglich mehr Interesse daran, ein neues Gerät zu verkaufen als ein altes zu reparieren. Das schlägt sich in teuren Servicepauschalen und Reparaturkosten nieder. Prüfen Sie vor dem Abschicken, welche Ausgaben zu erwarten sind – auch für den Fall, dass das Gerät unrepariert zurückgeschickt oder entsorgt werden muss. Mit einer freien Werkstatt fährt man eventuell besser. Bei billigen oder älteren Geräten sind eigene Reparaturversuche aufschlussreich. Wenn Sie dabei etwa einen geplatzten Elektrolytkondensator  finden, können Ihnen lötkundige Bekannte oder die ehrenamtlichen Mitarbeiter eines Repair Cafés eventuell weiterhelfen. Wenn es sich um einen typischen Fall geplanter Obsoleszenz handelt, sollten Sie sich beim Hersteller beschweren und den Fall auf Webseiten wie murks-nein-danke.de bekannt machen.

Beim Kauf eines Geräts ist es schwierig, dessen Langlebigkeit und Reparierbarkeit anhand des äußeren Eindrucks einzuschätzen. Kyle Wiens, Gründer der Reparaturwebseite ifixit.com, beschreibt in einem Interview mit dem Radiosender CBC, wie er neue Produkte begutachtet: "Ich überlege einfach: Wie kann ich das auseinanderbauen?" Wenn das Gehäuse durch Schrauben verschlossen ist und der Akku sich ohne Werkzeug entnehmen lässt, gehe das leicht. Falls nicht, suche er nach Haken oder Arretierungen. Fehlt all das, deute das auf ein verklebtes Gehäuse hin, was künftige  Reparaturen erheblich erschwert. Bevor man das Gerät selbst so genau unter die Lupe nimmt, kann man dessen Reparierbarkeit auf Wiens' Webseite oder auch auf YouTube recherchieren.

Wer auf Langlebigkeit Wert legt, kann es sich zunutze  machen, dass Business- oder Profigeräte eher stabiler gebaut, leichter reparierbar und länger mit Ersatzteilen versorgt sind als typische Endkundengeräte. Denn die Hersteller müssen sich an langfristige Verträge mit ihren Großkunden halten. Statt  eines Designernotebooks mit überdimensionierter CPU und GPU wählt man dann besser ein unscheinbares, dafür aber robuster gebautes Businessmodell. Mit einem solchen Gerät hat der Anwender gute Chancen, dass ihm der Ärger mit dem Lüfter und den Scharnieren erspart bleibt.

Quelle: CHIP 12/2013

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Beste Preis/Leistung bei Laptops

    Ich kann mich dem Artikel nur anschließen. Gut zusammengetragen. Deswegen propagiere ich in meinem Freundeskreis schon seit langem die Business Laptops von Lenovo und Dell, wenn mal wieder die Frage kommt "Welches Laptop soll ich mir denn nun kaufen". Insbesondere die Thinkpads von Lenovo kann man gebraucht für einen Spott-Preis erwerben, billig erweitern oder Ersatzteile austauschen und es gibt eine riesige Fangemeinde drumherum, die einem mit How-to-do Answeisungen versorgt. Dann kann man u.a. leicht der Erhitzung durch Reinigung entgegenwirken und einen langlebigen, günstigen Begleiter seinen eigen nennen. Ich will nicht ausschließen,dass es noch andere Hersteller guter Notebooks gibt. Allerdings steht für mich die Faustformel lieber ältere Premium/Business-Notebooks als neue Home-Office Laptops, die besonders schick sind.

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