von Kay Szantyr

Interkulturelle Kompetenz

Die Weisheit der Welt

Tatsache: Für viele Jobs ist interkulturelles Know-how und eine international ausgerichtete Denke nicht zwingend. Wenn du Jura studierst und dich auf deutsches Strafrecht spezialisierst, warum solltest du dann Verständnis für Brasilianer, Belorussen oder Bantu-Stämme aufbringen? Interkulturelle Kompetenz ist jedoch nicht nur für Auslandseinsätze vonnöten.

Interkulturelle Kompetenz hast du – schließlich hast du ein Semester in Japan und zwei in Schweden gelebt, ein Praktikum in Israel drangehängt und außerdem Verwandte in Südafrika, die du regelmäßig besuchst. Und das alles dafür, dass du nun in einem Bielefelder Büro sitzen und interne Revision machen wirst. Sehr international. Dein Arbeitgeber hat mit seiner Forderung aber geschickt gehandelt: Schließlich hat er mit einem einzigen Begriff alle relevanten Soft Skills zusammengefasst.

Interkulturell ist... flexibel

Deine Auslandsaufenthalte beweisen nicht nur deine Sprachkompetenz, sondern etwas viel Wichtigeres. Sprachen kann man immer lernen. Wenn dein Arbeitgeber nach Litauen expandieren will, dann sponsert er dir einen Sprachkurs in Litauisch, so einfach ist das. Was man aber nicht lernen kann – und was man sich, im Gegensatz zu Sprachen, mit höherem Alter erst recht nicht aneignen wird, ist Flexibilität. Die Umstellung des Lebensumfelds ebenso wie die kulturelle Akkomodation (siehe Seite 1) erfordert geistige Regsamkeit und Lernbereitschaft. Die ist für jeden Arbeitgeber von Vorteil – wer weiß schließlich, ob dein Job in fünf Jahren noch so aussieht wie jetzt?

Interkulturell ist... kommunikationsstark

Der Aufenthalt in einem Land, dessen Sprache nicht die eigene Muttersprache ist, führt immer zu Situationen, in denen man andere miss- oder gar nicht versteht. Hier ist Kommunikations- stärke gefragt. Die drückt sich nämlich nicht nur darin aus, dass man etwas sagen kann – sondern auch darin, dass man es im Zweifel auch anders sagen oder sogar ohne Worte kommunizieren kann. Diese Fähigkeit benötigt jeder, der im Team arbeitet: Wie kann ich meine Gedanken so vermitteln, dass der andere den Kern versteht, obwohl er vielleicht ganz anders denkt? Besitzt man diese Grundfähigkeit nicht, kommt es zu den klassischen Situationen, in denen der ITler dem Marketing-Profi die neue Datenbank erklärt – und dem Wirtschaftswissenschaftler Fragezeichen statt aufblitzenden Glühbirnen ums Hirn kreisen.

Interkulturell ist... teamfähig

Teamfähigkeit drückt sich aber nicht nur in kommunikativen Kompetenzen aus. Auch der leichte Zugang zu Fremden ist relevant. Schon einmal versucht, ein Semester im Ausland allein durch Vorlesungen und Lernen zu gestalten? Ein trauriges Unterfangen. Wer sich in die Fremde begibt, muss dort Freunde finden. Dieses offene Zugehen auf andere zeichnet auch teamfähige Mitarbeiter aus. Und im Team bringen Mitarbeiter dem Unternehmen am meisten.

Interkulturell ist... kreativ

Das liegt unter anderem an den vielen Team-Methoden, um kreative Lösungen zu finden – zum Beispiel Brainstorming in der Gruppe. Wer interkulturelles Know-how besitzt, der hat neben dem eigenen Denkansatz auch andere, teilweise konträr entgegengesetzte kennen gelernt. Aus der Synthese zweier unterschiedlicher Ansichten und Gedankengebäude kann etwas vollkommen Neues entstehen. Aus der Synthese von zweihundert gleichen Ansichten entsteht dagegen nur Altbekanntes.

