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Chef per Stimmzettel

Mann Business Anzug Smartphone [Quelle: Unsplash.com, Kait Loggins]

Quelle: Unsplash.com, Kait Loggins

Marc Stoffel führt das Schweizer IT-Unternehmen Umantis. Er wurde nicht ernannt, er wurde gewählt. Wie viel Demokratie verträgt ein Unternehmen?

Die Kommentare waren am Anfang stets dieselben. "Spinnt ihr?" Dann wollten alle wissen: "Wie genau macht ihr das?" Inzwischen sagen sogar Dax-Vorstände: "Das wollen wir auch."

Marc Stoffel, 35, Dreitagebart, offenes Hemd und Turnschuhe, sitzt auf einem senffarbenen Sofa in St. Gallen. Dort residiert die Schweizer IT-Firma Umantis, die mit rund 150 Mitarbeitern Talentmanagement-Software entwickelt: Computerprogramme, die bei der weltweiten Rekrutierung von Fachkräften helfen. Stoffel ist der Chef. Aber anders als andere Chefs wurde er nicht auf diese Position von oben befördert. Er wurde gewählt. Von den Mitarbeitern, ganz demokratisch. Für Stoffel ist das ein Modell für die Zukunft. Er sagt: "Die Zweiklassengesellschaft zwischen Mitarbeitern und Managern löst sich allmählich auf."

Stimmt das? Werden demokratische Strukturen in Unternehmen zum Schlüsselfaktor für den Erfolg? Viele Arbeitswissenschaftler glauben das. "Unternehmen sind erfolgreicher, wenn ihre Strukturen demokratisch sind", behauptet etwa die renommierte Organisationsforscherin Isabell Welpe von der Technischen Universität München. Demokratische Verfahren seien überall dort geeignet, "wo Menschen unterschiedliche Perspektiven haben, wo es wichtig ist, Wissen, das auf mehrere Köpfe verteilt ist, zusammenzubringen".

Selbst Großkonzerne wie die Telekom, die zu den Kunden von Umantis zählt und seit je top down entscheidet, experimentieren mit der Demokratie. Der brasilianische Maschinenbauer Semco hat keine festen Geschäftsführer mehr, keine Stellenbeschreibungen, keine dauerhaften Positionen. Die Mitarbeiter übernehmen in kleinen, unabhängigen Teams komplette Produktionsprozesse. Auch das holländische Pflege-Unternehmen Buurtzorg bietet seine Dienstleistungen in weitgehend selbstbestimmten Organisationsstrukturen an.

Mit Kästchen zum Ankreuzen lässt sich der Chef entzaubern

Stoffel, der kein eigenes Büro hat, empfängt in einem Konferenzraum mit Start-up-Atmosphäre. Der Espresso, den er schlürft, stammt von "der längsten Bar in St. Gallen" – so nennen sie bei Umantis die mit Espressomaschine, Wasserspender, Tischfußball und meterlangem Holztresen ausgestattete Aufenthaltszone, die sich gleich neben dem Konferenzraum befindet. Das alles wirkt einladend, inspirierend und modern. Aber können Mitarbeiter tatsächlich ein Unternehmen führen? Können sie bei Budgetfragen klug mitentscheiden, bei der Produktentwicklung, der Preisgestaltung, der Personalplanung?

"Aber klar können sie das", sagt Stoffel. Man müsse nur die "Spielregeln im Betriebssystem" verändern und mit dem Mythos aufräumen, dass Führung so etwas wie ein "Schweizer Taschenmesser mit 47 scharfen Klingen" sei, das alles könne. Neben der hierarchischen Führung müsse es selbst organisierte Bereiche geben. Nur mit einem "agilen Wechsel zwischen Folgen und Führen" könnten Unternehmen ihr laufendes Geschäft gut und effizient betreiben – und gleichzeitig neue Ideen hervorbringen. Demokratische Wahlen, davon ist Stoffel überzeugt, helfen dabei. "Einmal im Jahr wählen unsere Mitarbeiter die gesamte Führungsriege", sagt er.

Und das geht so: Jeder kann sich selbst oder einen Kollegen nominieren. Die Kandidaten verfassen die Stellenbeschreibung selbst, alle Mitarbeiter können diese Beschreibung einsehen und Fragen stellen, Vorschläge machen, Kritik äußern. Wenn die Kandidaten möchten, dann greifen sie die Kritik auf. Am Ende füllt jeder Mitarbeiter einen Wahlzettel mit sechs Optionen aus: "Ja mit voller Zustimmung", "Ja", "Ja mit Bedenken", "Extern rekrutieren", "Wir brauchen diese Position nicht", "Enthaltung". Gewählt ist derjenige, der die meisten Jastimmen erhält. Mindestens zwei Drittel des gesamten Teams müssen für ihn oder sie stimmen – und mindestens zwei Drittel des Teams, das er einmal leiten soll.

So funktioniert sie also, die Entzauberung des Chefs: mit Kästchen zum Ankreuzen.

Angefangen haben sie mit den Wahlen bei Umantis vor fünf Jahren. Damals wollte sich der Vorstandsvorsitzende und heutige Verwaltungsratspräsident Hermann Arnold von seinem Posten zurückziehen. Eines Abends saß er mit Marc Stoffel beim Bier zusammen – und da, erzählt Stoffel, sei Arnold die Idee gekommen, seinen Nachfolger von der Belegschaft wählen zu lassen. Arnold schlug schließlich Stoffel vor – und der wurde mit 95 Prozent der Stimmen ins Amt des Geschäftsführers befördert und seither viermal wiedergewählt. Der Wirtschaftsinformatiker war bei Umantis einst am Assessmentcenter gescheitert, bekam dann aber eine Praktikantenstelle und arbeitete sich bis zum Vertriebs- und Marketingchef hoch.

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