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Siegeszug aus Seattle

Amazon Seattle Paket Einkaufen Einkaufswagen [Quelle: Pixabay.com, Alexas_Fotos]

Quelle: Pixabay.com, Alexas_Fotos

Der Internet-Gigant Amazon nistet sich immer mehr in den Lebenswelten seiner Kunden ein. Experten erwarten, dass das Unternehmen zum weltgrößten Unternehmen aufsteigen wird.

Wenn Dave Limp von Alexa spricht, gerät der Amazon-Manager ins Schwärmen. Wie "awesome" sei es eigentlich, dass seine drei Kinder in einer Welt aufwachsen, "in der sie sich mit ihrem Haus unterhalten können", dank der intelligenten Sprachtechnologie Alexa, eingebaut in die smarten Echo-Lautsprecher. Er selbst lasse sich morgens von Echo wecken, erklärt der Herr über die intelligente Geräte-Familie bei Amazon aus Seattle. Doch damit nicht genug. "Das Gerät soll nur der Anfang der Reise sein, wie ein erster Handschlag", freut er sich. "Wir fangen doch gerade erst an." In Zukunft würden die Menschen die Allgegenwart von Alexa schon gar nicht mehr bemerken. Die Maschinen seien zwar ständig da, würden jedoch "komplett in den Hintergrund treten" und den Kunden als eine Art digitales Ambiente permanent umgeben.

Im Hauptquartier in Seattle gewährt Amazon Einblicke in die Strategie, für die nächste Revolution, die es gerade anzettelt. Bislang drang der Tech-Konzern immer tiefer in das digitale Leben der Menschen ein. Die neueste Amazon-Attacke zielt nun erstmals auch auf die analoge Welt. Jeff Bezos will sein Publikum noch fester umarmen.

Der Eroberungsplan geht so: Immer mehr schicke Varianten von Echo & Co. sollen sich mitten im Leben der Menschen einnisten. Mit der Übernahme der Bio-Supermarkt-Kette Whole Foods dringt der Konzern an den Ort vor, wo die Kunden ihre lebenswichtigen Produkte kaufen. Hinzu kommen neue schicke Konzepte wie der autonome Supermarkt Amazon Go oder Amazon Fresh Pickup. Sie alle sollen den Kunden noch stärker zum Kauf verführen, indem sie Hürden weiter senken, den Akt des Kaufens quasi zu einer Unmerklichkeit werden lassen. Amazons "Kundenbesessenheit", von der jeder Manager im ganzen Konzern befallen ist, zielt genau darauf ab. Der Kunde ist der König, er soll gar nicht mehr merken, dass er Kunde ist.

Die Anbiederung ist so gerissen wie erfolgreich. Amazon ist zu einem globalen Phänomen gewachsen, einem Imperium mit 351.000 Mitarbeitern weltweit, einem jährlichen Umsatz von 136 Milliarden Dollar und nie da gewesener Macht im Handel.

Amazons Gründer und Chef Jeff Bezos ist auf dem besten Weg, der größte Einzelhändler der Welt zu werden. Den Onlinehandel, mit dem 1994 alles begann, dominiert er bereits. Die Firma nimmt 45 Cent von jedem Dollar ein, der online ausgeben wird, schätzt Slice Intelligence, ein führender Datendienstleister aus den USA. Hinzu kommen andere lukrative Bereiche: Im Cloud-Geschäft liegt Amazon vorn, hat nach Angaben des US-Marktforschungsinstituts Synergy Research 34 Prozent Marktanteil, vor Microsoft (elf Prozent) und Google (fünf Prozent). Mit Amazon Echo kontrolliert Amazon 70 Prozent des Geschäfts mit smarten Lautsprechern. John Rossman, Autor von "The Amazon Way" rechnet nicht mit einem Ende des Booms. Eher im Gegenteil. "Amazon könnte 2030 die größte Firma der Welt sein."

Amazon wächst mit einer scheinbar unaufhaltsamen Macht. Das Potenzial dieser Firma, die noch keine 25 Jahre alt ist, erscheint gewaltig, größer noch als die große Tech-Konkurrenz aus den USA mit Apple, Google und Facebook. Wenn ein Unternehmen die Welt beherrschen kann, hört man allenthalben nur halb im Spaß, dann Amazon.

Die Unternehmensphilosophie unterstreicht ein 27 Meter hoher Glasbau, den Bezos vor der Zentrale errichten lässt. In dem fast fertigen, kugeligen Gewächshaus "Spheres" riecht es nach nassem Beton und Erde. Drinnen wuchern 15.000 Pflanzen aus 400 Arten. Immer wieder steigen zwischen hohen Farnen und winzigen Orchideen feine Wasserfontänen in die Luft. Neben den Baumaschinen hockt ein grüner Dinosaurier, den ein Arbeiter vergessen hat. In dem kleinen Universum pflanzt Gärtner Bezos, wässert, nährt und hofft, dass die Setzlinge irgendwann zu großen Bäume aufschießen. Das Gleiche gilt für die vielen Ideen von Amazon, aus denen einmal nachhaltige Geschäfte werden sollen.

Der Expansionsdrang aus Seattle scheint grenzenlos – und ohne finanzielle Limits. Neben dem Kauf der Biokette Whole Foods für 13,7 Milliarden Dollar gab Amazon bisher 17,4 Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung aus, mehr als jeder andere Konzern in der Welt. Das Unternehmen meldete im Vorjahr 1.662 neue Patente an, was einem Anstieg von 46 Prozent entspricht. Ständig brütet es neue Ideen aus, ein Unterwasser-Kaufhaus, ein Bienenstock für Drohnen oder selbstfahrende Lkws, finanziert aus den Profiten, die der Konzern notorisch kaum an die Aktionäre auszahlt, sondern wieder ins Unternehmen investiert.

"Wir platzieren Hunderte Wetten am Tag", rechtfertigt Jeff Wilke, die aktuelle Nummer zwei im Konzern, die Strategie. Der 50-Jährige gilt als engster Vertrauter und Erbe von Bezos. "Eine große Firma wie Amazon muss den Menschen erlauben zu experimentieren, zu erfinden." Sonst drohe der Niedergang. Mit dieser Nonchalance steuert der Mann, der 1999 zum Unternehmen stieß, das Kerngeschäft von Amazon, den Handel. Der ruhige Konzernlenker im schlichten dunkelblauen Sakko wirft einen Blick durch die Glasfenster nach draußen auf den Flur des Hauptquartiers.

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