Jobeinstieg mit dem Bachelor
Vorurteil und Wahrheit über Bachelor-Absolventen
Mit jedem Abschlussjahrgang wächst die Zahl derjenigen, die sich mit einem Bachelor bei den Unternehmen bewerben. Und die hatten seit 1999 Zeit, sich auf diese Situation einzustellen. Trotzdem bestehen viele Vorurteile weiter. Vielleicht, weil sie einen wahren Kern haben? Eine Spurensuche mit der Unterstützung von zwei Unternehmensberatern.
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"Der Bachelor-Bluff", "Quo vadis, Bachelor", "Bachelor-Studium eine Sackgasse" - so lauten auch heute, neun Jahre nach Bologna, noch die Zeitungsüberschriften. Fragt man allerdings bei den großen Unternehmen nach, ist die Stimmung gegenüber dem Bachelor weit positiver als noch vor zwei oder drei Jahren. Warum das so ist, wird in einem Gespräch mit Andreas Nienhaus und Roman Sitte von der Managementberatung Oliver Wyman deutlich.
Roman Sitte studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München Politische Wissenschaften - auf Magister. Heute kümmert er sich neben seiner Beratertätigkeit als Verantwortlicher im Recruiting-Marketing darum, dass sich auch Bachelor-Absolventen bei Oliver Wyman bewerben.
Andreas Nienhaushat ein Bachelor-Studium in BWL an der European Business School in Oestrich-Winkel absolviert. Er profitierte vom Direkt- einstiegsprogramm für Bachelor-Absolventen bei Oliver Wyman und ist heute Berater im General Management Consulting.
Bachelor sind einfach noch zu jung für einen Job
G8, Abitur mit 18. Nicht wehrpflichtig. Dann ein sechssemestriges Bachelor-Programm. Und schon hat irgendein glücklicher Personaler die Unterlagen eines 22-jährigen Bewerbers auf dem Schreibtisch, der angeblich bereits berufsqualifiziert und mit Supernoten auch in den Soft-Skill-Seminaren jobfit ist. Welchem Kunden kann man einen 22-Jährigen als vollwertigen Mitarbeiter verkaufen? Und mit Schaudern stellt sich der Personaler vor, wie der Jungspund sein Team aus reifen Managern durch alberne Witzchen in peinliche Situationen bringt.
Natürlich sind die meisten jungen Erwachsenen mit Anfang zwanzig genau das: junge Erwachsene. Wer sein Studium in so kurzer Zeit durchstand, der hat zumindest Biss, Ehrgeiz und Organisationstalent bewiesen. Dennoch stellt sich die Frage, ob eine nur 22-jährige Charakterbildung und Lebenserfahrung genügen können.
Herr Sitte, Herr Nienhaus, sehen Sie ein Problem bei der Akzeptanz durch den Kunden, wenn Sie so junge Berater zu ihm schicken?
Roman Sitte: Lassen Sie mich vorwegschicken, dass dies generell weniger eine Frage des Alters, sondern des Auftretens ist. Der Kunde sagt ja nicht am ersten Tag: Und, wie alt sind Sie? Im weiteren Projektverlauf muss der Berater dann fachlich überzeugen; da ist es zweitrangig, ob er 22 ist oder 28.
Andreas Nienhaus: Das Thema Akzeptanz junger Berater ist eine spannende Frage - aber keine, die bachelorspezifisch wäre. Sie stellt sich generell beim Einstieg in die Unternehmensberatung. Auf zwei, drei Jahre mehr oder weniger kommt es dabei nicht so sehr an; es herrscht meist ohnehin ein großer Altersunterschied zum Kunden.
Hatten Sie selbst je das Problem, dass ein Kunde Sie wegen des Alters nicht akzeptiert hat?
Andreas Nienhaus: Sicher gibt es kritische Kunden, die sagen: Ich bin seit 30 Jahren in diesem Unternehmen, und da kommt jemand frisch von der Uni... Das ist ja auch verständlich und richtig. Hier ist es dann die Aufgabe eines guten Beraters, durch Methodenkompetenz und Fachwissen zu überzeugen.
Roman Sitte: Man muss auch bedenken, dass aus Sicht eines 60-jährigen CEOs jeder Absolvent jung ist - egal ob Bachelor oder zwei Jahre älterer Diplom-Student.
Müssen die jungen Bewerber letztendlich noch besser sein als ältere Absolventen, um das wettzumachen?
Roman Sitte: Natürlich müssen wir bei der Auswahl sehr junger Bewerber noch stärker auf überzeugendes Auftreten achten. Manche Absolventen treten mit 25 auf wie ein 22-Jähriger, manche 22-Jährigen sind wie andere mit 25. Häufig sehen wir zwar Potenzial bei Bewerben, müssen aber trotzdem eine Absage erteilen - nur so werden wir den hohen Ansprüchen unserer Kunden und damit auch den Anforderungen an unsere Berater gerecht.
