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In Zukunft werden Fachkräfte richtig knapp

Mechaniker Technik Ingenieur (Quelle: freeimages.com, SailorJohn)

Quelle: freeimages.com, SailorJohn

Aktuelle Zahlen zeigen: Noch herrscht in Deutschland kein Fachkräftemangel. Doch bald werden Millionen Arbeitskräfte fehlen. Zuwanderung allein hilft nicht dagegen.

Zwei, drei Jahre lang wurde das Thema durch die Wirtschaftskrise verdrängt, plötzlich ist es wieder da: der Fachkräftemangel. Zuerst stritten sich Regierung und Opposition, Gewerkschaften und die Bundesagentur für Arbeit, wie man ihn am besten bekämpfen soll. Die Zuwanderung erleichtern? Lieber einheimische Talente besser aus- und weiterbilden? Dann ließ Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren Sprecher ausrichten, die Zuwanderungsgesetze bedürften keiner grundsätzlichen Überarbeitung, und fuhr in die Sommerfrische.
 
Doch bis zum Herbst wird das Problem nicht verschwinden. Im Gegenteil: Es wird in den kommenden Jahren größer werden. Politik wie Unternehmen täten gut daran, schon jetzt für die Zeit der Knappheit vorzusorgen.
 
Im Moment kann von einem allgemeinen Fachkräftemangel nämlich trotz aller Klagen noch gar keine Rede sein. Zwar beziffert der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) die Zahl der fehlenden Ingenieure auf 36.000. Dem IT-Verband Bitkom zufolge sehen ein Drittel seiner Mitgliedsunternehmen im Mangel an qualifiziertem Personal ein Hindernis für ihre Geschäftstätigkeit. Der DIHK berichtet, aus Sicht seiner Mitglieder sei die Knappheit an geeigneten Fachkräften – ob Akademiker, Facharbeiter oder qualifizierte Azubis – ein Hindernis für den gerade begonnenen Aufschwung. Neben Ingenieuren und IT-Fachleuten fehlen auch Pflegekräfte und Erzieherinnen.
 
Doch zugleich liegt die Zahl der Arbeitslosen immer noch bei mehr als drei Millionen, und weitere Indizien sprechen ebenfalls gegen einen flächendeckenden Expertenmangel. So wandern immer noch Fach- und Führungskräfte aus. Im Jahr 2009 verließen 155.000 Deutsche das Land, viele von ihnen, weil sie sich anderswo bessere Karrierechancen erhofften.
 
Bräuchten die Unternehmen tatsächlich so dringend Personal, würden sie solche Leute viel stärker umwerben. Einzelfälle deuten zumindest darauf hin, dass sie das nicht tun. So streicht Siemens, einer der wichtigsten Arbeitgeber für technisches Fachpersonal in Deutschland, 2.000 Stellen in einem Tochterunternehmen, dem IT-Dienstleister SIS. Vor allem ältere Ingenieure sollen durch Prämien zum Ausstieg bewegt werden.
 
Aktuelle Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg bestätigen: Es gibt Engpässe in bestimmten Unternehmen, aber von einem flächendeckenden Fachkräftemangel ist Deutschland noch weit entfernt. Insgesamt lag die Zahl der offenen Stellen in Deutschland im zweiten Quartal bei rund 977.000, zehn Prozent über dem Niveau des Vorquartals – doch vor Einsetzen der Rezession, im Jahr 2008, waren noch deutlich mehr Stellen unbesetzt.
 
"Offensichtlich sind viele Betriebe weiterhin vorsichtig mit Neueinstellungen und beobachten die weitere Entwicklung", sagt Anja Kettner, die am Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zum Fachkräftemangel forscht. Ihren Erhebungen zufolge zeigt sich der Zuwachs der offenen Stellen vor allem unter Großunternehmen. Doch in kleineren Betrieben, die für den Arbeitsmarkt insgesamt deutlich wichtiger seien, habe sich der Bedarf an Arbeitskräften trotz des beginnenden Aufschwungs noch nicht erhöht.
 
Ansonsten verweist das IAB auf Forschungsergebnisse, die schon vor der Krise galten, im August 2007. "Aktuell gibt es keine Anzeichen für einen allgemeinen Fachkräftemangel, auch wenn die Lage in einigen Teilarbeitsmärkten angespannt ist", hieß es damals in einer Stellungnahme. "Der vielfach diskutierte Ingenieurmangel kann bisher nur in einigen Teilbereichen beobachtet werden – auf längere Frist sind jedoch breitere Mangellagen zu erwarten."
 
