Interkulturelle Kompetenz
Nasenreibereien am Nordpol
Jeder spricht davon, kaum einer kann genau benennen, was es eigentlich ist. Nur so viel ist sicher: Interkulturelles Know-how braucht nicht nur der Touristenführer auf Bali, sondern zum Beispiel auch der Berater eines internationalen Consulting-Unternehmens. Wie aber wird man interkulturell? Jedenfalls nicht, indem man blind jahrhundertealte Traditionen nachahmt.
So hatte der aufstrebende junge Anwalt sich das nicht vorgestellt. Nach nur wenigen Minuten wandte sich der wichtige Auftraggeber seiner Kanzlei bereits von ihm ab. Irgendetwas schien ihn zu stören. Dabei waren die rechtlichen Fragen zur Einrichtung einer deutschen Tochter des chinesischen Unternehmens doch noch gar nicht geklärt.
Eiszeit zwischen China und Coburg
Woran es lag? An einer kleinen, unscheinbaren Visitenkarte – die war dem Jungjuristen zu Beginn des Gesprächs überreicht und von ihm unbesehen in das Portmonee gesteckt worden. In Deutschland üblich – in China ganz klar eine Respektlosigkeit gegenüber dem Geschäftspartner. Ein solcher Fauxpas lässt sich leicht vermeiden, dafür wurden in den letzten Jahren zahlreiche Knigge-Nachkömmlinge für Geschäftskontakte mit dem Ausland publiziert. Ob "Verhandeln mit Vietnamesen" oder "Geschäftsessen mit Pygmäen", welche Anstandsregeln im Umgang mit anderen Kulturen wichtig sind, kann man ja lernen. Aber genügt das, um bereits als "interkulturell kompetent" durchzugehen?
Vorsicht, Vorurteile!
"Interkulturell" heißt zunächst schlicht: zwischen Kulturen. Im einfachsten Fall: zwischen zwei Kulturen, also deiner und der deines Gegenübers. Interkulturelle Kompetenz beweist, wer mit seinem Gegenüber so in Kontakt treten kann, dass sich beide damit wohlfühlen. Wer bittet oder anfragt, ist dabei üblicherweise auch derjenige, der "kulturell" auf den anderen zugehen muss. Das heißt: Wenn du einen Auftrag von einem russischen Unternehmen möchtest, musst du die russischen Hierarchiestufen strikt berücksichtigen. Wenn andererseits ein spanisches Unternehmen etwas von deiner Firma will, tut es gut daran, sich an das deutsche Verständnis von Pünktlichkeit zu halten. Dafür benötigt man gute Informationsquellen – sonst sitzt man rasch Stereotypen und Vorurteilen auf, die mit der Realität nicht viel gemein haben.
Wie du mir, so ich dir
Der Versuch, sich wie ein Landsmann des Geschäftspartners zu verhalten, ist von Vornherein zum Scheitern verurteilt. Interkulturelles Miteinander verlangt immer große Toleranz von beiden Seiten. Die wird im Geschäftsleben gerne aufgebracht, wenn man den aus diesem Miteinander stammenden Profit vor Augen hat. Jede Kultur besitzt aber auch Akzeptanzgrenzen. "Bis hierhin und nicht weiter" – so weit darf es nicht kommen. Neben dem faktischen Wissen über Gebräuche der anderen Kultur muss man vor allem große Sensibilität mitbringen. Schließlich ist ein Geschäftspartner nicht nur ein Vertreter seiner Kultur, sondern auch ein Individuum mit persönlichen Vorlieben und Abneigungen. Hier gilt es, jeden Augenblick genau zu taxieren: Wie reagiert er oder sie? Fühlt er sich noch wohl? War ihr diese Frage unangenehm, so dass ich die Folgefrage besser umformuliere?
Stichwort Auslandsaufenthalt
Diese Sensibilität kann geübt werden – und wer ein Semester oder mehr im Ausland gelebt hat, der hat sie zwangsläufig geübt. Beim Auslandssemester erfolgt zwar meist keine Akkulturation, das bedeutet eine kulturelle Angleichung an die Gastgesellschaft, aber doch eine Akkomodation: Man übernimmt die Regeln, die für das alltägliche Miteinander gelten. Dazu gehören ganz unterschiedliche Elemente des kulturellen Habitus wie die korrekte Anrede, die Sprech-Lautstärke, die Art der Begrüßung. Doch auch, wenn du nach der Akkomodations-Phase im Polarkreis mit lieben Bekannten ganz selbstverständlich Nase an Nase reibst, bist und bleibst du doch Deutscher. Aber immerhin ein anpassungsbereiter.
