von Kay Szantyr

Einstiegschancen für Bachelor-Absolventen

Erst hochgelobt, dann ungeliebt?

Wieder und wieder wurden der Öffentlichkeit von Verfechtern des Bologna-Prozesses dessen Vorteile eingehämmert: Bachelor-Absolventen starten früher in den Job und sind damit international konkurrenzfähig. Ebenso stoisch kamen die Gegenargumente: Sie sind zu jung, zu schlecht ausgebildet, die Wirtschaft will sie nicht. Ist das Jammern gerechtfertigt?


So mancher Spruch Goethes ist heute so aktuell wie vor 200 Jahren. "Amerika, du hast es besser" könnte auch ein Bachelor-Absolvent sagen, der hierzulande kein Jobangebot erhält. In den USA starten nämlich die meisten jungen Leute direkt nach dem Bachelor in den Job - schließlich haben sie ja je nach Fach bereits vier bis fünf Jahre studiert. Die Unternehmen erkennen das an und finden es ganz normal, Bachelors einzustellen.

Wehklagen ohne Wahrheitsgehalt?

In Deutschland mussten sich die ersten Bachelor-Absolventen dagegen erst mühsam behaupten. Initiativen wie "Bachelors welcome", die 2004 von zahlreichen großen Unternehmen unterzeichnet wurde, waren damals tatsächlich nicht viel mehr als ein Lippenbekenntnis. So entwickelte sich eine große Skepsis der Studenten gegenüber dem Bachelor - und die ist beständig. Auch heute sind über die Hälfte der Studierenden der Meinung, dass nach dem Bachelor am besten gleich den Master dranhängen sollte, wer Karriere machen will.

"Bachelors welcome" ist eine Erklärung, die 50 Personalmanager großer deutscher Unternehmen im Juni 2004 unterzeichneten, zum Beispiel die Deutsche Bahn, die Deutsche Telekom oder BMW. Mit dieser Initiative verpflichteten sie sich, Einstiegsmöglichkeiten für Bachelor-Absolventen zu schaffen.

"More Bachelors and Masters welcome" war die Folgeerklärung im Jahr 2006. Sie wirkte ein wenig ernüchtert - und forderte zum Beispiel von den Unis, die Studenten besser auf den Job vorzubereiten. Unterzeichner waren unter anderem BASF, Vattenfall, E.ON und Siemens.

Ein differenzierter Markt

Aber stimmt das wirklich? Seit einigen Jahren setzt sich auch in den Unternehmen die Erkenntnis durch, dass Bologna nicht mehr abzuwenden ist. Lange sah es so aus, als würden die Widerstände vieler Unis eventuell Früchte tragen und die Beschlüsse zumindest aufgeweicht werden - Modell "Rechtschreibreform". Tatsächlich verläuft in einigen Fächern und Regionen die Umstellung noch immer so schleppend, als stünde das "finale Umstellungsdatum", nämlich das Wintersemester 2009/10, nicht vor der Tür. So wird Bayern seinem konservativen Ruf gerecht und hat erst rund die Hälfte der Studiengänge geändert. Bundesweit sieht es vor allem bei den künstlerischen und sozialwissenschaftlichen Fächern mager aus, was die Bachelor-Angebote angeht.

Die Wiwis waren die ersten

Bei den Wirtschaftswissenschaften dagegen sind schon über 90 Prozent der Studiengänge umgestellt worden. Da diese Fächergruppe auch als eine der ersten Bachelor-Programme anbot, haben die Unternehmen heute am meisten Erfahrungen mit Bachelor-Absolventen aus BWL und VWL. Die Folge: Wirtschaftswissenschaftlern bieten sich bereits viele Chancen, direkt nach dem ersten Abschluss in die Karriere zu starten.

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Die meisten dieser Angebote stammen aus der Unternehmensberatung und Wirtschaftsprüfung. Der sprunghafte Anstieg der Direkteinstiegs-Optionen in den letzten Monaten zeigt exemplarisch, wie der Markt funktioniert - und auch, wie schnell er reagiert. Wenn einer der Platzhirsche der Branche entsprechende Angebote verbreitet, müssen die Konkurrenten nachziehen oder sogar noch eins draufsetzen: "War for talent" at its best.

Die Finanzbranche: Spezialisierung im Unternehmen

Was bei den Beratern funktioniert, hat sich langsam auch auf den Finanzsektor ausgebreitet. Auch hier besteht nämlich die Möglichkeit, dass die Unternehmen ihren Nachwuchs selbst spezifisch für ihre Bedürfnisse weiterbilden - und damit sogar besser fahren, als wenn sie einen zwar spezialisierten, aber "unternehmensfremden" Master-Absolventen einstellen. Ein wenig polemischer formuliert: Bachelor-Absolventen sind, nicht zuletzt aufgrund ihres geringeren Alters, formbarer - und damit Wachs in den Händen des Unternehmens.

...oder doch verschiedene Märkte?

Für die Branchen, die vor allem BWLer und VWLer suchen, ist diese Methode geeignet. Wer sich mit Forschung und Entwicklung auseinandersetzt, wird weniger gut damit fahren. Pharma- oder Chemiekonzerne stellen daher vor allem Wirtschaftswissenschaftler mit Bachelor ein; bei Ingenieuren und Naturwissenschaftlern wird dann doch eher ein Master erwartet. Das Fachwissen, das diese Absolventen nach dem Bachelor mitbringen, ist einfach zu gering für die anspruchsvolle Forschung.

Eine Frage der Klasse

Auch unterhalb der Branchenriesen funktioniert diese Form des Wettbewerbs noch nicht. Zum Teil mag das daran liegen, das international tätige Unternehmen in anderen Ländern - vorrangig den USA - bereits positive Erfahrungen mit Bachelor-Absolventen gesammelt haben. Der Mittelstand geht lieber auf Nummer sicher und wählt Diplom statt Bachelor. Wer jedes Jahr nur drei, vier neue Mitarbeiter einstellt, muss sichergehen können, welches Fachwissen er bekommt. Bei 300 oder 400 Neueinstellungen lässt sich ein "Fehlgriff" leichter verschmerzen. Vielleicht ist der Mittelstand in diesem Punkt aber auch einfach nicht der "Innovationsmotor", als der er gerne dargestellt wird.

Die Gretchenfrage: Praktikant oder Mitarbeiter?

Natürlich gibt es auch bei der Frage nach der Akzeptanz des Bachelors Graustufen. Es geht nicht nur darum, ob generell Absolventen mit dem ersten akademischen Abschluss eingestellt werden oder nicht. Die Frage ist auch, wie diese Absolventen anschließend im Unternehmen untergebracht werden. Gibt es spezielle Trainee-Programme? Erhalten die Einsteiger einen unbefristeten Vertrag? Besteht die Verpflichtung, nach einiger Zeit einen Master zu absolvieren? Hier setzt, wie so oft beim Thema Bachelor, lautes Wehklagen ein - und das oft zu Recht. Denn wer seine Trainees wie bessere Praktikanten behandelt, hat nicht anderes verdient als stetes Jammern und Zähneknirschen auf den Firmenfluren.