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Arbeit Freiheit Café Laptop [Quelle: Unsplash.com, Christin Hume]

Quelle: Unsplash.com, Christin Hume

Kein Büroalltag, kein Chef und kein Festgehalt – die informelle Arbeitswelt im Digitalzeitalter verheißt Spontaneität, Spaß und Kreativität. Tatsächlich sind Unternehmen wie Arbeitnehmer von der großen Freiheit überfordert. Ein Streifzug über die Baustellen der smartphone- und algorithmusgesteuerten Arbeitswelt.

Wenn aus Arbeitern heutzutage Arbeitskämpfer werden, bilden sie einen Stuhlkreis. 20 junge Berliner sitzen an diesem Spätsommerabend dicht an dicht in einem kleinen Raum voller Bücher und lauschen einem Mitstreiter: "Es ist wichtig, dass wir wieder eine Kundgebung machen. Sie versuchen, uns zu ignorieren." Die Stuhlkreisaktivisten haben Notizblöcke auf ihren Knien, in die hinein sie ihren Plan notieren, Schritt für Schritt, ruhig und diszipliniert: für mehr Rechte, für mehr Mit- und Selbstbestimmung.  

Kaum jemand in diesem Stuhlkreis ist älter als 30; Beobachter würden die meisten wohl als digitale Avantgarde oder Digital Natives bezeichnen. Allein, avantgardistisch fühlen sich die Hipster ganz und gar nicht, wenn sie tagsüber mit pink- und türkisfarbenen Boxen auf dem Rücken durch die Stadt radeln, um Pekingente für Foodora oder Sushi für Lieferando auszuliefern. Schöne neue Arbeitswelt? Von wegen.

Sicher, es war nie unkomplizierter, Geld zu verdienen: Fahrrad plus Smartphone gleich Kurier – die Digitalisierung macht's möglich. Aber was, wenn Smartphone und mobiles Internet nur eine Fülle von Jobs kreieren, aber keine anständige Arbeit? Das ist die Frage, die sie sich hier im Stuhlkreis stellen, in der Bibliothek einer Berliner Minigewerkschaft. Das ist das Thema, das sie hier alle bewegt.

"Sei dein eigener Chef!", wirbt Foodora für den Job auf der Straße. Für den Stuhlkreis klingt es nicht nach Verheißung, sondern wie Hohn. Genauso wie die anderen Annoncen: "Ihre Begeisterung für Themen wie Simplicity, Lean Development, Cross-Functional Teams und Design Thinking geben Sie an die Kollegen weiter", heißt es in einer Anzeige des IT-Dienstleisters Senacor. Es gebe "weder Hierarchien noch Chefs", lockt die Hotel-Suchmaschine Trivago.  

"Wir nennen es Arbeit", haben Sascha Lobo und Holm Friebe vor elf Jahren ihr Manifest zu den Möglichkeiten des digitalen Arbeitens genannt: "Die digitale Boheme, das sind Menschen, die sich entschlossen haben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, die Segnungen der Technologie herzlich umarmen und die neuen Kommunikationstechnologien dazu nutzen, ihre Handlungsspielräume zu erweitern", schrieben sie. Und tatsächlich begeisterten sich seitdem Millionen Menschen für die große Freiheit in der Arbeitswelt. Aus Lobos Beschreibung der Zukunft wurde Gegenwart.  

Im Jahr 2017 arbeiten zwölf Prozent der Deutschen digital und mobil, viele davon selbstständig. Seit Jahresanfang begannen 45 Prozent aller neuen Arbeitsverträge in Deutschland mit einer zeitlichen Befristung. Mittlerweile setzen auch Konzerne auf Boheme-Tugenden ihres Personals: auf die Entfesselung von Potenzialen, auf Autonomie und Kreativität, auf Flexibilität und Hierarchielosigkeit, auf Heimarbeit und Coworking-Spaces. Arbeiten Sie im Open Space, "für mehr Kommunikation und Kreativität", wirbt die Axa. Und Daimler-Chef Dieter Zetsche kündigte an, den Autobauer im "Schwarm" zu organisieren.  

