High Potentials und die Wirtschaftskrise
Bangkok - oder Berlin? Karriere gibt's auch in Deutschland noch
Seit Jahren sucht ein Teil des hoch qualifizierten Akademikernachwuchses das Weite, weil der Arbeitsmarkt in Deutschland ihm nichts bieten kann. Heute, mitten in der Wirtschaftskrise, erscheint Auswanderung erst recht als der einzig logische Schritt nach dem Abschluss. Doch das täuscht: Gerade die Top-Ausgebildeten haben weiterhin gute Chancen.
Seite 1: Karrierechancen in der Krise?
Seite 2: Die Situation bei den Unternehmen
Seite 3: Was ist in der Krise gefragt? Interview
Der Abend klingt ruhig aus. Der Blick über das Wasser auf die Türme von Haji Ali Dargah lässt einen das Verkehrschaos beinahe vergessen, das sich auf den Straßen Mumbais zu jeder Tages- und Nachtzeit abspielt. Später wird man sich noch mit Kollegen treffen und in einem der zahlreichen Restaurants Chicken Tikka Masala und einen Mango-Lassi genießen. Dann geht es nach Hause. Schließlich will man fit sein für den morgigen Arbeitstag und seinen Job gut erledigen.
Letzte Chance Ausland?
Den Job, den man in Deutschland nicht bekommen hätte. Der indische Arbeitsmarkt boomt, während der deutsche zusammenbricht - an allen Ecken und Enden, wie es scheint. Nicht nur das Gate of India, das Taj Mahal und all die anderen Sehenswürdigkeiten Indiens locken Akademiker nach Asien. Galt in der Vergangenheit, dass sich viele Hochqualifizierte in Deutschland beruflich auf verlorenem Posten fühlten, kommen jetzt erschwerend die Krisenmeldungen hinzu: Kurzarbeit, Einstellungsstopp, Entlassungen. Das macht Sorgen. Und der Braindrain nimmt zu.
Jammern und wehklagen - oder doch lieber freuen?
Aber ist die Lage wirklich so verzweifelt, dass der Schritt ins Ausland, auf einen anderen Arbeitsmarkt als einziger Ausweg bleibt? Der Blick in die Presse vermittelt ein gespaltenes Bild. Während in den letzten Monaten die Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine voll waren von Hiobsbotschaften über die kommende Entlassungswelle und Meldungen über Kurzarbeit, halten jetzt vor allem die Karriere- und Studienmagazine gegen. Man solle sich keine Angst machen lassen, heißt es da: Akademiker blieben "auf der Sonnenseite des Arbeitsmarktes" (FAZ Hochschulanzeiger). Und Studenten, die 2009 ihren Abschluss machten, "können sich freuen" - auf sie warten 23.000 Stellen, die die großen Unternehmen im laufenden Jahr für Akademiker schaffen wollen (Wirtschaftswoche). Damit kommen sie nicht nur denjenigen unter den e-fellows entgegen, die von der ewigen Schwarzmalerei genervt sind.
Kaum jemand stellt so ein wie vergangenes Jahr
Fakt ist: Es gibt wenig Branchen, die von der Krise nicht betroffen sind und die derzeit einstellen, als gäbe es kein Morgen. Dabei ist das Morgen kaum abschätzbar. Das bedeutet: Die Unternehmen gehen schlicht vom aktuellen Stand der Wirtschaft aus. Für die Zukunft entwerfen viele auf dieser Basis ein Worst-Case-Szenario, um auf der sicheren Seite zu sein - ein Szenario, in dem sie nur noch einem Bruchteil ihrer Angestellten Arbeit geben können.
Verschiedene Szenarien sind denkbar
Was aber, wenn sich die Situation rascher bessert als erwartet? "Die kurz- und mittelfristige Wirtschaftsentwicklung lässt sich nur sehr schwer vorhersagen", gibt auch Andreas Nienhaus von Oliver Wyman zu bedenken. "Die Finanzmärkte, der Öl- und Dollarpreis sowie die konjunkturelle Nachfrage lassen mehrere Szenarien zu. Es ist aber absehbar, dass auch 2010 noch unter dem Eindruck der Krise beginnen wird."
Aber wie geht es danach weiter? Es könnte sein, dass die Unternehmen, die jetzt entlassen oder Einstellungsstopps verhängen, schon bald wieder verzweifelt auf der Suche nach qualifiziertem Nachwuchs sind. Und viele Unternehmen, darunter Siemens Management Consulting, stellen weiterhin ein (siehe das Interview mit Bianca Meyer auf Seite 3). Schließlich hat Siemens immer noch internen Beratungsbedarf. Und frisches Blut, neue Ideen und vor allem ein Stück Idealismus brauchen Unternehmen gerade in der Krise.
Auch jetzt ist Optimismus angebracht
Das hieße, dass sich zumindest in einigen Branchen bewahrheitet, wovon ein Teilnehmer der e-fellows.net-Umfrage über die Haltung der e-fellows zur Krise überzeugt ist: "Hochqualifizierte werden auch oder gerade in Krisenzeiten gebraucht." Etwas detaillierter äußert sich ein anonymer Antworter auf die Frage zur persönlichen Sicht auf die Krise in der Community: "Tendenziell sind 'High Potentials' die Gewinner der Krisen, weil Krisen eine Chance sind, Geschäftsprozesse zu optimieren und 'marode' Abteilungen und Strukturen zu restrukturieren." Immerhin raten auch Personalexperten, "jetzt in das Fundament zu investieren", um nach der Krise auf loyale Mitarbeiter bauen zu können (Pressebox.de).
Es ist noch nicht aller Wirtschaft Ende ...
Letztendlich können alle Prognostiker und Wirtschaftsweisen auch nur Schätzungen abgeben und abwarten. Und letztendlich ist ein bisschen Optimismus durchaus angebracht. Zum Beispiel, wenn man Sätze hört wie "Arbeitsmarkt-Krise trifft Akademiker besonders hart" (Welt Online). Wenn es heißt, inzwischen sei "dem Einserkandidaten mit Master-Würde (...) nicht einmal mehr ein Vorstellungsgespräch sicher. Die Gesetze des Rekrutierungsmarkts gelten nicht mehr. Eine Absolventengeneration vor dem Aus?" (Manager Magazin). Die jungen Akademiker von heute sind, um es auf den Punkt zu bringen, wegen der Krise "die verratene Generation" (Stern), denn "es wird abgebaut und gespart - gnadenlos". Warum uns das aufbauen sollte? Die Zitate stammen vom Mai 2003, November 1994 und Oktober 2002. Und trotz der düsteren Prognosen starben auch damals der gutbezahlte Job, die Managementkarriere und der Unternehmensgewinn nicht aus.
Allerdings: Die Chancen in der Krise sind nicht für alle gleich. Auf Seite 2 erfährst du, wie es bei den Unternehmen aussieht und wie du deine Chancen erhöhst.
