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Ohne fiese Chefs

Chef, Boss, Führungskraft, Angestellte, Mitarbeiter [Quelle: Fotolia.com, Autor: alphaspirit]

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Erste Unternehmen schaffen ihre Abteilungsleiter ab. Sogar bei der Deutschen Bahn. Arbeiten wir bald alle ohne Vorgesetzte?

Die Jalousien sind heruntergelassen. Leere Pizzakartons liegen auf dem Boden. Auf einem Tisch steht ein Zebrakopf aus Plastik, noch von Karneval. Daneben liegt eine Nerf-Gun, eine Spielzeugpistole mit Schaumstoffgeschossen. Die fünf Männer, die in T-Shirts und Sneakern um den Tisch sitzen, arbeiten in ihrem Büro ohne Chef. Oder anders: Alle sind hier Chef.

Wir sind im 22. Stock in der Zentrale der Deutschen Bahn in Frankfurt am Main. Das 20 Quadratmeter große Büro mit den zugezogenen Jalousien liegt wie eine Oase in der Bürolandschaft. Fast überall in der Bahn-Zentrale sieht es aus wie auf dem Bezirksamt: Die Tische sind mit Buchstaben versehen, sonst könnte man sie nicht auseinanderhalten. Sichtschutzwände sorgen für Struktur. Die Bahn gilt als hierarchisch, fast wie ein Ministerium. Mit ihren 310.000 Mitarbeitern ist sie so ziemlich der letzte Ort, an dem man Leute in T-Shirts und Sneakern erwartet, die sich gegenseitig mit Spielzeugpistolen beschießen.

Hier, im 22. Stock, wird eine Utopie zur Realität: Jeder Angestellte in jedem Büro auf der Welt träumt mal davon, seinen Chef loszuwerden. Einfach selbst entscheiden, wann man was macht. Und nicht nur ausführen, sondern mitbestimmen. Genau das probiert die Bahn in dem Chaosbüro aus. Aber kann das funktionieren?

In den vergangenen Jahren hat sich die Arbeitswelt verändert. Der Wettbewerb zwischen den Firmen ist härter geworden, sie müssen schneller reagieren. Autoritäre Chefs wie Josef Ackermann von der Deutschen Bank, Jürgen Schrempp von Daimler und Martin Winterkorn mit seinem VW-Skandal: Sie alle sind gescheitert, weil sie ihre Macht nicht teilen wollten. Gleichzeitig haben die Mitarbeiter sich verändert. Sie wollen mitreden.

Die Idee, die Bahn zu revolutionieren, hatte Johannes Gerner vor einem Jahr. Der 37-Jährige war gerade dabei, eine neue Abteilung aufzubauen. Aber er war frustriert vom Klein-Klein, von zu vielen Abstimmungen, zu kleinen Verantwortungsbereichen. Er kam nicht weiter. Bis er einen Vortrag von Ulf Brandes hörte, dem Autor des Buchs Management Y, in dem der Wandel zu einem zukunftsfähigen Unternehmen beschrieben wird. Eine Methode von Brandes ist das Arbeiten ohne Chef. "Das wollte ich ausprobieren", sagt Gerner.

Er erzählte seinen Mitarbeitern von dem Vorhaben. Die hatten sich auch schon über die starren Strukturen bei der Bahn geärgert. Zum Beispiel Melvin Zinngrebe, 26, der manchmal mit der Nerf-Gun spielt. Er ging damals nicht gerne zur Arbeit. "Ich habe mich immer gefragt, warum ich die Arbeit so unbefriedigend finde. Und wie es sein kann, dass hier so viele tolle Leute arbeiten, aber die Qualität der Bahn oft alles andere als toll ist", sagt er.

Melvin Zinngrebe hat schon oft mit Chefs gearbeitet, die ihm Aufträge erteilten. Nicht immer konnte er sie nachvollziehen. "Ein Chef, der meine Arbeit kontrolliert, suggeriert, dass ich nicht selbst in der Lage bin, Entscheidungen zu treffen", sagt er. Die Vorstellung, selbst verantwortlich zu sein, motivierte ihn. "Für mich war das die Lösung, dass wir produktiver werden und glücklicher", sagt Zinngrebe.

Damit bringt er es auf den Punkt. Mitbestimmung, das zeigen Studien, motiviert. Und ein motivierter Mitarbeiter leistet deutlich mehr als ein unmotivierter, auch das ist belegt. Das ist der Grund, warum nicht mehr nur Start-ups, sondern auch mittelständische Unternehmen und Konzerne wie die Deutsche Bahn oder die Telekom von flachen Hierarchien sprechen: Sie erhoffen sich davon ökonomischen Erfolg.

Das Team, in dem Zinngrebe, Gerner und drei weitere Kollegen arbeiten, beschäftigt sich mit den Ticketautomaten an den Bahnhöfen. Die Bahn will da Kosten einsparen. Immer mehr Menschen kaufen die Tickets online. Der Betrieb der Automaten muss also billiger werden, damit er sich noch lohnt.

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