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Geht uns mal wieder die Arbeit aus?

Gebäude Digitalisierung [Quelle: Unsplash.com, Niti K.]

Quelle: Unsplash.com, Niti K.

Die Angst geht um: In der digitalen Welt braucht es womöglich keine Arbeiter mehr, weil Roboter und Algorithmen fast alles können. Gemach, gemach!

Deutschland geht es gut, das sehen inzwischen alle ein. Weil das so undramatisch klingt, fügen sie ein unscheinbares Wort hinzu: "noch". Das Glück ist in Gefahr, so versuchen es uns in diesen Tagen Experten einzureden, Wirtschaftsbosse und vor allem die wahlkämpfenden Politiker. Warum sollten wir sie sonst wählen, wenn es nicht künftiges Unheil abzuhalten gälte? Also verteufelt die SPD den Stillstand, redet die FDP über den Bildungsnotstand, warnt die CDU vor den Untiefen der Digitalisierung, weil der Chinese ja nicht schläft. Über dem Wohlergehen lassen sie alle die bange Frage schweben: Wie lange noch?

Das Unheil kommt von zwei Seiten, glaubt man den Prognosen. Zum einen heißt es, die Digitalisierung werde eine nie dagewesene Rationalisierungswelle auslösen, die anders als früher nicht so sehr die Ungelernten trifft, sondern am allermeisten die gut ausgebildete Mittelschicht. In der Zeit der mobilen Überweisungs-App braucht kein Mensch mehr eine Bankfiliale, und in der modernen Autofabrik wird der Facharbeiter vom Roboter ersetzt. Letzteres wird auf der Automobilausstellung IAA in Frankfurt in der kommenden Woche ein Thema sein. Zum anderen: Der demographische Wandel wird dafür sorgen, dass uns die Arbeitskräfte ausgehen: Die Alten gehen in Pension, es kommen zu wenig Junge nach, und aus dem Ausland wandern die Falschen ein, unken die Pessimisten. Am Ende wandert die Industrie aus Deutschland ab.

Sind die Deutschen also naiv, wenn sie sich um den Arbeitsmarkt anders als früher kaum noch sorgen, wie in der vergangenen Woche eine Studie über "Die Ängste der Deutschen" ergab? Und was wäre schlimmer, dass uns am Ende die Arbeitskräfte ausgehen oder die Arbeit?

Nur ein vorübergehendes "mismatch"?

Zunächst könnte man einwenden, dass sich die beiden vermeintlichen Probleme gegenseitig aufheben. Wenn die Nachfrage nach Arbeitskräften sinkt, das Angebot aber auch, ändert sich am Gleichgewicht aus beidem wenig: Das scheinen die Kontrahenten, die beide Debatten weithin unverbunden führen, bisher noch nicht bemerkt zu haben. Das Problem wäre dann höchstens ein vorübergehendes "mismatch", weil der arbeitslose Banker nicht am nächsten Tag einen Job als Programmierer oder Altenpfleger antreten kann.

Aber ganz so einfach ist es nicht. Also der Reihe nach.

Der große Digitalisierungs-Schock kam vor vier Jahren, als zwei Forscher aus Oxford die Öffentlichkeit mit einer spektakulären Studie aufrüttelten: In den Vereinigten Staaten könnten Computer und Maschinen künftig 47 Prozent der Beschäftigten ersetzen, sagten sie voraus. Auf Deutschland übertragen, könnten es 42 Prozent der Jobs oder 18 Millionen Arbeitsplätze sein. Das klingt nach einer Katastrophe. Denn so krass wird die Zahl der Arbeitskräfte niemals zurückgehen, selbst bei anhaltend niedriger Geburtenrate. Massenarbeitslosigkeit wäre die Folge.

