von Curtis Klaus

Geisteswissenschaften

Wertschöpfung und Wertschätzung

2007 ist das Jahr der Geisteswissenschaften. Es soll Bewusstsein schaffen für die Bedeutung der Fächer dieser Studienrichtung. Doch wie steht es wirklich um die Karrierechancen von Geisteswissenschaftlern heute? Absolventen erzählen von ihrem Weg zum Wunschjob, der nicht immer ohne Hürden und Herausforderungen verlief.

Man weiß nicht, ob man sich freuen oder doch eher weinen sollte, dass das Jahr 2007 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung zum "Jahr der Geisteswissenschaften" erkoren wurde. Das Jahr 2006 war das Jahr der Physik und auch nächstes Jahr ist mit der Mathematik wieder eine Einzeldisziplin der Naturwissenschaften dran. Doch in diesem Jahr scheren Bildungspolitiker die Vielfalt der Geisteswissenschaften über einen Kamm, als gäbe es "den Geisteswissenschaftler" schlechthin, als könne man die Situation von Ägyptologen und Germanisten so einfach vergleichen. Kann man aber doch. Geisteswissenschaften gelten gemeinhin als theorielastig, unter den Elitestudiengängen und Exzellenzclustern muss man oft lange nach geisteswissenschaftlichen Fächern suchen. Dabei erfreuen sich im (einstigen) Land der Dichter und Denker die Geisteswissenschaften noch immer großer Beliebtheit. Jeder vierte Studierende war 2005 in einem geisteswissenschaftlichen Fach eingeschrieben - Tendenz gleichbleibend. (siehe Statistik unten)

Manuel Arens (27)

Manuel Arens (27) studierte Politikwissenschaften und ist heute Online-Marketing-Manager:
"Lieber ins Ausland gehen, als sich mit 20.000 Euro Jahresgehalt abspeisen lassen."

Anja Matthes (26)

Anja Matthes (26) studierte Sprachen und Linguistik mit sehr gutem Abschluss:
"Zum Glück habe ich mich nach meinem Studium nicht zu einem Praktikum hinreißen lassen.


900 Euro brutto im Monat

Manuel Arens (27) studierte Politikwissenschaften in Augsburg. Sein Studium interessierte ihn sehr, die Praxis wollte er durch Praktika kennen lernen. Doch seine Erfahrungen erwiesen sich als ernüchternd: "Ich machte ein Praktikum in einer PR-Agentur. Neben mir arbeiteten dort fast nur Geisteswissenschaftler, auch ein promovierter Germanist. Unsere PR-Arbeit bestand zu einem großen Teil darin, wie in einem Call-Center, Journalisten anzurufen, um sie zum Abdruck unserer Stories zu drängen. Viele Kollegen waren Volontäre und bekamen nicht viel mehr Geld als ich – etwa 900 Euro netto im Monat." Als Manuel danach zu einer renommierteren PR-Agentur in München wechselte, merkte er schnell, dass die Arbeits- und Lohnverhältnisse dort kaum anders waren: "Ich musste unter anderem Preise eines Gewinnspiels verpacken und zur Post bringen, Zeitungsartikel katalogisieren und kopieren. Den ganzen Tag. Nach drei Wochen habe ich gekündigt."

Herausforderung Ausland
So wie Manuel geht es vielen Geisteswissenschaftlern bei Praktika und sogar auch im Volontariat. Die Diskrepenz zwischen dem anspruchsvollen Studium und der realen Verwendung als billige Arbeitskraft ist oft groß. Doch Manuel gab nicht auf und bekam ein Angebot in München, entschied sich aber dann doch für Google in Dublin, Irland. Er arbeitet dort im Online-Marketing an Projekten, die ihn interessieren – auch wenn sie mit seinem Studienfach nur noch wenig zu tun haben. Arens' Rat: "Man sollte lieber ins Ausland gehen, als sich hierzulande mit 20.000 Euro Brutto-Jahresgehalt abspeisen zu lassen."

Praktikantenleben nach dem Studium
Der Motor der Konjunktur springt an, doch noch ist das kleine neue Jobwunder nicht bei allen angekommen. Geisteswissenschaftler gehören noch zu den weniger begehrten Absolventen. Nach einer repräsentativen Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) müssen sich 34 Prozent der geisteswissenschaftlichen Absolventen nach ihrem Studium erst einmal als billige oder gar kostenlose Hilfskraft verdingen, bei den Elektrotechnikern sind es gerade einmal zwei Prozent. Nach einem Jahr trifft dieses Schicksal aber nur noch ein Prozent. Bei vielen Unternehmen kann man sich als Nicht-Ingenieur oder Nicht-Wirtschaftswissenschaftler in den Online-Bewerbungsformularen gar nicht erst eintragen oder muss "sonstige Fachrichtungen" angeben.