"Freiheit" ist der Wert, der die schöne neue Arbeitswelt zusammenhält. Die Freiheit, ohne Korsett in den Arbeitstag zu starten; die Freiheit, sich Aufträge auszusuchen; die Freiheit, aus Hierarchien auszubrechen. Das alles sind aber Freiheiten, die ohne Anführungsstriche nicht mehr denkbar sind, weil Smartphones und Algorithmen den Takt vorgeben. Freiheiten, die nicht ohne "internalisierte Disziplin", ohne die Bereitschaft des Mitarbeiters, als Unternehmer seiner selbst über sich zu wachen, sich beständig zu kontrollieren, funktionieren. Es sind aber auch Freiheiten, die in ihrer Zügellosigkeit viele Beteiligte überfordert.

Das beklagen nicht nur leicht für Kapitalismuskritik aktivierbare Fahrradkuriere aus Berlin, sondern auch Menschen, die loszogen, die Möglichkeiten der digitalen Welten in unendliche Freiheit im Arbeitsleben umzuwandeln: Menschen wie die Zalando-Personalchefin Frauke von Polier, die nach Jahren der großen Freiheiten beim Onlinemodehändler ganz klassische Strukturen einzog. Oder der Unternehmer Nicolaj Armbrust, der erst alle Hierarchien in seinem Unternehmen abschaffte, dann aber merkte, dass er sich und andere überfordert. Oder Manager wie jene bei Yahoo oder L'Oréal, die Arbeitszeiterfassung oder Präsenzzwang im Büro abschafften, scheiterten und selbiges wiedereinführten.

Ihre Lehre: Im schlimmsten Fall kann Freiheit zum Euphemismus verkommen. Das knüpft an an eine Feststellung des Soziologen Ulrich Bröckling: "Eine Freiheit, die diesen Namen verdiente, beginnt erst, wo weder der eine noch der andere herrscht." Das darin geäußerte Unbehagen von Digital Arbeitern und Unternehmen, die Unsicherheit über die Ausfüllung alter Rollenmuster in neuen Zeiten, müsste ein Weckruf für die Politik sein, im Wahlkampf diese große Frage zu diskutieren. Unternehmer, Digitalarbeiter, Gewerkschaften, Verbände, sie alle streiten seit Jahren um die Definition des Freiheitsbegriffs in der Arbeitswelt der Zukunft. Aber abgesehen von der FDP, für die "Digital first. Bedenken second" gilt, umkreist das Denken der Parteien die Formeln der Vergangenheit. Und das, obwohl Arbeitsmarktthemen im Wahlkampf eine prominente Rolle spielen.  

Union und SPD wollen unter Beschäftigung auch künftig das "Normalarbeitsverhältnis" verstehen: angestellt, sozialversichert, unbefristet. Alles andere sei eher Problem als Chance. Teilzeit? Eine Falle. Befristung? Ein Schicksalsschlag. Selbstständigkeit? Nur mit ausreichender Absicherung. "Die Menschen brauchen mehr Sicherheit und Verlässlichkeit", sagte Kanzlerkandidat Martin Schulz (SPD) diese Woche. Und Amtsinhaberin Angela Merkel (CDU) versicherte, dass die Arbeitszeit der Deutschen sich künftig nicht über den 67. Geburtstag erstrecken werde.  

Anders gesagt: Die Digitalisierung der Arbeit wird von der Politik vertagt. Eine der wenigen Ausnahmen – das Chancenkonto der SPD, sprich: Geld für Weiterbildungsprojekte oder Gründungen – spielt kaum eine Rolle. Dabei bräuchte es dringender denn je eine Politik, die auf der Höhe der Zeit ist. Noch ist es früh genug, die Vision der ungebundenen, projektbezogenen Arbeit in gelingende Wirklichkeit zu verwandeln. Dafür wäre ein komplexer Begriff von Freiheit nötig, der sich nicht in sozialer und organisatorischer Anarchie erschöpft – und der die Kraft der Hipster und digitalen Bohemiens mit basalen Sicherheitsgarantien verbindet.

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