Der wichtigste Grund für die absehbare Knappheit: Allein aus demographischen Gründen wird die Zahl der Arbeitskräfte schrumpfen, zuerst im Osten, wo die negativen Folgen schon ab 2015 zu spüren sein sollen. Der Westen hat eine um fünf Jahre längere Gnadenfrist. Bis zum Jahr 2050 wird das Angebot an Erwerbspersonen in Deutschland um rund 18 Millionen Menschen zurückgehen, schätzt Johann Fuchs, der am IAB die längerfristige Entwicklung des Arbeitsmarktes beobachtet.
 
"Die Auswirkungen werden so stark sein, dass wir sie uns noch gar nicht vorstellen können", sagt er. Noch gleiche der jährliche Zustrom an Absolventen oder Zuwanderern den Abgang von Rentnern ungefähr aus. "Aber das ist am Kippen. Was das längerfristig bedeutet, ist relativ sicher zu prognostizieren."
 
Hinzu kommt, dass die moderne Wirtschaft immer besser ausgebildete Fachkräfte braucht. Noch in den achtziger Jahren wurden vor allem Bauarbeiter und Handwerker gesucht, und Gastronomiepersonal war in den Sommermonaten derart knapp, dass Wirte inkognito über Land zogen, um Köche oder Kellner aus Gaststätten abzuwerben. Heute steigt nur noch der Bedarf an Akademikern, während die Nachfrage nach Arbeitnehmern mit Berufsausbildung im besten Fall gleich bleibt.
 
Das Bildungsniveau der Bevölkerung aber hält nicht Schritt. Es gibt zu wenige Akademiker und zu viele Jugendliche, die nicht einmal die Hauptschule schaffen. Sie haben nur geringe Chancen, einen Job zu finden. "Fortbildung kann bei diesen Personen nur beschränkt wirken", sagt Arbeitsmarktforscher Fuchs. Zur begehrten Fachkraft werden sie kaum.
 
Der Ruf nach der Politik, die Schul- und Hochschulbildung wie auch die Zuwanderung von qualifizierten Fachleuten zu fördern, ist deshalb logisch. Doch: Unkompliziert umsetzen lässt sich beides nicht, wie die jahrelange Debatte um die Hochschulreform oder der geringe Erfolg der Greencard-Initiative von Ex-Kanzler Gerhard Schröder zeigen. Statt im Ausland um bestimmte Berufsgruppen zu werben, die in einer Branchenkrise schnell arbeitslos werden könnten, sollte die Politik lieber die Rahmenbedingungen so setzen, dass qualifizierte Fachleute grundsätzlich gerne nach Deutschland kommen, heißt es vom IAB. Besonders sei darauf zu achten, die gesellschaftliche Integration der Zuwanderer zu erleichtern.
 
Selbst wenn beides gelänge: Mit geordneter Zuwanderung alleine könne man die zahlenmäßigen Folgen des demographischen Wandels nicht ausgleichen, sagt Fuchs.
 
Ohne ein größeres Engagement der Unternehmen wird es deshalb nicht gehen. Sie taten bislang zu wenig, um sich gegen den Mangel zu wappnen. "Es gibt zum Beispiel jede Menge Ingenieurinnen, die arbeiten wollen", sagt Anja Kettner. "Aber sie kriegen den Einstieg nicht hin, weil sie keine Betreuungsmöglichkeit für ihre Kinder finden." Andere Mütter arbeiten aus dem gleichen Grund nur Teilzeit, obwohl sie gerne eine Vollzeitstelle übernehmen oder zumindest ihre wöchentliche Stundenzahl erhöhen würden.
 
Weitere Reserven gibt es unter älteren Arbeitnehmern. Selbst noch so gut ausgebildete Ingenieure haben es häufig schwer, eine passende Stelle zu finden – die Personaler bevorzugen junge Bewerber. Viele Betriebe böten den Älteren zu wenig Weiterbildung, schreibt das IAB. Überhaupt werde die Fortbildung vor allem genutzt, wenn Stellen zu besetzen seien, und noch zu wenig als ständiges Instrument der Personalpolitik gesehen. Auch das müsste sich ändern.

 © ZEIT ONLINE ( Zur Original-Version des Artikels)

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