Wertschöpfung ohne Wertschätzung
Schätzungen zufolge erzeugt allein der volkswirtschaftliche Sektor der Kulturwirtschaft in Deutschland eine jährliche Wertschöpfung von 35 Milliarden Euro – und steht damit noch vor der Software-Industrie. Wie eine aktuelle Umfrage von e-fellows.net zeigt, finden zwar die meisten Geisteswissenschaftler recht schnell einen Job, dennoch sind viele mit der Qualität der Jobangebote nicht zufrieden. Das Problem der Geisteswissenschaften ist also nicht, wie der Berliner "Tagesspiegel" im Januar 2007 schrieb, ein Mangel an Wertschöpfung, sondern ein Mangel an Wertschätzung."

Als Bummelstudent abgetan

Anja Matthes (26) ist Volontärin in einer Public Relations Agentur in Karlsruhe und hat ihr Studium der Amerikanistik, Romanistik und Angewandte Linguistik in Dresden in zehn Semestern mit der Note sehr gut abgeschlossen. Ihre beiden Auslandssemester verbrachte sie in Nashville, USA. Mehrere Praktika in PR und Unternehmenskommunikation kamen hinzu, eines auch in Washington, D.C.. Dann bewarb sie sich für einen Job. Matthes: "Die Bewerbungen verliefen anfangs recht deprimierend. Ich schrieb zirka 100 Bewerbungen und führte zwölf Gespräche, zumeist bei Agenturen. Meine Auslandserfahrung zählte wenig, dafür aber meine Praktika. Bei den Absagen bekam ich nie eine Begründung. Manche sagten mir, dass sie wegen der Bestimmungen des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) keine Begründung mehr geben könnten." Schließlich aber bekam Matthes einige Angebote und entschied sich für ein Volontariat. Matthes' rückblickendes Fazit: "Zum Glück habe ich mich nicht zu einem Praktikum nach dem Studium hinreißen lassen. Das habe ich immer abgelehnt."

Persönliche Stärken zählen
Während viele Unternehmen in Deutschland noch eine Monokultur von Wirtschaftwissenschaftlern betreiben, achtet man in Ländern wie den USA und Großbritannien auf gemischte Teams. Deshalb zieht es auch immer mehr Geisteswissenschaftler ins Ausland. Dort zählen die fachlichen Qualifikationen viel, die sozialen Kompetenzen und die Eigenmotivation aber noch mehr. "Train for skills, hire for attitude" lautet dort der Schlachtruf beim Kampf um die Talente.

Alumnus Daniel G. Boyé (29)

Alumnus Daniel Boyé (29) studierte Social Sciences und Kommunikationswissenschaften und ist heute Business Development Manager in England und Deutschland:
"In England zählen vor allem das Individuum und die Selbstverantwortung."

Alumnu Stefanie Schnöring (29)

Alumna Stefanie Schnöring (29) studierte Germanistik und promovierte über Unternehmenskultur:
"BWLer arbeiten perfekter, aber Geisteswissenschaftler origineller."


Einstieg auch ohne Spezialwissen
Alumnus Daniel G. Boyé (29) hat seinen Bachelor of Social Sciences in Düsseldorf und einen Master of Arts in Brisbane, Australien, gemacht. Er pendelt heute als Business Development Manager für den britischen Anbieter von Kommunikationsinfrastruktur "VT Group plc" zwischen London und Köln. Ein Job, der ihm viel technisches Wissen und Kenntnisse über den Regulierungsmarkt abverlangt. Boyé: "Ich habe beim Jobinterview in London ganz offen gesagt, dass ich wenig Ahnung von Technik habe. Doch das war kein Problem. Mein Boss steckte mich in ein dreiwöchiges Intensivtraining, dann war ich in jobrelevanten Themen drin." Wie stellte er sich im Bewerbungsgespräch dar? "Natürlich waren grundlegende Fachkenntnisse über Mediensysteme, die ich in meinem Master erlernt habe, wichtig. Ich bin aber jemand, der nicht nur das Fachspezifische sieht, sondern sich gerne auch ein Gesamtbild macht. Außerdem konnte ich bei meiner Bewerbungsaufgabe, einer Präsentation, überzeugen. Damit habe ich schon Erfahrung im Studium gemacht."

Das Ergebnis zählt
Boyé sagt die britische Arbeitsweise sehr zu. Dort werde viel Wert auf Individuelles und Selbstverantwortung gelegt. Die Arbeitszeiten seien sehr flexibel, die Hälfte der Woche könne er ohne Probleme von zuhause arbeiten. Boyé: "In Deutschland wird noch immer viel Wert auf Büropräsenz gelegt. Nur wer als Erster kommt und als letzter geht, gilt als fleißig. In England zählt vor allem das Ergebnis." Inzwischen hat Boyé auch mehrere Angebote aus Deutschland bekommen, doch alle abgelehnt: "Die sind immer ganz erstaunt, wenn sie hören, was ich als Geisteswissenschaftler hier verdiene."

