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Zwischen Gesetz und Moral

Praktikum bei Hengeler Müller (Autor: maho, Quelle: Fotolia.com)

© maho - Fotolia.com

Die Generation Praktikum ist aus den Personalplänen von Unternehmen ebenso wenig wegzudenken wie aus dem Selbstverständnis von Studenten und Absolventen. Aber wie kann der Einsatz von Berufsanfängern fair vergütet werden? Hier erfährst du, was das Mindestlohngesetz vorschreibt, und ob sich die Lage der Praktikanten in Deutschland wirklich gebessert hat.

Seit am 1. Januar 2015 das Mindestlohngesetz (MiLoG) in Kraft getreten ist, steht auch Praktikanten über 18 Jahren ein gesetzlich geregelter Stundenlohn zu. Wo Arbeitgeber lange Zeit nur nach Gutdünken bezahlten, werden nun mindestens 8,50 Euro pro Stunde fällig - es sei denn, es handelt sich um

  1. Pflichtpraktika aufgrund hochschulrechtlicher Bestimmungen,
  2. freiwillige Praktika, die nicht länger als drei Monate dauern,
  3. hochschulbegleitende Praktika unter drei Monaten, wenn zuvor kein solches Praktikumsverhältnis mit demselben Ausbilder bestand, sowie
  4. Einstiegsqualifikationen (nach § 54a SGB III) oder Berufsausbildungsvorbereitungen (§ 68 bis 70 BBiG).

Dauern freiwillige oder hochschulbegleitende Praktika jedoch länger als drei Monate, muss vom ersten Tag des ersten Monats an der Mindestlohn gezahlt werden: Denn, so die Idee hinter dieser Zusatzregelung, wer längere Zeit als Praktikant in Vollzeit arbeitet, muss auch entsprechend entlohnt werden.

Nur Pflichtpraktikanten, bitte

In der Praxis legen einige Unternehmen die Feinheiten der Gesetzeslage jedoch zu ihren Gunsten aus. Ein Beispiel: Lukas studiert BWL im fünften Semester und sucht ein Praktikum. Während der letzten Semesterferien hat er bereits sein Pflichtpraktikum bei einer Unternehmensberatung absolviert. Jetzt möchte Lukas ein Urlaubssemester nehmen, um ein sechsmonatiges Praktikum bei einem Softwarehersteller zu machen. Er bewirbt sich und erhält wenige Tage später eine E-Mail, in der er gefragt wird, ob er noch ein Pflichtpraktikum absolvieren müsse. Als Lukas verneint, erteilt ihm das Unternehmen eine Absage.

So wie Lukas geht es vielen Studenten und sogar Absolventen: Ihre Bewerbungen landen im Papierkorb, sobald sich herausstellt, dass es sich bei ihnen nicht um potenzielle Pflichtpraktikanten handelt. Und das ist nicht nur rechtens, sondern sogar direkte Folge der neuen Gesetzeslage. Will ein Unternehmen seine Personalkosten so gering wie möglich halten, kommt es am günstigsten weg, wenn es nur Praktika über maximal drei Monate vergibt - oder noch lieber Pflichtpraktika: Denn diese müssen auch nach über drei Monaten nicht angemessen bezahlt werden und ersparen dem Unternehmen Personalwechsel und damit Einarbeitungszeit.

Die Anforderungsprofile werden immer spezifischer

Ein weiteres Beispiel: Wie Lukas hat sich auch Logistik-Studentin Paula auf die Ausschreibung des Softwareherstellers beworben. Sie hat ihr Pflichtpraktikum noch vor sich. Allerdings kann sie keine praktischen Vorkenntnisse vorweisen, weshalb ihre Bewerbung im Papierkorb landet.

Welche Bewerber bleiben da noch übrig? Studenten, die bereits Berufserfahrung gesammelt, aber dafür nicht ihr Pflichtpraktikum genutzt haben: Eine seltene Kombination, möchte man meinen. Tatsächlich aber treibt die Beliebtheit dieses Bewerberprofils absurde Blüten: Verzweifelte Absolventen schreiben sich beispielsweise pro forma wieder an der Uni ein, nur, um mit dem Status "Pflichtpraktikant" ihre Bewerbungschancen zu erhöhen.

Von Lehrjahren und Herrenjahren

Auch nach Einführung des Mindestlohngesetzes bleiben also erfolglose Praktikumssuchen, unbezahlte Plackerei und andere wenig verlockende Szenarien denkbar. Kein Wunder, dass Praktika und Praktikumsvergütung auch in der e-fellows.net community heiß diskutiert werden. Allerdings fallen die Berichte der e-fellows positiver aus, als man es angesichts der Rechtslage erwarten könnte: Große Unternehmensberatungen sowie die Automobil- und Bankenbranche zahlen beispielsweise fast immer den Mindestlohn, weil sie nicht die günstigsten, sondern die besten Studenten suchen. Und wer ausgezeichnet qualifiziert ist, will auch als Praktikant fair entloht werden.

Doch selbst e-fellows, die einmal für wenig oder gar kein Geld arbeiten mussten, konnten ihren Praktika im Nachhinein etwas abgewinnen. Ein Stipendiat beispielsweise, der als Praktikant bei einem Start-up nur 500,- Euro im Monat verdiente, ist im Nachhinein froh, sechs Monate am Ball geblieben zu sein. Da ihm das Unternehmen als Start-up ohnehin nicht mehr Gehalt hätte zahlen können, wäre sein Praktikum nach Einführung des Mindestlohns nie zustande gekommen. Ein anderer e-fellow erklärte, dass er für sein erstes Praktikum gar nicht bezahlt wurde und von seinen Ersparnissen lebte: In späteren Anstellungen wurde er aufgrund der Kenntnisse, die er in diesem Praktikum gewonnen hatte, jedoch so gut entlohnt, dass der 'verlorene' Betrag schnell wieder eingespielt war.

Fakt bleibt: Die Generation Praktikum ist etabliert, die Generation Mindestlohn ist es noch nicht. Unbezahlte Praktika sind weiterhin erlaubt, und die Bereitschaft, drei Monate lang unentgeltlich zu arbeiten, ist bei der Praktikumssuche im Zweifelsfall von Vorteil. Der Lohn für ein Praktikum bemisst sich aber natürlich nicht nur in Euro. Du gewinnst wertvolle Praxiserfahrung, kannst dich beruflich orientieren und Kontakte knüpfen: (Lern-)Erfolge, die sich mittelbar in jedem Fall bezahlt machen.

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