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Quelle: freeimages.com, ejbevan

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Wer Diplomat werden will, muss ein hartes Auswahlverfahren überstehen.

Als sie auf dem Brief den Absender Auswärtiges Amt erkennt, weiß Lena Handwerk, dass sie ihre Zukunft in der Hand hält: Zusage oder Absage für eine Ausbildung als Diplomatin. Schon einmal hatte sie am Auswahlverfahren teilgenommen, aber sie war nicht über die erste Runde hinausgekommen. Beim zweiten Versuch hatte sie es in das mündliche Auswahlverfahren geschafft. Daran darf man nur ein einziges Mal teilnehmen. Entweder es klappt – oder der Traum ist aus.Die Konkurrenz ist groß. Für den aktuellen Jahrgang haben sich fast 2.400 Menschen beworben, genommen wurden 48. Die Bewerber brauchen mindestens einen Masterabschluss. Juristen sind besonders gefragt, aber man kann auch als Wirtschaftswissenschaftler, Architekt oder Kulturwissenschaftlerin Diplomat werden. Noch wichtiger als das Studienfach ist die internationale Erfahrung. Um eingeladen zu werden, gilt: Je mehr, desto besser.Lena Handwerk konnte ein Auslandssemester in Frankreich und ein Praktikum in Italien vorweisen. In Passau hatte sie "Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien" studiert. Es war ein Umfeld, in dem man ganz selbstverständlich ins Ausland ging. "Mich haben immer viele Sachen interessiert", sagt sie.Diplomaten haben nicht einen Beruf – sie haben viele. Sie arbeiten weltweit in den Botschaften in den verschiedenen Abteilungen für Politik, Kultur oder Wirtschaft. Etwa alle drei Jahre werden die Karten neu gemischt, dann heißt es umziehen an den nächsten Einsatzort. Wer beim Auswärtigen Amt arbeitet, gibt freiwillig einen großen Teil seiner Lebensplanung aus der Hand: die Entscheidung, wo man selbst und seine Familie ihr Leben verbringen werden. Zu den Einsatzorten gehören nicht nur Washington oder London, sondern auch Kabul und Bagdad. Dafür hat man einen festen Arbeitgeber und eine vertraute Struktur. Die Kollegen sind über die Welt verstreut, bleiben aber dieselben. Das Intranet auf dem Computer in Berlin ist das gleiche wie in Istanbul oder London. Wer sich für den Dienst interessiert, hört häufig, dass es sich nicht um eine Berufs- sondern um eine Lebensentscheidung handelt. Das muss man sich gut überlegen. Besonders wenn man eine Familie hat.

Ramin Moschtaghi sagt: "Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht." Moschtaghi ist 39, verheiratet, Vater von zwei Töchtern. Seit anderthalb Jahren arbeitet er als Diplomat in dem eckigen, hellen Klotz, in dem das Auswärtige Amt in Berlin residiert. Er hatte bereits zehn Jahre lang als Jurist gearbeitet, als er sich entschied, sich beim Auswärtigen Amt zu bewerben – für denselben Jahrgang wie Lena Handwerk. Ramin Moschtaghi war für das Heidelberger Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht bereits in Afghanistan tätig und hatte zuletzt als Referent des Landes Berlin bei der EU in Brüssel gearbeitet. Er wusste daher, was ein Job im Ausland bedeutet. "Man darf sich das nicht als ein Jetset-Leben an exotischen Orten vorstellen", sagt er. Die Herausforderungen seien im Alltag: Wo ist der nächste Supermarkt? Wo der beste Kinderarzt? Interkulturelle Unterschiede kannte er bereits von zu Hause. Die Familie seines Vaters stammt aus dem Iran.

