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Karriere bei -38°C

Winter, Schnee, Kälte [Quelle: pxhere.com]

Quelle: pxhere.com

Wer "Expat" hört, denkt zuerst an Singapur oder die USA, an Dubai oder Australien – für Luis Arandia aber ging es 2017 in die kasachische Hafenstadt Atyrau. Warum er die Stadt in der kaspischen Senke trotz Kälterekorden empfiehlt und wie ein Expat-Leben in Kasachstan funktioniert, liest du hier.

51 Millionen: So viele Menschen üben laut der britischen Marktforschungs- und Beratungsagentur Finaccord weltweit eine Tätigkeit im Ausland aus. Bei fünf bis sechs Millionen handelt es sich um Fach- und Führungskräfte wie Luis Arandia, die temporär vom Arbeitgeber entsandt werden – zum Beispiel nach Kasachstan.

Fast achtmal so groß wie Deutschland, doch mit bloß 25 Prozent der Einwohnerzahl ist Kasachstan nicht nur für die Weiten seiner Steppe und das Kosmodrom Baikonur bekannt. Ihre Rohstoffvorkommen machen die einstige Sowjetrepublik auch zu einem lukrativen Wirtschaftsstandort für die internationale Bergbau- und Petroleumindustrie. 2016 flossen fast zwei Drittel der ausländischen Direktinvestitionen in den Öl- und Gassektor.

Nach über zwei Jahrzehnten als Expatriate ...

Die Gewinnung von Erdöl und Erdgas ist auch der Grund, warum es Luis Arandia ans Kaspische Meer verschlagen hat – 13.000 Kilometer von seinem bolivianischen Geburtsort entfernt. Als Pipeline and Process Country Service Manager für eines der größten Mineralölunternehmen der Welt trägt er die Verantwortung für die komplette Abwicklung diverser Projekte von der Ausschreibung bis zur Ausführung: "Vereinfacht gesprochen bin ich dafür zuständig, dass das Projekt glattläuft, niemand zu Schaden kommt und es am Ende profitabel ist."

... in die Ölhauptstadt Kasachstans

Seit Mai 2017 liegt Luis' Lebensmittelpunkt in Atyrau, einer Hafenstadt im Uraldelta unweit der Ölfelder in der kaspischen Senke. Obwohl die Stadt im 17. Jahrhundert gegründet wurde, hat ihr erst die Ölförderung seit den 70er Jahren zum Aufschwung verholfen. Im Stadtbild wechseln sich moderne Bürokomplexe und Industriegebiete mit Raffinerien und Gebäuden aus der Sowjetzeit ab, Denkmäler kasachischer Volkshelden mit Minaretten und Zwiebeltürmen.

"Es gibt keinen Tourismus in Atyrau", so Luis Arandia – anders als beispielsweise in Trinidad und Tobago, wo er mit seiner Frau und den drei Kindern vier Jahre lang den "karibischen Traum" gelebt hat. Auch der Transfer von einer afrikanischen Millionenstadt mit tropischen Temperaturen in die Ölhauptstadt Kasachstans war ein ziemlicher Kulturschock. "Das Leben hier fühlt sich vollkommen anders an. Atyrau ist eine Stadt, in der man arbeitet. Die Leute sind viel introvertierter, und nachdem ich meinen ersten Winter erlebt habe, verstehe ich auch, wieso." Worauf Luis anspielt: In der kalten Jahreszeit fallen die Temperaturen auf bis zu -38°C. Den Grenzfluss zwischen Europa und Asien kann man bei einem solchen Rekordtief dann auf Schlittschuhen überqueren.

"Ohne HR läuft hier nichts"

Weniger einsam werden die harten Winter dank der großen Expat-Gemeinschaft: Unter den knapp 200.000 Einwohnern befinden sich zirka 6.500 Expatriates, von denen die meisten für multinationale Ölkonzerne arbeiten. "Zum Glück gibt es hier eine sehr ausgeprägte Expat-Community", betont Luis. An diese richten sich mehrere internationale Schulen, eine internationale Klinik sowie eigene Apartment-Komplexe mit Shuttleservice. Mitarbeitern, die oft onshore in den Ölfeldern arbeiten müssen, stellt die Firma sogar einen Fahrer. Auch beim Umzug bekommen viele Expats in Atyrau Unterstützung von ihren zahlungskräftigen Arbeitgebern. Luis Arandia beispielsweise bekommt vom Umzugsunternehmen über die Krankenversicherung bis zur Betriebswohnung alles gestellt – gerade für die Hilfe bei der allgegenwärtigen Bürokratie ist er dankbar.

"Wenn man nicht genau die erforderlichen Qualifikationen hat, sollte man sich in Kasachstan gar nicht erst um eine Arbeitserlaubnis bewerben. Man darf auch nicht vergessen, alle erforderlichen Unterlagen offiziell zu übersetzen und notariell zu beglaubigen. Die Unterstützung durch HR ist unverzichtbar, gerade wegen der Sprache."

Expatriates unter sich?

Die Sprachbarriere erklärt, warum Expats in Atyrau oft unter sich bleiben. Zirka 90 Prozent der Bevölkerung sind Kasachen, während Russen und Ukrainer die restlichen 10 Prozent ausmachen. Laut der vom globalen Expat-Netzwerk InterNations durchgeführten Expat Insider 2017 Studie sprechen etwa sechs von zehn Expats in Kasachstan nur wenig oder gar kein Kasachisch oder Russisch. Luis Arandia verfügt immerhin über Grundkenntnisse in beiden Sprachen. "In der Arbeit sprechen alle Englisch", erklärt er, "und ich verlasse mich viel auf Google Translate. Aber manchmal muss ich doch mit Pantomime nachhelfen, wenn ich etwas einkaufen oder nach dem Weg fragen möchte."

Auch mit den einheimischen Kollegen trifft er sich oft in der Freizeit: Nach der anfänglichen Reserviertheit seien die Leute sehr gastfreundlich. Und selbst das Wetter sei trotz des harten Winters eine angenehme Überraschung: "Mir ist ein tropisches Klima zwar lieber", so Luis, "aber ich dachte irrtümlicherweise, hier sei es das ganze Jahr über kalt. Ich mag den Wechsel der Jahreszeiten."

Ein Expat-Tipp für überall

Obwohl er nach Abschluss des Assignments nicht unbedingt noch einmal nach Atyrau zurückkehren möchte, empfiehlt Luis Arandia seine neue Heimat auf Zeit weiter. "Bis auf ein Green für den passionierten Golfer gibt es jeglichen Komfort für Expats", betont er: "Die internationalen Verkehrsanbindungen sind ausgezeichnet, und es ist sehr sicher."

Nur Geduld sollte man mitbringen – denn in Kasachstan dauert alles ein bisschen länger. Lokale Besonderheiten muss man aber respektieren, findet Luis, und zwar egal, wo man sich aufhält. "Behandle die Leute so, wie du selbst behandelt werden willst", rät er abschließend: "Dann wird das Expat-Leben automatisch leichter, ob in Kasachstan oder der Karibik."

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