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Andauernder Lernprozess

Buch (Quelle: sxc.hu/ywel)

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Die Hochschulen haben die Bologna-Reform nicht so gut umgesetzt, wie die Politik sie preist. Studenten und Firmen werben daher für eine akademische Pause.

Für die Politik ist es ein "großer Erfolg". Von den 15.000 Studiengängen in Deutschland sind heute rund 13.000 umgestellt: Sie vergeben nicht mehr die alten Diplom- und Magisterabschlüsse, sondern nach drei bis vier Jahren Studium einen Bachelor und nach weiteren ein bis zwei Jahren den Master. Mehr Studenten könnten so in kürzerer Zeit durch die Universitäten und Fachhochschulen geschleust werden, sie gingen häufiger ins Ausland, und seien auch noch seltener arbeitslos, frohlockt der neueste Bologna-Bericht, den das Bundeskabinett am Mittwoch verabschiedet hat. Paradiesische Zustände - zumindest sieht das die Politik so. 

Nur leider entspricht das nicht den Zahlen, die Absolventenumfragen und Stimmungsbilder aus der Wirtschaft wiedergeben. Deren Urteil fällt weniger positiv aus, und das weiß auch die Politik. Doch mehr als leise Kritik findet sich im Bologna-Bericht dazu nicht. "Statt Paradigmenwechsel herrscht Kontinuität" in Hinblick auf Bologna, urteilten die Autoren einer Studie des Stifterverbands im vergangenen Jahr. Kurz gesagt: Die Reform habe nichts verschlimmert, aber die Schwächen auch nicht beseitigt. "Das ist ernüchternd", sagt Christiane Konegen-Grenier, Hochschulforscherin am Institut der deutschen Wirtschaft Köln. 

"Der Praxisbezug ist noch immer nicht befriedigend", meint sie. Projekte, Praktika oder Manager, die in Vorlesungen die Theorie mit der Praxis verbinden - vor allem an den Universitäten stößt das noch auf Widerstand. Das große Versprechen der "Employabality" - die Hochschulen haben es noch lange nicht eingelöst. 

Sind das nur Anlaufschwierigkeiten? Offenbar nicht: Als der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) im Jahr 2007 Unternehmen nach ihren Erfahrungen mit den neuen Bachelor-Absolventen fragte, waren 67 Prozent zufrieden. Vier Jahre später sind es nur noch 63 Prozent. "Bologna ist grundsätzlich gut", erklärt Jens Plinke, beim Konsumgüterkonzern Henkel für das Arbeitgebermarketing zuständig. "Doch egal ob Hochschulen, Studenten oder die Unternehmen - wir sind alle noch in einem Lernprozess." 

Verschulte, vollgepackte Studiengänge, die kaum Zeit lassen, auch einmal nach links und rechts zu schauen - das kritisierten die Studenten im großen Bildungsstreik 2009. Damals gingen die Studenten auf die Straße, besetzten Hörsäle und Rektorate und kämpften gegen die Unstudierbarkeit der Studiengänge. Die Hochschulen versprachen Besserung.

Doch viel hat sich nicht getan. Nur drei von zehn Uni-Bachelorstudenten etwa gehen während ihres Studiums ins Ausland; von den Diplom-Kollegen wagten das noch fast vier von zehn. Das ergeben Zahlen des Hochschul-Informations-Systems (HIS). Lediglich bei den FH-Absolventen hat sich der Anteil der Studenten im Ausland nicht verändert. Trotzdem heißt es in einer Mitteilung des Bundesbildungsministeriums, dass die Studenten heute mobiler seien. 

In Berlin heißt es auch, dass die Akzeptanz der Bachelor-Abschlüsse bei Unternehmen und Studenten gleichermaßen gestiegen sei. Doch nur ein Fünftel der Uni- und zwei Fünftel der FH-Bachelor fühlen sich fit für den Beruf. Mit dem Bachelor in den Job? "Das ist nicht eingetreten", sagt Konegen-Grenier. Rund 80 Prozent der Uni-Bachelor des Jahrgangs 2009 und 60 Prozent der FHler, die das HIS befragt hat, entschieden sich, im Master weiterzustudieren. 

Akademische Pause wird salonfähig

Und genau das macht Studenten und Unternehmen erfinderisch. Denn zwischen Bachelor und Master nehmen immer mehr Absolventen eine Auszeit - für den Sprachkurs im Ausland, den Härtetest als Lehrer in sozial schwierigen Schulen oder ein längeres Praktikum. "Gap Year" heißt die akademische Pause, die in den angelsächsischen Ländern weit verbreitet ist. Und die sehen etliche Arbeitgeber nicht mehr als Makel, sondern als mutigen Ausbruch - sofern es die Absolventen weiterbringt und nicht nur netter Zeitvertreib ist. 

Auch die Unternehmen haben das "Gap Year" für sich entdeckt. Vor wenigen Wochen hat Henkel mit dem Versicherer Allianz, dem Medienkonzern Bertelsmann und der Unternehmensberatung McKinsey ihr gleichnamiges Praktikantenprogramm gestartet. "Wir haben von Studenten und Praktikanten immer wieder gehört, dass sie bewusst zwischen Bachelor und Master längere Praktika machen wollen", berichtet Henkel-Manager Plinke. Bei zwei oder drei der Firmen sollen sie für ein paar Monate mitarbeiten und werden dabei von einem Mentor begleitet. 

Nach dem "Gap Year" aber werden die Bachelors zurück an die Hochschule gehen, denn den Master wollen sie trotzdem machen. Am Ende werden viele von ihnen mindestens zehn Semester studiert haben - die Regelstudienzeit in vielen alten Studiengängen war neun Semester. 

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