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"Auch für Männer sind Beruf und Kinder schwer vereinbar"

Wald, Park, Spaziergang, Familie (Quelle: freeimages.com, Autor: mergemind)

Quelle: freeimages.com, mergemind

Rainer Sonnenberger engagiert sich für den Verein Väteraufbruch für Kinder. Er erklärt, wie sich Eltern, auch nach einer Trennung, am besten um die Kinder kümmern können.

Lassen sich Vollzeitarbeit und Familie miteinander vereinbaren? ZEIT ONLINE stellt Menschen vor, die neue Wege für eine Vereinbarkeit von Kind und Karriere probieren. Diesmal erzählt Rainer Sonnenberger, Vorstandsmitglied des Vereins Väteraufbruch für Kinder, vor welchen Problemen Väter stehen, wenn sie sich die Erziehung ihrer Kinder gleichberechtigt mit der Mutter teilen wollen. Besonders schwer haben es Väter, die getrennt von der Mutter ihrer Kinder leben, sagt Sonnenberger. Wer Menschen kennt, welche die Herausforderung zwischen Job und Familie gemeistert haben, kann Vorschläge an die Redaktion richten.

ZEIT ONLINE: Herr Sonnenberger, Sie sind selbst dreifacher Vater und engagieren sich im Bundesvorstands des Vereins Väteraufbruch für Kinder. Was sind die Ziele Ihres Vereins?

Rainer Sonnenberger: Unter unserem Vereinsmotto "Allen Kindern beide Eltern!" engagieren wir uns für eine gemeinsam gelebte Elternschaft. Wir helfen Vätern und zunehmend auch Müttern, die aufgrund einer Trennung oder Scheidung getrennt von ihren Kindern leben müssen. Inzwischen haben wir knapp 3.000 Mitglieder und sind die größte Interessenvertretung von Vätern in Deutschland. Auch politisch setzen wir uns für eine gemeinsame Elternschaft ein, wie aktuell beispielsweise bei der anstehenden Reform der elterlichen Sorge von nicht miteinander verheirateten Eltern. Vorbildlich ist die Regelung in Frankreich, wo Väter mit der Vaterschaftsanerkennung die gemeinsame elterliche Sorge mit der Mutter erhalten. Das möchten wir in Deutschland auch erreichen.

ZEIT ONLINE: Aber Ihrem Verein geht es nicht nur um die rechtliche Gleichstellung?

Sonnenberger: Nein. Unser Ideal ist, dass sich Eltern gemeinsam und partnerschaftlich um ihre Kinder kümmern, egal ob Mutter und Vater zusammen oder getrennt voneinander leben. Unsere Mitglieder haben deshalb vor zwei Jahren beschlossen, dass sich der Väteraufbruch für Kinder grundsätzlich für alle Väter und Mütter einsetzt, die ihre Elternschaft gemeinsam leben wollen. Väter stehen dann natürlich auch vor dem Problem, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bekommen. Deshalb ist eine verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf von zentraler Bedeutung.

ZEIT ONLINE: Worin liegen die Vorteile einer gemeinsamen Sorge?

Sonnenberger: Verglichen mit einer Familie, in der ein Elternteil arbeitet und der andere die Kinderbetreuung übernimmt, fördert die Angleichung der Rollen das wechselseitige Verständnis und die Kommunikation. Wir sind deshalb davon überzeugt, dass Familien durch eine gemeinsame gelebte Elternschaft stabiler werden und es seltener zu Trennungen kommt. Immerhin erleidet derzeit jedes vierte Kind die Trennung seiner Eltern. Und selbst im Trennungsfall gäbe es mehrere Vorteile: Die Eltern können ihr eingeübtes Betreuungsmodell relativ leicht fortsetzen und vermeiden einen Rechtsstreit, der vor allem die Kinder belastet. Viele Mütter hätten aufgrund kontinuierlicher Berufstätigkeit einen besseren finanziellen Stand. Derzeit beträgt ihr Anteil unter den Hartz-IV-Empfängern immerhin 40 Prozent. Außerdem wäre die Vater-Kind-Bindung besser abgesichert, was sich ebenfalls beruflich auswirkt: Die Arbeitsproduktivität von Vätern in Trennung sinkt um bis zu 70 Prozent. Viele Väter verlieren dadurch ihren Job.

ZEIT ONLINE: Was problematisch ist, wenn Unterhaltszahlungen zu leisten sind. Allerdings gibt es auch eine Vielzahl von Vätern, die sich nicht um ihre Kinder kümmern...

Sonnenberger: Der Rollenwandel vollzieht sich bei Männern zwar langsamer als bei Frauen, ist aber nachhaltig: Kurz nach dem 2. Weltkrieg wurden Väter als unmännlich verhöhnt, wenn sie einen Kinderwagen schoben. In den 70ern tauchten die ersten Väter in den Kreißsälen auf. Inzwischen nimmt jeder vierte junge Vater seine Vätermonate und viele wollen anschließend ihre Berufstätigkeit in Teilzeit fortzuführen, um mehr Zeit für ihre Familie zu haben. Auf diese Entwicklung sollten wir setzen und Väter stärker fördern.