Es gibt bei Oliver Wyman jedoch auch zahlreiche junge Absolventen, die uns bei der Bewerbung überzeugt haben und denen der Direkteinstieg dann auch gut gelingt. Hier die Richtigen auszuwählen, ist eine unserer Kernaufgaben in der Nachwuchsrekrutierung, die wir auch sehr ernst nehmen. Die gesuchten Kandidaten sind aber natürlich nicht Durchschnitt, wir reden hier von absoluten Top-Studenten.
Bachelor-Absolventen besitzen nicht genug Fachwissen für einen Jobeinstieg
Der Deutsche Hochschulverband hat erst jüngst wieder die Qualitätsunterschiede zwischen den einzelnen Bachelor-Programmen scharf kritisiert. So viel, möchte man sagen, also zum Thema "Vergleichbarkeit der Leistung". Einige Hochschulen haben tatsächlich den Stoff eines Diplomstudiengangs in das Bachelor-Korsett gezwängt, das nun hinten und vorne kracht und reißt. Andere haben einen "Light"-Studiengang entworfen, der nicht fett-, aber inhaltsarm ist und Absolventen mit legerem Halbwissen auf den Markt entlässt.
Herr Nienhaus, haben Sie sich durch Ihren Bachelor-Studiengang ausreichend vorbereitet gefühlt auf den Jobeinstieg?
Generell ist das Bachelor-Studium so angelegt, dass es dieselbe Wissensbreite abdeckt wie ein Diplom-Studium - lediglich die Vertiefung erfolgt weniger intensiv. Das bedeutet, wenn ein Bachelor in den Beruf einsteigt, findet er sich durchaus in der Praxis zurecht.
Es wäre jedoch übertrieben, wenn ich sagen würde, dass ich der Herausforderung beim Jobeinstieg völlig entspannt entgegen gesehen hätte. Aber ich habe mich natürlich darauf gefreut, war neugierig und wusste ja, dass ich im Job kontinuierlich weiterlernen werde.
Und was meinen Sie, Herr Sitte? Sind die Bachelor-Studenten fit für den Job?
Das hängt wie erwähnt vom Individuum ab. Es ist ein großer Vorteil des Bachelor-Studiums, dass der Transfer von der Theorie in die Praxis früher erfolgt. In den bisherigen Abschlüssen war man sehr lange akademisch mit einer Thematik befasst, bevor sie in der Realität Anwendung fand.
Ohne Master ist der Bachelor nichts wert
Wer BWL studiert, der kann nach dem Bachelor in den Job starten. Allerdings meist nur in einem Trainee-Programm - und das impliziert ja bereits, dass er noch "nachtrainiert" werden muss, dass sein Studium nicht ausreicht (zur Widerlegung dieses Vorurteils mehr auf Seite 2). Wer aber eine Ingenieurwissenschaft studiert, der kann sich das Porto für eine Bewerbung gleich schenken und die paar Cent in sein Master-Studium stecken. Ohne das, so die gängige Meinung, hat er auf dem Jobmarkt nämlich ohnehin keine Chance.
Herr Sitte, ist der Master oder MBA ein Muss?
Da muss jeder seinen eigenen Weg finden. Viele unserer Berater entscheiden sich nach einigen Jahren im Beruf für einen MBA, einen Master oder auch eine Promotion. Andere sagen: Ich lerne so viel in den Projekten, dass eine akademische Weiterbildung für mich momentan nicht reizvoll ist - das ist auch in Ordnung. Wir bieten bei Oliver Wyman alle Möglichkeiten und diskutieren sie gemeinsam mit den Mitarbeitern. Außerdem steht jedem Berater ein persönlicher Advisor als Karriere-Coach zur Seite.
Letztendlich hat bei uns jeder die Freiheit, seinen individuell richtigen Weg zu finden und zu gehen - wir sind überzeugt, dass dieser Ansatz auch das beste Ergebnis für die Firma liefert.
Gilt diese Entscheidungsfreiheit nur für BWL-Absolventen? Bei den Ingenieuren sind die Vorurteile, das Bachelor-Studium würde nicht ausreichend Wissen vermitteln, ja noch größer.
Andreas Nienhaus: Grundsätzlich konnten wir mit dem BWL-Bachelor am meisten Erfahrung sammeln, da dieser am frühesten umgesetzt wurde. Es gibt aber keinerlei Beschränkungen, im Gegenteil. Ein Ingenieurs-Bachelor, der zwei Jahre arbeitet und dann einen MBA draufsattelt - das ist für mich schon nahe an der optimalen Ausbildung. Zusätzlich machen bei Oliver Wyman Nicht-Wirtschaftswissenschaftler in jedem Fall erst einmal ein vorbereitendes Mini-MBA-Training. Den Rest lernen sie dann mit ihrem Projektleiter und kontinuierlich "on-the-job".
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