Alles ist relativ – auch die Auslandserfahrung
Aus diesem Grund suchen international tätige Unternehmen nach Absolventen mit Auslandserfahrung. Allerdings – und das muss auch gesagt werden – hat man an vielen Unis die Möglichkeit, ohne jede Akkomodations-Erfahrung durch das Auslandssemester zu kommen. Beliebte Austausch-Unis wie Malaga oder Perugia haben so große ausländische Studentenschaften, dass man, abgesehen von den Lehrveranstaltungen, sein ganzes Leben auf Deutsch und eventuell Englisch organisieren kann. Und wer in einer rein deutschen WG wohnt, der muss sich kulturell nicht akklimatisieren. Gehe also nicht nur für den Eintrag im Lebenslauf in die Ferne – nutze die Zeit, deine kulturellen Fingerspitzen zu sensibilisieren. Zum Beispiel durch eine einheimische WG.
Sprache ist nur der Anfang
Vielleicht hast du Japanisch gelernt, weißt, in welcher Höflichkeitsstufe du wen ansprechen musst und dir auch die eher sparsame japanische Gestik angewöhnt. Und dennoch stehst du oft genug kopfschüttelnd neben deinem japanischen Kommilitonen. Hier kommt neben dem Faktenwissen über die Kultur und dem zwischenmenschlichen Feingefühl noch etwas drittes hinzu, dass kaum erlernbar ist: Empathie, übersetzt: Einfühlungsvermögen. Die Kunst, die Welt durch die Augen des anderen zu sehen. Das wird dir bei deinem japanischen Mitstudenten kaum gelingen – zu sehr unterscheiden sich die individualistisch geprägte deutsche und die durch das Kollektiv bestimmte japanische Weltsicht. Je mehr du dich aber mit der Kultur des anderen beschäftigst, desto eher kannst du nicht nur verstehen, wie die Menschen dort handeln, sondern auch, warum. Und dann kannst du Reaktionen bis zu einem gewissen Grad sogar vorhersehen, auch wenn sie dir fremd sind.
Kritikfähigkeit an der eigenen Kultur
Das ist schon eine ganze Menge, was die "interkulturelle Kompetenz" verlangt. Dabei wurden bisher nur die absolut notwendigen Grundlagen angesprochen. Machen wir mit einem Beispiel weiter: Was ist der Unterschied zwischen Deutschen und, sagen wir Indern? Die Sprache(n), richtig. Das Essen, die Religion... Aber das ist für Geschäfte auf dem indischen Subkontinent ja irrelevant. Apropos Geschäft: Ein professionelles geschäftliches Auftreten strahlt Kompetenz aus und ist für jede Art von Business-Kontakt weltweit förderlich. Oder? Inder wollen auch mit ihren Geschäftspartnern gut Freund sein – und diese persönliche Sympathie, die früh durch Essenseinladungen im Familienkreis manifest wird, ist wichtiger als jeder schriftliche Vertrag. Viele deutsche Manager gehen aber zunächst davon aus, dass das deutsche Verständnis von Professionalität ("Geschäft ist Geschäft und privat ist privat") international ist. Und dass ein unterschriebener Vertrag endgültig ist. So kommt es zu "interkulturellen Missverständnissen": Weil ein Gesprächspartner davon ausgeht, dass seine Ansicht "normal" im Sinne von universell ist.
Was will die Firma – was willst du?
Du siehst: Diese Menge an teilweise nicht oder nur bedingt erlernbaren Eigenschaften kann ein Unternehmen nicht abprüfen, selbst wenn es "interkulturelle Kompetenz" in der Stellenausschreibung fordert. Generell werden unter diesem Stichwort neben Sprachkenntnissen ein gewisser Schliff im Umgang mit Fremden, Höflichkeit, Toleranz und Takt verstanden. Grundsätzlich gilt: Wer in Deutschland von der "alten Schule" ist und sich zu benehmen weiß, wird in der Geschäftswelt auch im Ausland weniger Gefahr laufen, anzuecken. Wenn du aber einen konkreten Auslandstermin in Aussicht hast, dann genügt es nicht, sich darauf zu verlassen. Bereite dich vor, indem du einschlägige Fachliteratur wälzt oder im Internet kulturelle Regeln des jeweiligen Landes nachliest. Sei bereit, jeden Moment Neues zu lernen. Sei offen für andere Menschen. Und zeige deine Selbstsicherheit, indem du über dich lachst - du wirst immer wieder in Fettnäpfchen stolpern. Humor verbindet mit der ganzen Welt.
Ein erster Einblick...
Einige erste Informationen über das Leben in anderen Ländern, vor allem das Studentenleben, findest du unter "Studieren in..." im e-fellows.net wiki.
Wie kompetent bist du im Umgang mit fremden Kulturen? Teste dein Fingerspitzengefühl unter interkulturelle Kompetenz online.
