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Die unbekannte Sucht

Überstunden (© Fotolia - Alexey Potov)

© Fotolia - Alexey Potov

Wer "Workaholic" sagt, meint das oft nicht ganz ernst. Aber es gibt sie wirklich: Ein Besuch bei den Anonymen Arbeitssüchtigen.

Tag der Arbeit hört sich für sie an wie Tag des Heroins. Ein Feiertag für den Stoff, der sie betäubt, der ihre Gesundheit ruiniert und ihre Familien zerstört. Einen Stoff, den man nicht fassen kann, der aber allgegenwärtig ist, der die ganze Gesellschaft durchdringt. Arbeit bildet die Grundlage allen Wohlstands, sie stiftet Sinn, sie schafft Struktur. Und manche Menschen macht sie abhängig.

Ein großer, kahler Raum. Für einen Moment herrscht im Stuhlkreis Schweigen. Jeder wartet darauf, wer zuerst sprechen mag. Dann ergreift eine Frau, um die 40, dunkles, gelocktes Haar, das Wort:

"Ich bin Meike. Ich bin arbeitssüchtig."

"Hallo, Meike!", antworten die anderen im Chor.

"Ich möchte etwas Positives erzählen", fährt Meike fort. "Ich habe es im Urlaub geschafft, fünf Tage nicht zu arbeiten. Na ja, fast fünf. Zwischendurch habe ich zwei Arbeitsblätter entworfen, aber das zählt eigentlich nicht. Ich gönne mir jetzt auch mehr Schlaf. Ich hatte lange keine Nacht mehr, in der ich ewig am Schreibtisch gesessen und nur zwei Stunden geschlafen habe. Darüber bin ich sehr froh. Danke fürs Teilen."

"Danke, Meike!"

Drei Männer und drei Frauen sitzen in dem Raum zusammen, den die Caritas jeden Donnerstagabend für ihre Treffen zur Verfügung stellt. In der Mitte bedeckt ein rosafarbenes Tuch den Kachelboden. Darauf leuchten zwei Kerzen, daneben liegen Broschüren, eine rote Spendenbüchse, ein Buch (Zwölf Schritte und zwölf Traditionen, das Standardwerk vieler Selbsthilfegruppen) und Pappschilder mit Hinweisen. Auf einem steht: "Redezeit Empfehlung 3–5 Minuten". Zeit ist knapp, auch hier. Vielleicht gerade hier. Beim Gruppentreffen der Anonymen Arbeitssüchtigen.

Die Anonymen Alkoholiker sind allgemein bekannt, auch Spielsüchtige kennt man, Magersüchtige, Sexsüchtige. Aber Arbeitssüchtige? Das klingt seltsam. Zwar spricht man manchmal von "Workaholics", aber meist ist das nicht ganz ernst gemeint. Kann es das wirklich geben: Arbeitsjunkies? Menschen, die so etwas Profanes und oft Lästiges wie Arbeit süchtig macht? Und warum ist das überhaupt ein Problem – wer viel leistet, wird doch mit Erfolg belohnt! Ein bisschen Arbeitssucht schadet nicht, oder?

Viele Menschen erleben das anders. Praktisch in jeder großen deutschen Stadt treffen sich regelmäßig Anonyme Arbeitssüchtige. In Berlin immer dienstags, in München und Stuttgart an Donnerstagen, in Karlsruhe freitags, in Freiburg an jedem ersten und dritten Mittwoch im Monat, in Köln samstags, in Frankfurt jeden zweiten Dienstag, in Münster ebenfalls dienstags – um nur einige Beispiele zu nennen.

Statistiken darüber, wie viele Menschen Arbeit als Droge empfinden, gibt es nicht. Stefan Poppelreuter, ein Psychologe, der seine Doktorarbeit über Arbeitssucht geschrieben hat, zitiert Schätzungen, nach denen es allein in Deutschland 200.000 bis 300.000 sein könnten. Auch die Zahl 500.000 kursiert im Internet. Doch es fehlt an Daten.

Alkoholikern sieht man ihre Sucht irgendwann an. Ebenso Magersüchtigen oder Junkies. Aber ein Blick in den Stuhlkreis der Anonymen Arbeitssüchtigen zeigt: Sie sehen ganz normal aus. Meike ist eine attraktive, strahlende Frau, die vor dem Treffen winkend in einem großen Auto vorfährt, voller Elan. Ihr gehe es momentan gut, sagt sie. Sie hat zwei Kinder und arbeitet als Lehrerin. Niemand von ihren Freunden, Kollegen und Schülern ahnt, dass sie seit einem Zusammenbruch vor einigen Jahren jede Woche zu dieser Selbsthilfegruppe geht. Weil sie nicht möchte, dass sie es erfahren, sind ihr Name, die Namen anderer Betroffener sowie einige persönliche Details in diesem Artikel verfremdet.

Meike leitet an diesem Abend die Gruppe. Auf ihrem Schoß liegt ein abgegriffener Aktenordner. Zum festen Ablauf der Meetings gehört, Texte aus dem Kanon der Anonymen Arbeitssüchtigen zu rezitieren. Meike liest eine Passage vor, die sich wie ein Glaubensbekenntnis anhört: "Wir halten uns immer beschäftigt, um unsere Gefühle zu betäuben. Wir genießen das Hochgefühl, das von Adrenalin erzeugt wird, wenn wir unter Hochdruck auf Termin hinarbeiten. Wir werden vielleicht sogar von einer arbeitssüchtigen Firma beschäftigt, die mit Lob und Beförderung unsere Sucht fördert. Aber wir zahlen dafür einen hohen Preis. Wir gefährden unsere Gesundheit und zerstören unsere Beziehungen."

"Danke, Meike!"

Wer zum ersten Mal zu den Anonymen Arbeitssüchtigen geht, könnte meinen, er sei bei einer Sekte. Von einer höheren Macht ist die Rede und von den zwölf Schritten. Doch die seltsam wirkenden Rituale sind fast eins zu eins von den Anonymen Alkoholikern übernommen. Und wie dort gibt es keinen Vordenker, sondern bloß kleine, sich über Spenden finanzierende Gruppen.

Medizinisch gilt Arbeitssucht nicht als eigenständige, anerkannte Krankheit. Der Diagnosekatalog der Ärzte führt sie nicht auf. "Trotzdem haben wir immer wieder Patienten, die unter Arbeitssucht leiden", sagt Michael Tischinger. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und leitet die Adula-Klinik in Oberstdorf im Allgäu. "Zu uns kommen zum Beispiel Menschen mit Depressionen, Suizidgedanken oder Angststörungen. Das sind oft Folgeerkrankungen, hinter denen eine pathologische Fixierung auf die Arbeit steckt." Tischinger rät dann, auch die Anonymen Arbeitssüchtigen aufzusuchen. Bei diesen Patienten und ihrem Umgang mit Arbeit, sagt der Chefarzt, sind alle Merkmale einer Sucht erfüllt: Kontrollverlust, Entzugserscheinungen, Dosissteigerung.

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