von Catalina Schröder

Hochbegabung

Schlau sein verboten?

Mehr als 3.000 Menschen lassen jährlich ihre Intelligenz vom Hochbegabtenverein Mensa e.V. testen. 42 Prozent von ihnen sind hochbegabt. Doch die Begabung kann verschwinden, wenn sie nicht entsprechend gefördert wird. Mensa e.V. engagiert sich wie auch die staatlichen Begabtenförderungswerke oder e-fellows.net dafür, dass Begabte ihr Potenzial weiterentwickeln. Doch ist es gerecht, ohnehin Bevorteilte noch zu fördern?

Wissenschaftler gehen davon aus, dass Intelligenz nur zur Hälfte erblich ist. Ob ein Mensch besondere Fähigkeiten entwickelt, hängt zum großen Teil von seiner Umwelt ab. Ein Kind kann also durchaus hochbegabt sein, obwohl seine Eltern normal oder sogar unterdurchschnittlich begabt sind. Sind beide Eltern hochbegabt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Kind ebenfalls besondere Fähigkeiten hat, sehr hoch. Auch wenn man davon ausgeht, dass Hochbegabung in allen gesellschaftlichen Schichten vorkommt, werden hochbegabte Kinder aus armen Familien seltener als solche erkannt als solche aus reichen Familien.

Frühe Förderung ist besonders wichtig

Gene und Umwelt interagieren: Begabung benötigt daher immer eine anregende Umgebung, um sich zu entfalten. Je jünger ein Mensch, desto größer seine Entwicklungsmöglichkeiten. Eine frühe Förderung ist daher besonders wichtig, denn ab dem Alter von acht oder neun Jahren bleibt der Intelligenzquotient relativ stabil. Jeder Mensch verfügt über ein gewisses Entwicklungsspektrum. Ob er sich eher zum oberen oder unteren Ende entwickelt, hängt von seiner Umwelt ab.

Ist die Förderung Starker gerecht?

In Deutschland gilt in Sachen Hochbegabung oft noch das Matthäusprinzip: Während die Unterstützung schwacher Schüler gerecht ist, gilt die Förderung der Starken als ungerecht. Tatsache ist jedoch, dass beide Gruppen gleich weit von der Durchschnittsbegabung entfernt sind. Auch die e-fellows sind sich bei der Frage nach der Gerechtigkeit der Förderung nicht ganz einig. Sie diskutieren in der Community, ob ihnen die Privilegien des e-fellows.net-Stipendiums zustehen, obwohl sie durch ihre guten Noten, Praktika und Auslandserfahrung bei der Jobsuche bereits im Vorteil sind.

Gute Chancen auch ohne Förderung?

"Ich denke, wir hätten doch auch so schon recht gute Chancen, Jobs oder Praktika bekommen, wozu diese Extrawürste?", schreibt ein e-fellow. Ein anderer meint: "Natürlich ist es wichtig, auch die Masse zu fördern. Aber in gleicher Weise ist es auch wichtig, jene ganz besonders zu fördern, die ein großes Potential mitzubringen scheinen, ihren ganz besonderen Beitrag (für das Land, für die Wirtschaft, für die Wissenschaft oder ganz allgemein für die Zukunft) zu leisten!"

Da war noch was: die finanzielle Seite

Die Förderung Begabter durch Seminare und Kontakte zu Unternehmen ist die eine Seite eines Stipendiums. Die finanzielle Unterstützung die andere. Denn auch wenn viele Stipendiaten der Begabtenförderungswerke auf Grund der guten finanziellen Lage ihrer Eltern "nur" ein monatliches Büchergeld bekommen, gibt es auch diejenigen, die auf die monetäre Unterstützung durch ein Stipendium angewiesen sind. Natürlich könnten sie BAföG oder einen Studienkredit beantragen, aber sie haben sich mit guten Leistungen und sozialem ein Stipendium erarbeitet. Wer sollte ihnen das verübeln?

Katharina Fiegl Pressesprecherin Mensa 77x100

Katharina Fiegl (25) ist Pressesprecherin des Hochbegabtenvereins Mensa e.V. in Deutschland. Sie studierte Erziehungswissenschaft, Philosophie und Deutsch an der Uni Münster und arbeitet dort zur Zeit an ihrer Promotion.

Werden Hochbegabte in Deutschland ausreichend gefördert?
Sie werden gefördert, aber diese Förderung ließe sich noch deutlich ausbauen. Es gibt tolle Schulprojekte für hochbegabte Kinder und Jugendliche – doch kaum Plattformen, auf denen die Konzepte anderen Interessierten vorgestellt werden. Es gibt auch viele engagierte Lehrer und Erzieher. Leider sind sie oft überlastete Einzelkämpfer, da das Thema Hochbegabung in der Aus- und Fortbildung gar keine oder kaum eine Rolle spielt. Die Förderung würde besser funktionieren, wenn sich das Bewusstsein durchsetzt, dass neben Minderbegabten auch Hochbegabte Unterstützung brauchen.

Kann man abschätzen, wie hoch die "Dunkelziffer" der Hochbegabten in Deutschland ist?
Es heißt, rund 2,2 Prozent der Bevölkerung seien hochbegabt. Unter etwa 82 Millionen Deutschen gibt es also zirka 1,8 Millionen Hochbegabte. Das entspricht ungefähr der Einwohnerzahl Hamburgs.

Erfordert es nicht auch ein gewisses Selbstbewusstsein, überhaupt einen Intelligenztest zu machen?
Nein, der Test erfordert kein besonderes Selbstbewusstsein. Denn es handelt sich ja nicht um eine Aufnahmeprüfung, sondern um einen Test, bei dem der IQ ermittelt wird. Nicht jeder nimmt teil, um das Aufnahmekriterium für Mensa zu erfüllen und einen IQ ab 130 nachzuweisen. Viele testen sich aus sportlichem Ehrgeiz oder aus Spaß an Denksportaufgaben.

Welchen Beitrag leistet Mensa e.V. in Deutschland zur Hochbegabtenförderung?
Mensa bringt hochbegabte Menschen miteinander in Kontakt: Wir bieten Veranstaltungen, Projekte und Camps für Jugendliche und ihre Eltern bekommen die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch. Für Studenten gibt es das Mensa-Hochschul-Netzwerk zur Auseinandersetzung mit akademischen Themen. Und erwachsene Mitglieder können sich mit anderen Hochbegabten aus allen Lebensbereichen austauschen – auf Bundes- wie auf internationaler Ebene. Zusätzlich setzt sich der Verein für die Förderung von Wissenschaft und die Erforschung der menschlichen Intelligenz ein.

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