Auch hierzulande gibt es Anhänger der These. Der Frankfurter Ökonom Bertram Schefold teilt zwar nicht die konkreten Zahlen, auch hält er Geringqualifizierte für gefährdeter als die Mittelschicht. Aber der Richtung der Prognose stimmt er zu: Die Digitalisierung wird mehr Jobs vernichten, als sie neu hervorbringt. "Anders als früher entstehen heute Technologien, die keine neuen Produkte schaffen, sondern alte ersetzen", sagt er. Frühere Innovationen wie die Erfindung des Autos hätten enorme Sekundäreffekte ausgelöst: Es mussten Straßen gebaut werden, Parkhäuser oder Tankstellen, Autofabriken entstanden, und Automechaniker hatten ihr Auskommen. Das sei beim Smartphone nicht der Fall. Es mache eine Vielzahl überkommener Geräte überflüssig, vom Fotoapparat bis zur Taschenlampe. Ersatzlos.

Die Folge, so Schefold, sei nicht nur ein Rückgang der Arbeitsplätze, sondern in der Folge auch ein wachsender Druck auf die Löhne. Anders als früher führten geringere Arbeitskosten trotzdem nicht dazu, dass die Firmen neue Jobs schaffen: Wer seine Fabrik einmal automatisiert hat, wird die Maschinen nicht einfach ausmustern, bloß weil menschliche Arbeitskraft zwischenzeitlich billiger geworden ist. Arbeitslosigkeit kann der Staat in dieser Logik nur vermeiden, wenn er ineffiziente Techniken mit Subventionen künstlich am Leben erhalte, glaubt der Ökonom.

Neue Berufsfelder, an die noch niemand denkt

Das ist eine Extremposition. Viele Experten sind optimistischer. "Wegen der Digitalisierung bekommen wir bis zum Jahr 2030 sicher keine Massenarbeitslosigkeit", sagt der Unternehmensberater Rainer Strack, Seniorpartner bei der Boston Consulting Group. Von der Abschaffung der Arbeit kann demnach keine Rede sein: Durch die Digitalisierung eröffnen sich in den nächsten zehn Jahren sogar viele neue Berufsfelder, an die bislang noch niemand denkt. "Aus Sicht des Arbeitnehmers sehen wir die nähere Zukunft positiv, solange er oder sie bereit ist, sich zu qualifizieren."

Die Horrorprognose aus Oxford hält Berater Strack für wenig plausibel. "Keiner kann heute vorhersagen, wie schnell Technologie und künstliche Intelligenz die Wirtschaft verändern werden", sagt Strack, ein ausgebildeter Physiker mit viel Verständnis für die technischen Prozesse. Die britischen Forscher geben zum Beispiel gar nicht an, in welchem Zeitraum sich der Jobverlust vollziehen soll. Das ist aber eine entscheidende Frage: Was innerhalb von zehn Jahren eine Katastrophe wäre, lässt sich in der vierfachen Zeit womöglich mühelos verkraften.

Statt zu spekulieren, schaut Strack lieber auf Zahlen, die verlässlich sind. Während der vergangenen zehn Jahre war die Digitalisierung schon in vollem Gange. In dieser Zeit wuchs die Produktivität trotzdem nur um 0,6 Prozent im Jahr, während die Wirtschaftsleistung mit der doppelten Rate stieg: um 1,3 Prozent. Das heißt: Der technologische Wandel hat die Wirtschaft angekurbelt und auf diese Weise mehr Jobs geschaffen, als er in derselben Zeit durch höhere Effizienz vernichtete. Erst wenn die Produktivität das Wirtschaftswachstum überholt, würde es für die Jobs gefährlich.

Auch das Arbeitsministerium widerstand der Versuchung, die digitale Zukunft schwarzzumalen. In einem dickleibigen Papier zum Thema malte es Chancen und Risiken der neuen Flexibilität für Arbeitnehmer ziemlich gleichgewichtig aus, von massenhaftem Jobverlust war nicht die Rede. Mehr Qualifizierung allerdings sei nötig: "Wir müssen vermeiden, dass wir in Zukunft Fachkräftemangel und Arbeitslosigkeit zugleich haben."

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