Es muss ja nicht immer gleich London oder Washington sein

Bei dem Auswahlverfahren geht es auch darum, wie gut man zu diesem Leben passen würde. In der ersten Runde müssen die Bewerber einen Text zu einem außenpolitischen Thema schreiben, ihre Sprachkenntnisse in Englisch, Französisch oder einer anderen Sprache beweisen und zwei Tests absolvieren; einen psychologischen Eignungstest und einen mit Fragen zu Recht, Wirtschaft, Politik, Geschichte und Allgemeinbildung. Um sich vorzubereiten, hatte Ramin Moschtaghi viel Zeitung gelesen und viele Bücher.Wer den schriftlichen Teil besteht, wird zum mündlichen Auswahlverfahren an die Akademie des Auswärtigen Amtes in Berlin-Tegel eingeladen. Geprüft wird dabei, ob ein Bewerber "stabil, flexibel, offen, kontaktfreudig" ist. Nach Ausbildungsleiter Kai Baldow sind das die vier wichtigsten Eigenschaften eines Diplomaten. Außerdem sollte man gut im Team arbeiten können. "Wir sind kein Start-up, bei dem man seine geniale Idee alleine durchsetzen kann, in einer großen Institution muss man immer andere mit ins Boot holen. Wir brauchen kreative Menschen, die Lösungen gern mit anderen gemeinsam erarbeiten", sagt Baldow. Wer genommen wird, muss sich auch einem Gesundheitscheck und einer Sicherheitsüberprüfung unterziehen.Fast ein Jahr lang zieht sich dieser Bewerbungsprozess hin. Kurz vor Weihnachten fand Lena Handwerk den entscheidenden Brief in ihrem Postkasten. Sie riss ihn auf und las "Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können ..." Sie hatte es geschafft. "Da habe ich mich noch einmal gefragt: Willst du wirklich deine feste Stelle aufgeben und dich in dieses Abenteuer stürzen?", erzählt sie. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete sie seit zwei Jahren in der Pressestelle des Sächsischen Innenministeriums. Sie war zufrieden und mochte ihren Job, aber da war noch ein Gefühl, das sie nicht losließ: Fernweh. Also kündigte sie und zog in das Wohnheim der Akademie in Tegel. Aus ihrem Berufsleben kam sie wieder in eine Situation wie an der Uni.Die Ausbildung für den höheren Dienst dauert 14 Monate. "Die Crew soll zu einem Kollegenkreis zusammenwachsen, sie bleibt ein Netzwerk, das für das gesamte Berufsleben und oft darüber hinaus hält. Hier entstehen auch enge Freundschaften", sagt Kai Baldow. Die angehenden Diplomaten lernen, ihre eigenen Maßstäbe und ihre Wirkung zu hinterfragen. Wie empfindet jemand aus einer anderen Kultur mein Verhalten? Zur Ausbildung gehören zum Beispiel Vorlesungen zum Völkerrecht, ein Thementag zu Menschenrechten und ein Workshop in Verhandlungstraining. In Klausuren und mündlichen Prüfungen wird das Wissen abgefragt. Wer nicht besteht, muss wiederholen. Drei Monate werden für jeden individuell geplant. Zum Beispiel um Sprachkenntnisse nachzuholen oder ein Praktikum zu machen.Etwa ein Jahr vor dem Ende der Ausbildung erhalten die Azubis eine Liste mit freien Stellen und können dann ihrerseits eine Wunschliste aufstellen. "Mein Eindruck ist: Die Chance, dass man bekommt, was man sich wünscht, ist relativ hoch, wenn man nicht nur Washington, New York oder London angibt", sagt Lena Handwerk. Auf ihre Liste schrieb sie auch Ljubljana, die Hauptstadt Sloweniens – und es klappte. Ramin Moschtaghi blieb in Berlin. Auch dort ist die Arbeit international.Lena Handwerk ist nun in der deutschen Botschaft in Ljubljana zuständig für Presse, Kultur und Protokoll. Eine Aufgabe, an die sie durch ihre Arbeit in Sachsen gut anschließen kann. Wenn sie darüber spricht, strahlt sie. Die Botschaft ist klein, der Kontakt zu den Kollegen und den anderen Botschaften eng. Etwa alle zwei Monate fliegt sie nach Deutschland, ihre Kollegen aus ihrem Jahrgang hat sie schon in Kairo und Istanbul besucht. Einmal, als sie im Flugzeug saß, dachte sie: "Ja, cool. Genau deswegen mache ich das."

© ZEIT Online (Zur Original-Version des Artikels)

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