Promoviert und trotzdem praktisch
Alumna Stefanie Schnöring (29) studierte nicht nur Germanistik, sie promovierte sogar auch noch, obwohl sie damit bei vielen deutschen Unternehmen als überqualifiziert und vergeistigt gelten könnte. Ihr Thema "Kommunikation im Spiegel der Unternehmenskultur" ist immerhin unternehmensnah angelegt. Heute ist sie Projektmanagerin in einer Beratungsfirma für Finanzkommunikation. Sie konzipiert und entwickelt Geschäftsberichte für ihre Kunden, große Unternehmen. Schnöring: "Mein Studienschwerpunkt Linguistik hat mir sicher beim Berufseinstieg genützt. Als Qualitäten konnte ich Stilsicherheit im Reden und Präsentieren mitbringen, die ich im Umgang mit vielen Vertretern des oberen Managements brauche." Doch was hat ihr die Promotion für den Job gebracht? "Personaler sind oft skeptisch bei promovierten Geisteswissenschaftlern. Aber meiner Erfahrung nach finden meine anspruchsvollen Kunden das im Gegenteil sehr positiv." Einige Dinge musste sich Schnöring allerdings noch beibringen. Das war für sie aber keine unüberwindbare Hürde. Schnöring meint selbstbewusst: "BWL'er können perfekt mit PowerPoint präsentieren, aber Geisteswissenschaftler präsentieren dafür origineller."

Geisteswissenschaften in Zahlen
17 Studienbereiche und 96 Fächer zählt der deutsche Wissenschaftsrat zu den Geisteswissenschaften. 2005 nahmen 82.000 Studienanfänger ein Studium der Geisteswissenschaften auf. Das sind 23 Prozent aller 356.000 Studienanfänger. Ihre Zahl in den Geisteswissenschaften ist damit seit 1995 um 25 Prozent gestiegen, nicht ganz so stark wie die Zahl in den übrigen Fachrichtungen im selben Zeitraum (40 Prozent). Von den fast zwei Millionen Studierenden war im Jahr 2005 jeder Vierte (501.201) in einem geisteswissenschaftlichen Studiengang eingeschrieben.

Absolventenzahlen
Die Geisteswissenschaftler machen einen zunehmenden Anteil unter den Hochschulabsolventen aus. 2005 waren 54.000 der 252.000 deutschen Hochschulabsolventen Geisteswissenschaftler, das heißt 22 Prozent der Absolventen des Jahres 2005. 1995 waren es erst 41.000 oder 18 Prozent aller Absolventen. Das Bild der Geisteswissenschaften in der Öffentlichkeit wird bestimmt von wenigen, großen Fächern. Die höchsten Studierendenzahlen verzeichnen Germanistik (93.000 Studierende), Anglistik (49.000) und Geschichte (39.000). Sehr kleine Studentenzahlen weisen zum Beispiel die außereuropäischen Sprachen, Altphilologien, die Slavistik und die Religionswissenschaften auf.

Zwei Drittel sind Frauen
Geisteswissenschaftliche Fächer werden vorwiegend von Frauen studiert. Mehr als zwei Drittel der Studierenden der Geisteswissenschaften sind weiblich, 72 Prozent der Absolventen sind Frauen (2005). In den anderen Fachrichtungen ist die Relation genau umgekehrt: Dort sind 60 Prozent der Studierenden und 57 Prozent der Absolventen männlich. Doch unter den Professoren haben sich die Frauen noch nicht durchsetzen können: Von vier Professorenstellen in den Geisteswissenschaften ist im Durchschnitt eine mit einer Frau besetzt. Das sind 2.186 Professorinnen in den Geisteswissenschaften (2005). Das ist angesichts der Absolventinnenzahlen sehr wenig, aber immer noch überdurchschnittlich. Nu 14 Prozent der Professoren in anderen Fachbereichen sind weiblich.

International vernetzt
Die Internationalität der deutschen Geisteswissenschaften kommt nicht zuletzt darin zum Ausdruck, dass zum Beispiel in den Austauschprogrammen der Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH) Geisteswissenschaftler überproportional häufig vertreten sind. Mehr als 20 Prozent der Stipendiaten der AvH sind Geisteswissenschaftler, bei den Stipendiaten aus Nordamerika sogar ein Drittel, aus Westeuropa 37 Prozent. Bereits während des Studiums gehen Studenten der Geisteswissenschaften häufiger als ihre Kommilitonen aus anderen Fächern zu einem Studienaufenthalt ins Ausland.

Quelle: www.abc-der-menschheit.de

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