Hauptsache, der Titel stimmt
In ihrem Buch "Professor Untat" rechnen Martin Wehrle und Uwe Kamenz mit den Untätigen unter den Professoren ab und bringen skandalöse Zustände ans Licht. Co-Autor Uwe Kamenz ist selbst Professor. Er zählt sich aber natürlich zu den Fleißigen unter den 38.000 Hochschullehrern in Deutschland. Das provokante Buch sorgt für viel Aufsehen - und das ist auch gut so.
Martin Wehrle und Uwe Kamenz: Professor Untat. Was faul ist hinter den Hochschulkulissen. Econ, München 2007. 282 Seiten, gebunden, 18 Euro, ISBN 3-430-20018-0.
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Der Journalist und Coach Martin Wehrle und der Hochschulprofessor Uwe Kamenz werfen den faulen Professoren einiges vor: Sie ignorierten ihre Forschungspflicht, hielten öde Vorlesungen, vernachlässigten und mißbrauchten ihre Doktoranden sowie ihre Studenten und wirtschafteten am liebsten in die eigene Tasche. Deutschland würde nicht in der Bildungsmisere stecken, wenn nicht die Hälfte der Professoren untätig wären. Die Autoren kritisieren allerdings nicht nur die das dreiste Nichtstun vieler Hochschullehrer, sondern weisen auch auf Fehler im Bildungssystem hin.
Das Problem der Mittelmäßigkeit
Zunächst geht es um das Berufungsverfahren von Professoren. Dieses Prozedere kann schon mal zwei Jahre dauern, wobei die Professoren oft schon am ersten Tag wüssten, wen sie zu ihrem neuen Kollegen machen. Am Entscheidungsprozess sind zwar etliche Instanzen an Hochschule und Wissenschaftsministerium beteiligt. Dank des "Selbstergänzungsrechts der Fakultäten" haben die Profs aber letztlich das Sagen. In der Entscheidungsmacht der Professoren liegt, so glauben die Autoren, auch das Problem der Mittelmäßigkeit an den Hochschulen. Denn wer will schon einen Kollegen, der besser ist als man selbst? Darüber hinaus beklagt das Buch den langen Leidensweg vom Hochschulabsolventen zum Professor. So ist ein Kandidat, der sich an einer deutschen Uni für eine Position als Professor bewirbt durchschnittlich 40 Jahre alt. Dabei "zeigen Studien, dass die meisten wegweisenden Arbeiten im Alter zwischen 25 und 35 Jahren publiziert werden", so die Autoren. Das sei einer der Gründe, warum deutsche Nachwuchswissenschaftler ins Ausland beispielsweise in die USA abwandern, wo die Bedingungen für sie besser sind.
Mein Prof.de - der Schreck der Untätigen Profs
Im zweiten Kapitel widmen sich die Autoren dem Internetportal MeinProf.de und beschreiben was passiert, wenn Studenten es wagen, die Lehre ihrer Professoren öffentlich zu bewerten. Leider nähmen die meisten Dozenten negative Kritik nicht als Anregung zur Verbesserung an. Sie neigten eher dazu, den Grund der Kritik in den mangelnden Fähigkeiten und der unzureichenden Motivation der Studierenden zu suchen. Durch die Kommentare und Bewertungen der Studenten kamen verheerende Zustände an manchen Hochschulen ans Licht. Daher mussten die Betreiber des Bewertungsportals MeinProf.de einige Professoren unter Androhung rechtlicher Schritte von der Seite löschen. Uwe Kamenz und Martin Wehrle kommen zu dem Schluß: "Nur den Untätigen schadet die freie Meinung. Und für viele Präsidenten und Rektoren ist sie unbequem, weil sie ja sie immer ihre eigene Macht begrenzt."
Viele Möglichkeiten faul zu sein
Das Buch weist auch auf den Missstand hin, dass Professoren in Deutschland zu keiner didaktischen Ausbildung verpflichtet sind. Daher glichen sie oft mehr einem Vorleser als einem Lehrer und ihre Vorlesungen erinnere eher an eine Gute-Nacht-Geschichte als an eine Lehrveranstaltung. Außerdem seien die deutschen Profs laut diesem Buch Weltmeister in der kreativen Reduktion ihres Lehrdeputats - also der Anzahl der Lehrstunden. An Fachhochschulen unterrichten Profs für gewöhnlich 18 Semesterwochenstunden, an traditionellen Universitäten acht. Um die Semesterwochenstunden zu verringern, bedienen sich Profs verschiedener Methoden. So übernimmt der Assistent schon ab und zu die Vorlesung. Wenn ein Kongress ruft, muss die Vorlesung eben ausfallen. Eine weitere Möglichkeit des Nichtstuns eröffnet sich Professor Untat in seinem Forschungsfreisemester. Jedes achte Semester kann er sich für Forschungstätigkeiten von seinem Lehrauftrag befreien. Da freut sich Professor Untat, denn wie immer in der Forschung kontrolliert keiner, ob in dieser Zeit wirklich geforscht wird. So interpretiert Professor Untat das Forschungsfreisemester oft als Freizeitsemester.