ZEIT ONLINE: Was schlagen Sie vor?

Sonnenberger: Änderungsbedarf gibt es bei vielen Details: Beim Elterngeld sind Mütter und Väter finanziell benachteiligt, die ihre Babys abwechselnd betreuen und in Teilzeit arbeiten wollen. Das Antidiskriminierungsgesetz bietet Eltern keinen Schutz vor Benachteiligungen am Arbeitsplatz. Bei der Diskussion um das Betreuungsgeld fehlen bisher Ansätze, um Väter stärker in die Familien zu integrieren und eine Förderung von Müttern in die Berufsuntätigkeit zu vermeiden. Es könnte sinnvoll sein, das Betreuungsgeld als Zuschuss zu zahlen, wenn Mütter und Väter aufgrund eigener Kinderbetreuung Teilzeit arbeiten. Natürlich müssen auch die Betreuungsangebote für Kinder weiter ausgebaut werden. Vor allem gilt es, beide Eltern in den Fokus der Familienpolitik zu rücken: Eltern müssen unterstützt werden, um gemeinsam ihre individuelle Strategie zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu entwickeln und umzusetzen. Solche Angebote gibt es bisher nicht. Letztendlich geht es darum, die Arbeitswelt so flexibel zu gestalten, dass ein moderne Arbeitsteilung auch in den Familien möglich wird. Das ist das Grundproblem.

ZEIT ONLINE: Ein Grundproblem, das viele Eltern vor allem dann trifft, wenn die Beziehung als Paar gescheitert ist. Wie sieht denn eine optimale Lösung nach einer Trennung aus?

Sonnenberger: Wir favorisieren das Doppelresidenzmodell: Nach einer Trennung betreuen beide Eltern ihre Kinder abwechselnd möglichst zu gleichen Anteilen, wie es in Belgien, Frankreich und Schweden möglich ist. Dieses Modell funktioniert besonders gut, wenn die Kinder von beiden elterlichen Wohnungen aus ihre Freunde besuchen können. Die Eltern sollten deshalb nicht zu weit auseinander wohnen. Dadurch können Eltern auch kurzfristige Betreuungsengpässe ausgleichen, ohne auf einen Babysitter oder eine 24-Stunden-Kita ausweichen zu müssen.

ZEIT ONLINE: Das funktioniert aber nur, wenn die Eltern das gleiche Einkommen haben...

Sonnenberger: Sicherlich wäre das ein großer Vorteil, weil es sonst leicht zu Streit um das liebe Geld kommt. Selbstverständlich müssen Männer und Frauen für die gleiche Arbeit das gleiche Gehalt bekommen. Es darf nicht sein, dass der "kleine Unterschied" unterschiedlich entlohnt wird. Wir vermuten aber auch, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die zu Gunsten ihrer Kinder beruflich zurückstecken, wesentlicher weniger verdienen als solche, die ihre Kinder nicht betreuen oder gar keine Kinder haben. Auch hier muss es einen Ausgleich geben.

ZEIT ONLINE: Wie können Eltern nach einer Trennung noch besser unterstützt werden?

Sonnenberger: Neben all den organisatorischen und beruflichen Problemen, die auch zusammenlebende Eltern haben, kommt bei Trennungseltern noch hinzu, dass sie Meinungsverschiedenheiten insbesondere kurz nach der Trennung nicht alleine lösen können. Dann landet so ein Streit vor dem Familiengericht und die Eltern geraten in Konkurrenz, weil die Rechtsprechung nicht die gemeinsame, sondern im Zweifelsfall die alleinige Elternschaft fördert. Der Elternstreit eskaliert noch weiter. Bisher fehlt es an einem Weg, einen Dissens der Eltern verbindlich und eskalationsarm unterhalb der Gerichtsebene zu lösen. Außerdem gibt es kaum Beratungsstellen für Väter in der Trennungsphase, die sich gerne gleichberechtigt um die Erziehung ihrer Kinder kümmern möchten. An dieser Stelle springt unser Verein ein. Aber wir beraten beispielsweise auch Mütter, deren Kinder überwiegend bei den Vätern leben. Diese Mütter werden in der Gesellschaft dann ja auch zusätzlich stigmatisiert nach dem Motto: Die wird schon irgendetwas Schlimmes gemacht haben, wenn sie ihre Kinder nicht mehr bei sich hat...

ZEIT ONLINE: Was wünschen Sie Ihren Kindern?

Sonnenberger: Dass, wenn sie erwachsen sind und Familie haben werden, die Rollen viel gleicher geworden sind und es selbstverständlich ist, dass sich Mütter und Väter gemeinsam die Verantwortung für die Familie teilen und sich beide eine Berufstätigkeit und Entfaltung in der Familie leisten können.
 
Die Fragen stellte Tina Groll

 © ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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