Partner von:

"Der Perfektionist ist das perfekte Arbeitstier"

Computer Frau Arbeit sxc.hu, Marinela

Computer Frau Arbeit sxc.hu, Marinela

Perfektionisten arbeiten hart, werden weniger oft befördert, behauptet die Karriereexpertin Simone Janson in ihrem Buch 'Die 110%-Lüge' und erklärt, wie man gegensteuert.

ZEIT ONLINE: Perfektionisten kommen nicht weit und sind weniger erfolgreich. Frau Janson, Sie sind eine erfolgreiche Buchautorin – sind Sie demnach faul?
 

Simone Janson: (lacht). Nein, als faul würde ich mich nicht bezeichnen. Im Gegenteil. Ich bin eine Perfektionistin, aber eine, die eingesehen hat, dass diese Eigenschaft auch viele negative Seiten hat. Das Buch ist insofern persönlich. Perfektionismus kann zu Überreaktionen, Hektik, Rechthaberei und sogar zu psychosomatischen Erkrankungen führen.
 

ZEIT ONLINE: Klingt nicht gerade nach angenehmen Begleiterscheinungen. Und, wie Sie in Ihrem Buch behaupten, führt Perfektionismus zudem in die Karrieresackgasse.
 

Janson: Was ein Widerspruch zu sein scheint, erklärt sich schnell: Wer perfektionistisch ist, agiert meist aus der Angst heraus, nicht gut genug zu sein. Perfektionisten wollen vollkommen sein, weil sie Versagensangst haben. Darum bringen sie selbst ständig Höchstleistungen – und fordern das oft auch von ihren Kollegen. Wer sich dauerhaft stark unter Druck setzt, kann bald nicht mehr die volle Leistung bringen. Ein Negativ-Kreislauf beginnt. Während sich der Perfektionist abstrampelt, wird ein vermeintlich faulerer Kollege befördert. Das frustriert den Perfektionisten, er arbeitet also umso emsiger und verbissener. Dabei brennt er leicht aus.
 

ZEIT ONLINE: Woher kommt der Hang zum Perfektionismus – ist es allein eine Frage des Charakters?
 

Janson: Natürlich gibt es Anlagen in der Persönlichkeit. Geschürt wird das Bedürfnis, alles hundertprozentig zu machen, aber auch von außen. Ist der Erfolgsdruck im Unternehmen groß, steigen auch die Erwartungen an die Mitarbeiter. Alles muss schneller und besser sein. Kurzfristig kickt Stress zwar, denn der Körper schüttet Hormone aus, die unsere Leistungsfähigkeit steigern. Dauerstress kehrt die Wirkung jedoch um. Die Leistungsfähigkeit sinkt. Außerdem gibt es in vielen deutschen Unternehmen keine konstruktive Fehlerkultur. Es wird wenig ausprobiert, es darf wenig schief gehen.
 

ZEIT ONLINE: Aber nun ist ja nicht jeder, der im Job zielstrebig und engagiert ist, auch ein gestresster Perfektionist...
 

Janson: Es gibt verschiedene Typen. Typ 1 ist ruhig und relaxt, gibt sein Möglichstes – aber kennt seine Grenzen. Dieser Typus kann auch mit Fehlern umgehen. Typ 2 ist übertrieben engagiert und ist überkorrekt. Unter den Perfektionisten unterscheidet man außerdem noch einmal zwischen dem introvertierten und dem extrovertierten Typus. Ersterer stellt an sich selbst allerhöchste Ansprüche und überfordert sich. Meist sind diese Menschen unsicher, sie haben große Angst davor, Fehler zu machen. Im worst case arbeiten diese Menschen dann auch noch unter einem Chef, der diese Veranlagung ausnutzt. Statt dem introvertierten Perfektionisten das ersehnte Lob zu erteilen, kritisiert er den Mitarbeiter. Dieser rennt daraufhin noch ein bisschen schneller im Hamsterrad. Der Perfektionist ist das perfekte Arbeitstier. Im schlimmsten Fall endet die Abwärtsspirale in einem Burn-out-Syndrom. Vor dem ist aber auch der extrovertierte Perfektionist nicht gefeit. Er fordert Höchstleistungen auch von allen anderen, ist sehr rechthaberisch, kritisiert und verliert schnell die Nerven. Wenn die Kollegen nicht mitziehen, wird er zum Außenseiter und vereinsamt. Dann kann aus dem Wunsch, alles perfekt zu machen, schnell Verzweiflung werden. Die meisten Perfektionisten sind aber Mischtypen aus beiden Formen.
 

ZEIT ONLINE: Und trotzdem ist es ja nichts Schlechtes, das Bestmögliche im Job zu geben. Woran merkt man, dass die Grenze überschritten ist?
 

Janson: Genau darum geht es ja – um das Bestmögliche und die Grenze, die ich in meinem Buch mit 80 Prozent beziffere. Damit meine ich nicht, fortan nur noch halbe Sachen zu machen. Es geht darum, die Einstellung zur Arbeit zu ändern. Es reicht, sich vorzunehmen, eine Aufgabe so gut wie möglich zu erledigen – und auch mal einen Schlussstrich an der Grenze zu ziehen, an der es nur noch um Optimierung geht. Die Zeit kann man schon wieder für eine neue Aufgabe verwenden. Wer 80 Prozent gibt, arbeitet effizienter.
 

ZEIT ONLINE: Nur 80 Prozent geben, dafür 100 Prozent Erfolg einfahren. Ihre These klingt etwas zu einfach. Wer als Perfektionist bekannt ist, wird es sicher schwer haben, von heute auf morgen zu reduzieren. Was sind Ihre Vorschläge?
 

Janson: Es stimmt, es ist gar nicht so einfach, die richtige Dosierung an Leistungsbereitschaft, Engagement und entspannter Zurückhaltung zu finden. Vor allem nicht, wenn man das Arbeitstier in einem Unternehmen ist. Man muss lernen, sich abzugrenzen und freundlich und bestimmt "nein" zu sagen. Damit verschafft man sich auch Respekt. Man muss seine eigenen Ansprüche zurückschrauben und lernen, mit Fehlern zu leben. Diese gehören dazu. Nicht jeder Fehler ist eine Katastrophe. Außerdem helfen Entspannungsübungen oder Sport.
 

ZEIT ONLINE: Und dann klappt es auch mit dem beruflichen Aufstieg?
 

Janson: Zumindest wird man dann entspannter. Und wer entspannt ist, hat auch eine positive Ausstrahlung. Studien haben außerdem gezeigt, dass vor allem solche Mitarbeiter, die ein positives Image haben, eher befördert werden.
 

ZEIT ONLINE: Ist das am Ende das Geheimnis Ihres Erfolges – ein positives Image?
 

Janson: (lacht). Als ich mich 2003 selbständig gemacht habe, war ich, bedingt durch die neue Situation, noch sehr unentspannt, hektisch, aufgeregt, übertrieben perfektionistisch. Der Erfolg blieb aus. Nachdem ich meine eigene Grenze kennengelernt habe und auch, hin und wieder "nein" zu sagen sowie mit Fehlern zu leben, kam der Erfolg von ganz alleine.

 © ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

nach oben

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.