Rabenväter unter den Doktorvätern
Außerdem beleuchtet das Buch die Beziehung des Professors zu seinem Doktoranden, die in einigen Fällen dem Verhältnis eines Herrn zu seinem Knecht ähnele. Häufig kämen Doktoranden aufgrund ihrer Tätigkeiten für den Prof nicht dazu, ihre Dissertation fertig zu stellen. "Tatsächlich ist es üblich, dass wissenschaftliche Mitarbeiter 12-Stunden-Tage, Wochenarbeit, Urlaubsverzicht und 100-Prozent-Jobs auf 50-Prozent-Stellen praktizieren", so die Autoren. "Allerdings sind die Hochschulen an diesem Zustand nicht ganz unschuldig." Auch führen sie Beipiele von verzweifelten, vergessenen und völlig auf sich gestellten Doktoranden an. Das Doktoranden-Netzwerk Thesis sammelte sogar für einen Workshop "Härtefälle" zum Thema Promotion. Sowohl die Autoren als auch Thesis berichten von Doktoranden, die keine Termine bei ihrem Betreuer und damit auch kein Feedback bekommen. Andere müssen jahrelang auf die die Bewertung ihrer Dissertation warten oder sich sogar sexuelle Belästigungen gefallen lassen. Das Schlimme, die Betroffenen haben entweder keine rechtliche Grundlage, um gegen die Rabenväter vorzugehen oder trauen sich nicht, um ihre Dissertation nicht zu gefährden.
Im Nebenjob Professor der Tat
Ausführlich behandelt das Buch den Professor Untat in einer ganz ungewohnten Rolle: als Mann der Tat - in seinem Nebenjob. Seiner lukrativen Nebentätigkeit gehe er allzu oft in seiner Arbeitszeit nach, in der er vom Staat für seine Hochschultätigkeit bezahlt wird. Martin Wehrle und Uwe Kamenz schalten als Headhunter im Stellenmarkt der Zeit ein Nebenjob-Angebot für Professoren. Der Haken an dem Angebot: der Arbeitgeber fordert eine "zeitliche Flexibilität" von zwei bis drei Tagen pro Woche. Das legale Maß, das Professoren für eine Nebentätigkeit aufbringen dürfen, beträt ein Fünftel der regulären Arbeitszeit, also acht Stunden pro Woche, auch in den Semesterferien. Trotzdem erhielten die Personalberater überraschend viele Bewerungen von interessierten Professoren. Sie können offensichtlich erstaunlich viel Zeit für einen gut bezahlten Nebenjob aufbringen. Würden sich die Professoren in ihrem Nebenjob so engagieren wie in ihrem eigentlichen Beruf als Lehr- und Forschungsbeauftragter, stünde es um das Bildungswesen in Deutschland sicher besser. Doch wenn das Bildungsministerium keine Kontrollen einführt oder Sanktionen verhängt, wird die Forschungsfreiheit von faulen Profs wohl weiterhin als freie Zeit für Nebenjobs verwendet.
Was man tun kann
Doch das Buch beschreibt zum Glück nicht nur was und wer faul ist hinter den Hochschulkulissen, sondern gibt auch Anregungen und direkte Aufforderungen, wie man etwas verändern kann. Im letzten Kapitel stellen die Autoren einen 10-Punkte-Plan vor, der aus untätigen Profs Professoren der Tat machen soll. Dazu haben sie auch eine Aktionswebsite eingerichtet (www.professor-untat.de), unter der man sich weitere Informationen und Adressen holen kann. Das Gute an dem 10-Punkte-Plan: alle Lösungsvorschläge sind kostenneutral, könnten die Leistungen der Profs steigern und die Chancen des Standorts Deutschland verbessern. Das Schlechte: der Plan ist nur wirksam, wenn er von sehr vielen Menschen umgesetzt wird. Davon ist leider eher nicht auszugehen.
Provokant und aufrüttelnd
Insgesamt ein Buch, das bei all dem blinden Vertrauen, das man Professoren in Deutschland entgegen bringt, dringend nötig war. Es lässt sich gut lesen, ist amüsant geschrieben und reich an erschütternden Fakten. Dabei ist es sehr umfassend. Die Autoren führen viele verschiedene Beispiele an, stellen selbst Nachforschungen an und decken verheerende Zustände auf. Die Autoren behaupten, dass etwa die Hälfte aller Profs untätig seien. Ob das wirklich der Realität entspricht, lässt sich schwer beurteilen. Aber untätige Professoren gibt es und es ist gut, dass jemand darauf hinweist. Das Buch ist jedem zu empfehlen, der sich für unser Bildungswesen und den Standort Deutschland interessiert.
