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Kaffeefahrt zum Job?

Auf einer Bustour einen Job ergattern [Quelle: Pixabay.com, Autor: sarangib]

Quelle: Pixabay.com, sarangib

Auf einer Busreise durch die hessische Provinz buhlen IT-Firmen um die Gunst von Studenten. Sieht so die Zukunft des Arbeitsmarkts aus?

Er streicht das blonde Haar nach hinten, wischt noch schnell das Hemd glatt, dann kann es losgehen: David Kaufmann, 26, Masterstudent der Informatik, ist bereit für das Bewerbungsgespräch. "Guten Tag", sagt er zu dem technischen Leiter der Concat AG aus der hessischen Stadt Bensheim, der gegenüber von ihm Platz nimmt. "Ich begrüße Sie ganz herzlich." Dann beginnt er, den älteren Mann zu löchern. Was sind Ihre Schwächen? Wieso sollte ich mich für Sie entscheiden? Wie ist das Arbeitsklima bei Ihnen? "Ich werde mich bei Ihnen melden", sagt Kaufmann am Ende des Gesprächs.

Das Vorstellungsgespräch von David Kaufmann ist nur ein Spiel, das er mit seinem Chef bei einem Bewerber-Event aufführt. Kaufmann ist Werkstudent bei der Concat AG, nach dem Studium wird er mit einer vollen Stelle bei dem mittelständischen Unternehmen einsteigen. Er muss also nicht mehr überzeugt werden. Aber mit seiner kleinen Theatervorführung will er seinen Kommilitonen zeigen, wie die Bewerbungsgespräche der Zukunft aussehen könnten. "Arbeit ist ein Geben und Nehmen", sagt David Kaufmann, "wer mich will, muss mir etwas bieten."

Wer heute von der Uni kommt und den richtigen Abschluss in der Tasche hat, der kann sich einen Job aussuchen, sagen manche Ökonomen. Das hat demografische Gründe: Nur elf Prozent der Bevölkerung in Deutschland wurden in den achtziger Jahren geboren, verglichen mit 17 Prozent in den sechziger Jahren. Gehen die Alten in Rente, dann werden mehr Arbeitsplätze frei, als die Jungen besetzen können. So argumentiert Werner Eichhorst vom Institut zur Zukunft der Arbeit in Bonn. Er sagt: "Die Firmen müssen in einzelnen Branchen und Regionen umdenken und sich bei ihren künftigen Mitarbeitern bewerben."

Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung warnt jedoch davor, die Zukunft zu rosig zu sehen. "Die Unis sind heute so voll wie nie", sagt er. Absolventen der Sozial- und Geisteswissenschaften hätten mitunter nach dem Abschluss Probleme, einen Job zu finden. In einzelnen Branchen aber, räumt er ein, hätten die Absolventen viel bessere Chancen.

Das gilt besonders für Informatiker: Mobiles Internet, sichere Verbindungen, das Speichern von immer größeren Datenmengen in der Cloud – die IT-Branche wächst. Rund zwei Drittel der mittelständischen IT-Unternehmen in Deutschland wollen neue Leute einstellen, das geht aus der jüngsten Konjunkturabfrage des Branchenverbandes Bitkom hervor.

"Die IT ist der krasseste Fall eines knappen Arbeitsmarktes", sagt der Arbeitsmarktökonom Werner Eichhorst. "Der Markt entwickelt sich stark um die begehrten Bewerber herum." In einigen Regionen sei der Arbeitsmarkt leer gefegt, sagt Eichhorst. Das passiere besonders oft dort, wo viele Unternehmen verwurzelt sind, das Leben für Absolventen aber nicht unbedingt attraktiv ist: auf dem Land.

Wie weit manche Unternehmen gehen, um neue Leute zu finden, das zeigt sich an einem düsteren Dezembermorgen in Darmstadt. Der Nebel umhüllt die braunen Ziegel des Bahnhofsdachs, auf dem Vorplatz scharen sich um ein gelbes Banner über 80 jungen Menschen – viele Männer, vielleicht zehn Frauen. In der Mitte steht Iyob Almedom und verteilt Zettel. "Kulis bekommt ihr später", sagt er.

Für eine Berliner organisiert er seit sechs Jahren Bustouren für Studenten und Absolventen aus IT-nahen Studienfächern. Bezahlt werden sie von Firmen aus der IT-Branche. "Recruitainment", nennt Almedom das, eine Mischung aus Entertainment und Recruiting. Das heißt: Die Unternehmen bezahlen dafür, dass den IT-Studenten etwas geboten wird – und dürfen sie im Gegenzug kennenlernen. Für die Studenten ist es im Optimalfall eine Kaffeefahrt zum Job.

Am Darmstädter Bahnhof trottet die Studentengruppe über den Vorplatz zu drei Reisebussen. Finn Fornoff ist einer von ihnen. Sein lilafarbenes T-Shirt und die beige Cargohose hängen lose am Körper. Er steigt in den Bus, greift nach dem prall gefüllten Jutebeutel, den alle Teilnehmer bekommen, und kramt sich durch Werbegeschenke, Hochglanzbroschüren und Bewerbungsmappen der Unternehmen.

Er liest: "Unsere Stärken: bodenständig, begeisterungsfähig, zuverlässig", "Gemeinsame Freizeitaktivitäten: Tontaubenschießen, ein Bier oder zwei, Lasertag", "Die Tür zum Vorstand ist immer offen". Mit solchen Sätzen werben die Unternehmen aus der hessischen Provinz um die Gunst der Informatikstudenten. Dass sich manche der Firmen mit der Werbung noch schwer tun, zeigt sich an dem, was Finn Fornoff noch aus dem Beutel zieht: Mousepads. Als würde man in Zeiten von Touchscreens und Infrarotmäusen noch dieses Relikt aus der digitalen Steinzeit brauchen.

Der Motor des Busses startet, das Mikrofon ploppt, eine Frauenstimme tönt durch die Lautsprecher. "Neun Unternehmen warten darauf, sich euch vorzustellen", sagt eine Mitarbeiterin von Young Targets. "Unser erster Halt ist bei der Profi AG, dort warten noch zwei weitere Unternehmen darauf, sich zu präsentieren. Die Profi AG hat 350 Mitarbeiter und ...", erzählt sie.

"So ein Geschwätz", sagt Finn Fornoffs Sitznachbar. Er ist 25 Jahre alt und strotzt vor Selbstbewusstsein, so wie die meisten Studenten auf dieser Bustour. Daran, dass er einen guten Job bekommt, zweifelt er nicht. Obwohl: Einmal habe er zwar eine Absage bekommen. "Gut", sagt der Masterstudent, "aber da hatte ich mich auch als Senior-Entwickler beworben."

Der Bus hält. Rechts: ein Zaun, dahinter Parkplätze, so weit das Auge reicht. Links: ein Gebäude mit grauer Fassade aus Glas. Die erste Station. Der Beamer surrt schon, neben den Yukkapalmen lehnen rund ein Dutzend Leute an der Wand – Chefs und Mitarbeiter mehrerer benachbarter Unternehmen. Sie alle wollen heute den Studenten aus dem Bus ihren Arbeitgeber schmackhaft machen.

In den Präsentationen erzählen die Chefs von Firmenumsätzen und Standorten in aller Welt. Sie schwärmen von der "Work-Life-Balance", davon, dass man bei ihnen "zum Lachen nicht in den Keller" gehe oder dass "junge Wilde" und "alte Hasen" zusammenarbeiteten. Sie erzählen das, was junge, weltoffene Menschen mit Lust auf viel Freizeit und einen gut bezahlten Job vermeintlich hören wollen.

Einige der Studenten sinken während dieser Vorträge tief in die Lederstühle und lassen ihre Blicke durch den Raum wandern. Andere sitzen auf den Kanten der Stühle, haben die Ellbogen aufgestützt und verfolgen die Folien an der Wand mit wachem Blick. Es ist eine Mischung aus denen mit den gebügelten Hemden und jenen mit den abgewetzten Kapuzenpullis. Nicht alle hier suchen akut nach einem Job, viele stecken noch mitten im Studium. Das wissen die Unternehmen: Jeder Teilnehmer wird bei der Anmeldung gefragt, was er wo studiert, welche Fremdsprachen er spricht, welche Programmiersprachen er beherrscht und was für einen Job er sucht.

Nach den Vorträgen ist Zeit für Einzelgespräche (die Firmen servieren dazu kostenlose Brezeln und Red Bull), dann geht es wieder in den Bus. Die nächste Station, der nächste Konferenzraum, die nächsten Mittelständler, die mit PowerPoint-Präsentationen zeigen wollen, was für tolle Arbeitsbedingungen sie bieten. Das Spiel wiederholt sich. Dann kommt die Concat AG an die Reihe und führt zusammen mit David Kaufmann, dem blonden Studenten im hellblauen Hemd, das fiktive Vorstellungsgespräch auf.

Auf der anderen Seite des Raumes mit den dunkelbraunen Fenstern und dem blauen Teppich wartet Stefan Schaffner. Ihm gehört Schaffner Management, ein kleines Unternehmen aus dem Örtchen Groß-Bieberau, 20 Autominuten südlich von Darmstadt, 50 Minuten von Frankfurt entfernt. Es sind nicht nur kleine, weitgehend unbekannte Mittelständler, die auf dieser Bustour um Mitarbeiter werben. Die Software AG ist auch dabei. Sie beschäftigt rund 4.600 Mitarbeiter in 70 Ländern, und jeder, der Informatik studiert, hat schon mal von der Software AG gehört.

Doch die kleineren Unternehmen hätten es in der Region besonders schwer, neues Personal zu finden. "Mittlerweile ist das so, dass man seine Mitarbeiter direkt von der Uni abwerben sollte", sagt Stefan Schaffner, "wir sind nicht so ein großer Laden, da müssen wir solche Veranstaltungen nutzen." In der Region Rhein-Main-Neckar sei der Wettbewerb um Absolventen stark, sagt auch Claudius Rudolf von der Concat AG. Deshalb gibt er, wie die anderen Unternehmen an diesem Tag auch, rund 2.600 Euro dafür aus, dass sie sich bei der Busreise präsentieren dürfen.

"Die Nachfrage nach IT-Studenten reißt nicht ab", sagt Iyob Almedom von Young Targets, dem Veranstalter dieses Events. Vor sieben Jahren startete die Firma die ersten Busse mit Informatikern an Bord in Karlsruhe, heute gibt es die Touren in Darmstadt, Hamburg, Berlin und München. Almedom und seine Kollegen schicken Absolventen per App auf eine Schnitzeljagd, um auf diese Weise für Firmen zu werben, oder laden Leute, die Java programmieren können, zum Grillen ein. Dieses "Recruitainment", das für die Studenten und Absolventen ein Spaß ist, kommt die Firmen teuer zu stehen: Bis zu 45.000 Euro könne ein Event kosten, sagt Almedom. Dann muss er weiter – draußen wartet der Bus, es gibt noch mehr Firmen, die sich heute bei ihren zukünftigen Mitarbeitern bewerben wollen.

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