Verständnisquellen

Ein paar Tipps, um eine fremde Kultur besser kennen zu lernen:

  • Zeitung lesen. Welche Neuigkeiten es in die Tagespresse schaffen, sagt einiges über die Mentalität der Kultur aus. Ein Beispiel ist der geringe Anteil an Meldungen aus dem Ausland in US-amerikanischen Zeitungen.
  • Politisch diskutieren. In jedem Smalltalk-Ratgeber ein No-no, aber mit entsprechender Vorsicht genossen sind politische Dikussionen sehr aufschlussreich. Aber: Lasse lieber andere diskutieren und höre nur zu!
  • Klatschpresse durchblättern. Banales Geschreibsel? Ja, aber genau deshalb spiegelt es am besten, was die "breite Masse" bewegt. Ein Beispiel? In Frankreich schaffen es selbst Psychologie- Magazine, unter irgendeinem Vorwand Kochrezepte zu veröffentlichen.
  • Zuhören - auch wenn man nichts versteht. Gestik und Mimik gehören zu einer Kultur ebenso wie Sprache oder traditionelle Kleidung. Und gerade wenn man nichts versteht, erkennt man zuweilen am besten, wie der andere "tickt".

Interkulturell ist... tolerant

Toleranz ist "die Duldung der Andersartigkeit des anderen". Damit ist Toleranz zwar schön, aber eigentlich noch nicht optimal im zwischenmenschlichen Miteinander. Schließlich sollst du den anderen nicht nur dulden, sondern akzeptieren und respektieren, so wie er ist. Was du aber zu dulden lernst durch interkulturelle Erfahrungen, sind Ambiguität und Frustration. Hoppla, das klingt nicht lustig. Tatsächlich kann es sehr lustig sein: Wenn die Frustration aus der Unfähigkeit, sich verbal verständlich zu machen, entsteht. Und man stattdessen auf Hände und Füße als Kommunikationsmittel ausweicht. Mit Ambiguität dagegen ist die Tatsache gemeint, dass es auch mal zwei "richtige" Meinungen geben kann – nicht alle Probleme haben nur eine einzige Lösung. Diese Erkenntnis hilft dir bei der Zusammenarbeit mit den Kollegen ebenso wie beim Umgang mit Schwierigkeiten in Arbeitsprozessen. Statt wutentbrannt dein Zeug in die Ecke zu pfeffern, setzt du dich hin, ein Lächeln auf und suchst nach Alternativlösungen. Im Idealfall zumindest.

Interkulturell ist... friedlich

Naja, nicht um jeden Preis friedlich. Aber die Toleranz, siehe oben, bringt auch eine größere Geduld mit sich für andere Meinungen. Wer Empathie gelernt hat, der kann auch für die Gegenseite – selbst wenn deren Meinung vollkommen absurd scheint – Verständnis aufbringen. Das hilft, rational und ruhig zu diskutieren. Und aus der Erkenntnis, dass der andere von der Richtigkeit seiner falschen Ansicht tief überzeugt ist, entsteht mit etwas Nachdenken die Einsicht, dass man selbst das eine oder andere Mal vielleicht auch fälschlicherweise von etwas überzeugt war. Oder ist. Oder sein wird. So viel ist nämlich sicher: So wenig, wie irgendeine Kultur besser ist als eine andere, so wenig hat ein Mensch immer Recht. Und wenn manche Menschen erst mit den Inuit Nase-reiben müssen, um das zu begreifen – dann kann das doch nur gut sein.

Literatur zum Thema

Handbuch Interkulturelle Kompetenz von Thomas Baumer; Orell Füssli 2002.
Tipps für den Erwerb interkultureller Kompetenz von einem Manager, der geschäftlich und privat über 60 Länder bereiste.
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