Partner von:

Wie geht Entscheiden?

Mädchen, Entscheidung, Nachdenken [Quelle: unsplash.com, Autor: Benjamin Voros]

Quelle: unsplash.com, Benjamin Voros

Im Studium weißt du, wie es läuft, aber nach dem Abschluss ist wieder alles offen: Wie soll es weitergehen? Wo bewirbst du dich, ziehst du fort, was wird deine erste Stelle sein? Zum Glück musst du keine perfekte Wahl treffen. Sich diesen Druck zu machen macht nur unzufrieden, wissen Entscheidungsforscher. Mach dir bewusst: Entscheiden ist ein Prozess. Dein Berufsweg entsteht durch viele Entscheidungen, große und kleine. Triff sie mit Bedacht. Aber mach dich nicht verrückt.

1. Wie wichtig ist die erste Stelle nach dem Studium?

Mit dem Einstiegsjob stellst du die Weichen für das, was kommt. Das liegt daran, dass Arbeitgeber bei berufserfahrenen Bewerbern genau darauf achten, welches Wissen und welche Kontakte sie mitbringen. Hast du erst einmal ein paar Jahre in einer Branche (oder aber einer bestimmten Funktion wie dem Marketing oder dem Controlling) gearbeitet, bieten sich dir dort einfach die meisten Chancen. Willst du dagegen etwas machen, für das du keine Erfahrung mitbringst, wirst du schnell wieder als Anfänger eingestuft, auch beim Gehalt. Doch keine Panik: Mit der ersten Stelle schlägst du zwar eine Richtung ein, aber unabänderlich ist das nicht. Richtungswechsel sind auch ohne radikalen Bruch möglich. Dafür musst du Anknüpfungspunkte finden: Ein Krankenhausmediziner, der nach ein paar Jahren genug vom Klinikalltag hat, kann sich zum Beispiel beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen bewerben. Und selbst wenn beim Berufseinstieg alles schiefläuft, du einen Schnitt machst und beschließt, in eine neue Richtung zu starten – bezogen auf ein mehr als 40-jähriges Berufsleben fallen zwei, drei Jahre kaum ins Gewicht.

2. Wie stehen die Chancen, eine gute Wahl zu treffen?

Ziemlich gut. Forscher befragten Absolventen fünf Jahre nach dem Abschluss. 84 Prozent gaben an, zufrieden oder sehr zufrieden mit dem zu sein, was sie bei der Arbeit tun. Beim Einkommen und der Familienfreundlichkeit waren es allerdings nur etwa 55 Prozent.

3. Kann ich meinem Bauchgefühl trauen?

"Das Bauchgefühl ist dann eine gute Entscheidungshilfe, wenn man mit einer Situation bereits viel Erfahrung gesammelt hat. Unsere Forschung zeigt, dass man mindestens zwanzig ähnliche Situationen erlebt haben sollte, damit das Bauchgefühl einen nicht trügt. Bei der Entscheidung für die erste Arbeitsstelle nach dem Studium hat man diese Erfahrungen nicht. Ich rate deshalb, lieber dem Verstand den Vorrang einzuräumen, und zu prüfen, was das fragliche Unternehmen bei allen Punkten, die einem wichtig sind, zu bieten hat. Zum Beispiel beim Gehalt, bei den Entwicklungsperspektiven oder bei den Arbeitszeiten. Manchen Absolventen fällt es schwer, diese Kriterien der Wichtigkeit nach zu ordnen. In diesem Fall hilft es, einzelne Punkte gegeneinander auszuspielen, zum Beispiel so: Wie viel höher müsste das Gehalt sein, damit ich in die Provinz ziehe statt nach Berlin? Wenn man ein grummeliges Bauchgefühl hat, steckt nicht selten Angst dahinter. Gerade Frauen lassen sich davon leider oft abhalten, ihre Chancen zu nutzen."

4. Wie erkenne ich, ob ein Job zu mir passt?

"Eine gute Möglichkeit ist das Jobshadowing. Wir bieten diese Entscheidungshilfe seit einigen Jahren den Studenten an der RWTH Aachen an. Den Begriff kann man durchaus wörtlich nehmen – man "beschattet" einen Mitarbeiter einen Tag lang bei der Arbeit. Wer sich fürs Jobshadowing interessiert, kann an seiner Uni nach solchen Programmen fragen. Oder man hört sich bei Freunden und Bekannten um, ob jemand jemanden kennt, der im Wunschbereich arbeitet. Man kann sich auch direkt bei einer Firma bewerben. Die Unternehmen sind dafür meiner Erfahrung nach sehr offen. Klar, manchmal gibt es Bereiche, die der Geheimhaltung unterliegen oder bei denen erst eine aufwendige Sicherheitseinweisung nötig wäre, zum Beispiel in Chemiekonzernen, aber abgesehen von solchen Fällen habe ich noch nie erlebt, dass ein Unternehmen ablehnend reagiert hätte. Es geht ja auch nicht darum, ein besonderes Programm zu bieten oder den Besucher mitarbeiten zu lassen. Er soll einfach nur zugucken. Bei kleinen Unternehmen funktioniert manches auf Zuruf, aber gerade bei größeren sollte man ein Viertel- oder sogar ein halbes Jahr im Voraus anfragen."

5. Was taugen Pro- und Contra-Listen?

Die Stärke dieses Klassikers: Mit seiner Hilfe klopfst du eine Entscheidung auf alle Aspekte hin ab. Das ist aber auch seine Schwäche. Denn die Liste sagt nichts darüber aus, wie wichtig ein Argument ist: Die 300 Bahnkilometer bis zur Freundin stehen neben zwei Euro Zuschuss zum Kantinenessen. Argumente zählen ist deshalb Quatsch, du musst sie schon gewichten. Wenn dir das schwerfällt, versuche es mit dem gegenteiligen Prinzip. Gibt es ein Knock-out-Kriterium? Dann brauchst du über den Rest nicht mehr nachzudenken.

6. Hilft das Netz beim Entscheiden?

Ja, und zwar auf unterschiedliche Weise: Die Entscheidungshilfe proofler.com berechnet, welche Optionen am wahrscheinlichsten deinen Vorlieben entsprechen. Dabei kannst du auch die Einschätzungen von Freunden berücksichtigen. Unter www.zeit.de/berufstest kannst du dir anzeigen lassen, welche Stärken du hast und zu welchen Berufsbildern, aber auch zu welchen Stellenangeboten sie passen. Mit dem Jobfuturomaten der ARD kannst du überprüfen, ob dein Wunschberuf durch die Digitalisierung bedroht ist und bald von einem Roboter übernommen wird. Und wenn du mal genug hast von der ganzen Entscheiderei, suche einfach Zuflucht beim guten, alten Gummibärchen-Orakel.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

nach oben

Im e-fellows.net wiki kannst du dein Wissen teilen und von den Erfahrungen anderer Stipendiaten profitieren.

Verwandte Artikel
Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren