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Kommt die Reform der Uni-Reform?

Bücher, Uni, Studieren, Bachelor, Master, Bologna, Reform, Quelle: sxc.hu, Autor: lusi

Bücher, Uni, Studieren, Bachelor, Master, Bologna, Reform, Quelle: sxc.hu, Autor: lusi

Wirtschaft kritisiert Umbau der deutschen Hochschulen - Streit über Studiendauer, Inhalte und Wert des Bachelors.

 Angesichts der Defizite beim Umbau der deutschen Hochschulen drängen nicht nur Studenten, sondern auch die Wirtschaft auf einen neuen Anlauf: "Wir brauchen eine Reform der Bologna-Reform", fordert der oberste Verbindungsmann der Arbeitgeber und der Industrie zu den Hochschulen, Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger, anlässlich einer Bologna-Tagung.
 
 "Korrekturen" bei Stofffülle und Studiendauer mahnt inzwischen auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) an. Die Einsicht brauchte etwas Zeit: Als im Juni eine Viertelmillion Studierende für bessere Studienbedingungen demonstrierten, hatte Schavan deren Kritik noch als "gestrig" abgetan. Nun - nach einen Krisentreffen mit Studenten und Rektoren, plädiert sie für weniger Stofffülle und mehr Flexibilität. Umsetzen müssten das ohnehin die Länder und die Hochschulen selbst.
 
 1999 hat Deutschland den Bologna-Beschluss unterschrieben und damit den Umbau auf das international übliche Bachelor/Master-System und die Integration in den europäischen Hochschulraum eingeläutet. Ein zentrales Ziel war es, die überlangen deutschen Studienzeiten auf maximal zehn Semester - für Bachelor und Master zusammen - zu reduzieren. Daneben machte die Politik den Hochschulen die Vorgabe, dass Akademiker künftig schon mit Bachelor-Abschluss fit sein müssen für den Berufseinstieg.
 
 Heute, zehn Jahre später, stellt zwar kein führender Vertreter der Beteiligten die Reform grundsätzlich in Frage, doch es knirscht an allen Enden. Sattelberger drückt es drastisch aus: "Vor zehn Jahren hat die Politik den Hochschulen die Bologna-Reform wie eine tote Katze über den Zaun geworfen." Inzwischen sei sie zwar wiederbelebt, habe aber allenfalls "das Stadium der Pubertät mit all seinen Zuckungen erreicht".
 
 Für die Studenten war das massiv verschulte Studium ein Hauptgrund für den Bildungsstreik. Daneben fordern sie das Recht auf ein Masterstudium für jedermann. Auch die Wirtschaft kritisiert, dass die Hochschulen die Reform vielfach nicht genutzt haben, die Curricula zu entschlacken, sondern den Inhalt eines Diplom- oder Magisterstudiums in den Bachelor gestopft haben. Noch immer werde zu viel "alter Wein in neuen Schläuchen" geboten.
 
 Der Streit kulminiert in der Debatte um die Länge des Bachelor-Studiums. Nach den Vorgaben der Politik darf es sechs bis acht Semester dauern, doch vor allem die Unis haben mit deutscher Gründlichkeit kurzen Prozess gemacht und in mehr als 90 Prozent der Fälle nur sechs Semester vorgesehen. An den Fachhochschulen gibt es deutlich mehr siebensemestrige Bachelorstudiengänge. Selbst der Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), der Chef der Bremer Uni Wilfried Müller, räumt ein: "Wenn wir das Bachelor-Studium ernst nehmen, kommen wir nicht um ein teilweise vierjähriges Studium herum."
 
 Die Wirtschaft drängt nun auf mehr Flexibilität und mehr längere Bachelorstudien. "Auch ich war am Anfang für sechs Semester, habe aber dazu gelernt", sagt Sattelberger selbstkritisch. So sei ein BWL-Bachelor grundsätzlich zwar gut in sechs Semestern machbar. Für Mint-Fächer - Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik - seien aber eher sieben bis acht Semester angebracht.
 
 Eng damit zusammen hängt die Frage, wie viele Studenten direkt an den Bachelor ein Masterstudium anhängen. "Ich bin gegen Quoten", sagte Schavan. Offiziell gibt es solche auch nicht. Aber die Hochschulen haben das Recht, selbst die Auslese für die Masterstudium vorzunehmen. Und um einem Großteil der Bachelor-Studenten die Tür zum Master zu öffnen, fehle schlicht das Geld, argumentieren die Rektoren.
 
 Nach ersten unvollständigen Statistiken wagt von den FH-Studenten immerhin schon jeder zweite mit dem Bachelor den Sprung in die Praxis. An den Unis jedoch sind es gerade mal 20 Prozent - auch weil große Unsicherheit über den Wert des Abschlusses herrscht. Wenn die Reform jedoch nicht umsonst gewesen sein soll, müssten es insgesamt eher 60 bis 80 Prozent der Studenten sein, die mit dem Bachelor in der Tasche einen Job suchen, heißt es in Politik und Wirtschaft.
 
 Die Präsidentin der HRK, Margret Wintermantel, hat "Fehlentwicklungen" offen eingeräumt. Sie verwahrt sich jedoch dagegen, der Bologna-Reform alle akuten Probleme zuzuschreiben, die vielfach durch die auch vom Wissenschaftsrat beklagte Unterfinanzierung entstehen. Die Wirtschaft verspricht, die "Bachelor Welcome"-Kampagne weiter zu führen. Denn dem Mittelstand sei der Abschluss noch lange nicht vertraut, räumt Sattelberger ein.

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