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"Freunde kann man sich aussuchen, Kollegen nicht"

Freunde [Quelle: freeimages.com; Autor: mzacha]

Quelle: freeimages.com, mzacha

Es ist nicht immer von Vorteil, wenn aus Kollegen Freunde werden. Wie man die richtige Distanz wahrt, sagt die Karriereexpertin Simone Janson im Interview.

ZEIT ONLINE: Frau Janson, mit wie vielen Kollegen sind Sie eng befreundet?

Simone Janson: Ich verstehe mich mit vielen sehr gut und wir reden auch über Privates. Aber eine über Jahre gewachsene Freundschaft hat nochmal eine andere Qualität. Bei der Arbeit ist zu enger privater Kontakt nicht immer von Vorteil.

ZEIT ONLINE: Warum nicht? Immerhin ist das Betriebsklima deutlich angenehmer und produktiver, wenn sich Kollegen gut verstehen.

Janson: Gegen gut verstehen ist auch nichts einzuwenden. Immerhin muss man jeden Tag zusammen arbeiten. Freunde kann man sich aussuchen, Kollegen nicht. Sobald sich aber Beziehungs- und Sachebene miteinander vermischen, können Konflikte entstehen. Problematisch wird es beispielsweise dann, wenn ein Kollege mehr will als eine freundliche Arbeitsbeziehung – man selbst aber nicht. Jeder hat vermutlich schon einmal die Erfahrung gemacht, dass ein Kollege sehr viel Privates von sich preisgibt und über persönliche Sorgen berichtet und man selbst nicht weiß, wie man damit umgehen soll. Oder man selbst hat Privates erzählt und bemerkt, dass das dem sympathischen Kollegen unangenehm ist.

ZEIT ONLINE: Dann stellt sich die Frage, wo man die Grenze zieht.

Janson: Genau. Soll man sagen, dass man die Sorgen über die Vertragsverlängerung oder den Ärger über den Chef teilt, aber nichts über die Eheprobleme des Kollegen hören will? Was ist, wenn der Kollege dann beleidigt ist? Die meisten Menschen wünschen sich ein möglichst konfliktfreies Berufsleben und sind entsprechend unsicher. Einerseits ist der Wunsch da, mit den Kollegen befreundet zu sein, weil man Themen hat, die einen verbinden, weil man eine gewisse Nähe auch braucht, um produktiv arbeiten zu können. Andererseits birgt diese Nähe viel Konfliktpotential. Kollegen konkurrieren um Beförderungen. Neid und Missgunst sind vor allem bei Menschen auf einer Hierarchiestufe stark verbreitet. Der Kampf um die Karriere wird noch härter, wenn es keine Distanz mehr gibt und private Informationen missbraucht werden können.

ZEIT ONLINE: Also sollte man sich aus Angst vor einem starken Konkurrenzkampf besser nicht mit Kollegen anfreunden?

Janson: Nein, das wäre der falsche Schluss. Dieser Rat wäre auch nicht realistisch. Privatleben und Arbeitswelt lassen sich auf Dauer nicht strikt trennen. Der Beruf fordert ein wachsendes Maß an Flexibilität. Man zieht für den Job in eine fremde Stadt und verliert auf Dauer die alten Freunde aus Schul- und Studienzeiten. Weil man 9, 10 oder noch mehr Stunden am Tag mit der Arbeit verbringt, hat man irgendwann nur noch Beziehungen zu Menschen, die man aus dem Arbeitskontext heraus kennt. Wie sollte man auch sonst mit anderen Menschen in Kontakt kommen? Die psychischen wie physischen Anforderungen der modernen Arbeitswelt an den einzelnen Mitarbeiter lassen kaum noch Raum, um Freundschaften zu pflegen. Wenn man aber keinen Ausgleich schafft, ist die Gefahr groß, dass ein Arbeitsplatzverlust auch Freundschaftsverlust bedeuten kann. So bekommt Arbeit einen Stellenwert im Leben, der ungesund ist.

ZEIT ONLINE: Karriere macht einsam?

Janson: Das muss nicht sein, aber das Risiko ist da, ja. Stellen wir uns einen jungen Regionalleiter vor, der gerade erst aus dem Kreis seiner alten Kollegen in seine Führungsposition befördert wurde. Viele Menschen berichten nach einem Karrieresprung, dass das gemeinsame Mittagsessen mit den Kollegen plötzlich verkrampfter ist und sich die lieben Kollegen von früher distanzieren, weil man ja nun der Vorgesetzte ist. Das Verhalten ist auch richtig, denn ein Chef muss unliebsame Entscheidungen treffen und das geht umso leichter, je größer die Distanz ist. Viele Führungskräfte suchen sich dann Freunde auf der gleichen Hierarchieebene.

ZEIT ONLINE: Wie sollte man sich verhalten, wenn mit einem befreundeten Kollegen eine Konkurrenzsituation entsteht?

Janson: Es ist je nach Intensität der Beziehung sinnvoll, dieses Gefühl auch anzusprechen. Fast jeder kennt die Erfahrung, dass ein guter Freund einen auf einmal beruflich überholt und man neidisch ist. Solche Neidgefühle sind normal, gerade dann, wenn man selbst ambitioniert ist. Man sollte sich diese negativen Gefühle eingestehen und wenn einem die Beziehung wichtig ist, das Problem ansprechen. Tut man es nicht, wird die Freundschaft beeinträchtigt. Bei einer normalen Arbeitsbeziehung reicht dagegen ein sachliches Gespräch über die neue Situation.

ZEIT ONLINE: Wie sollte man mit Freundschaftsanfragen von Kollegen und Vorgesetzten in sozialen Netzwerken umgehen?

Janson: Das ist eine Frage, für die derzeit in verschiedenen Unternehmen Lösungsansätze diskutiert werden. Manche Konzerne haben bereits sogenannte Social Media Guidelines auf den Weg gebracht, in denen diese Frage geregelt ist. Generell richtet sich die Antwort danach, wie ein soziales Netzwerk genutzt wird. Wenn Sie eine Plattform ausschließlich privat nutzen, ist es auch Ihre private Entscheidung, sich mit Kollegen oder Vorgesetzten zu vernetzen. Problematisch ist jedoch, dass sich beispielsweise Facebook zu einer Mischform aus privaten und beruflichen Kontakten entwickelt. Das spiegelt die enge Verzahnung von Berufsleben und Privatleben wieder. Aber: Bei Facebook gibt es mittlerweile die Möglichkeit, benutzerdefinierte Einstellungen vorzunehmen. Sie können festlegen, welche Einträge die lieben Kollegen oder der Chef von Ihnen lesen darf und welche nicht. Man kann seine Kontakte speziellen Gruppen zuordnen und seine Pinnwand nur für die engsten Freunde sichtbar machen.

ZEIT ONLINE: Verraten Sie uns noch, wie Sie die Trennung zwischen Berufs- und Privatleben schaffen?

Janson: Ehrlich gesagt ist es ein immerwährender Prozess. Soziale Beziehungen sind ja nicht konstant, sondern entwickeln sich dynamisch – ebenso wie die Arbeitswelt. Klar gibt es da auch mal Zoff. Und es gibt auch die langjährigen beruflichen Kontakte, aus denen sich echte Freundschaften entwickeln. Auch ich schaffe es nicht, eine strikte Trennung der Bereiche aufrechtzuerhalten. Das wäre auch künstlich und nicht authentisch. Niemand kann ja zwischenmenschliche Konflikte zwanghaft vermeiden. Sie gehören nun mal zum Miteinander dazu, im Job wie im Privatleben. Allerdings rate ich dazu, eine gewissen sachliche Distanz zu wahren, wo es nötig ist.

 © ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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