Deutschlandstipendium
Wer hat, dem wird gegeben?
300 Euro monatlich - darüber sollen sich zehn Prozent der Studenten in Deutschland ab dem Wintersemester 2010 freuen können. Laut Gesetzesentwurf wird mit dem Deutschlandstipendium die "Erschließung neuer Begabungsreserven" gefördert. Aber reichen die Finanzreserven des Bundes überhaupt aus, um das Programm zu finanzieren?
Die Theorie klingt plausibel: Deutschland wird künftig unter akademischem Fachkräftemangel leiden. Ein Studium ist teuer, und gerade junge Leute aus nicht-akademischen Elternhäusern oder mit Migrationshintergrund schrecken angesichts der finanziellen Belastung zu schnell davor zurück. Wie erleichtert man dem Führungsnachwuchs also die Entscheidung für die Uni? Genau: Mit einer monatlichen Finanzspritze. So weit, so gut.
Der Plan: Unternehmen investieren in Studenten
Der Plan sah so aus: Jeweils 25 Prozent des Geldes sollten Bund und Länder beisteuern. Die andere Hälfte sollte die Wirtschaft zahlen, damit die Unternehmen schon heute in ihren Nachwuchs von morgen investieren. Die Hochschulen sollten die Unternehmensbeiträge eintreiben.
Die Wirklichkeit: Unis fürchten Bürokratie
Doch die Unis sehen eine gewaltige Bürokratiewelle auf sich zurollen, die sie gar nicht bewältigen können. Hochschulen in strukturschwachen Regionen fürchten zudem, dass sie gegenüber wirtschaftlich starken Gegenden im Nachteil sind. Sie glauben, wesentlich weniger Gelder einzuwerben und somit auch weniger Stipendien vergeben zu können.
Großes Geschenk für die Länder
Andere Hochschulen hoffen, bei der Spendenakquise nicht nur auf die Wirtschaft angewiesen zu sein (Interview auf Seite 2). Die Bundesländer waren lange gegen das Programm und drohten damit, den Gesetzesentwurf im Bundesrat scheitern zu lassen. Um sich die Zustimmung des Bundesrates dennoch zu sichern, machte die Regierung den Ländern ein großes Zugeständnis: Statt der ursprünglich geplanten 25 Prozent, sollen die Hochschulen nur noch die Verwaltungskosten des Programms tragen. Den Anteil der Länder übernimmt nun der Bund.
Reine Elitenförderung?
Das neue Stipendienmodell wird von vielen Bundesländern und der Opposition im Bundestag als reine Elitenförderung kritisiert. Das Geld komme den Falschen zu Gute und solle lieber in eine zusätzliche BAföG-Erhöhung investiert werden. Bundesbildungsministerin Annette Schavan hingegen befürwortet das Stipendienprogramm. Ihrer Ansicht nach wird es Zeit, dass Deutschland mit einem umfangreichen und einkommensunabhängigen Stipendienprogramm mehr junge Leute zum Studieren ermutigt.
Kein Geld trotz neuem Gesetz?
Im vom Bundesrat verabschiedeten Gesetz steht zwar noch, dass die Länder mit 25 Prozent an den Kosten beteiligt sind, doch dies soll durch eine Gesetzesänderung im Herbst geändert werden. Warum sich trotz des neuen Gesetzes vermutlich wesentlich weniger Studierende über 300 Euro monatlich freuen dürfen und weitere Infos zum Deutschland-Stipendium erfährst du hier.
BAföG: eigentlich dafür...
Die BAföG-Empfänger gehen übrigens leer aus. Auf dem Bildungsgipfel Anfang Juni in Berlin galt die Erhöhung der Ausbildungsbeihilfe von derzeit maximal 648 Euro pro Monat um zwei Prozent auf 670 Euro monatlich noch als sicher. Im Durchschnitt erhielte jeder der rund 250.000 BAföG-Empfänger so 13 Euro mehr im Monat. Zusätzlich sollte auch die Altersgrenze von 30 auf 35 Jahre erhöht werden. So wollte man Studenten, die nach dem Bachelor einige Jahre Berufserfahrung sammeln, den Wiedereinstieg in einen Master erleichtern.
..aber doch lieber abgelehnt
Mit der Ablehnung der Erhöhung wollen die Länder den Bund nun weiter unter Druck setzen und fordern, dass er wie beim Stipendienprogramm weitere Kosten übernimmt. Momentan zahlen die Länder 65 Prozent des BAföG, während der Bund sich mit 35 Prozent beteiligt. Experten kritisieren die Ablehnung der BAföG-Erhöhung mit der Begründung, dass Bund und Länder ihre Streitigkeiten auf diese Weise auf dem Rücken bedürftiger Studenten austragen, die eine finanzielle Unterstützung wirklich benötigen. Mit der Diskussion um die BAföG-Erhöhung beschäftigt sich nun der Vermittlungsausschuss.
Die Fakten: das Deutschlandstipendium im Überblick
- Für wen? 160.000 Studenten - das sind zehn Prozent aller Studierenden in Deutschland.
- Wie viel? 300 Euro monatlich
- Ab wann? In NRW läuft das Programm bereits, in allen anderen Bundesländern startet es zum Wintersemester 2010/2011.
- Wer zahlt? 50 Prozent zahlt der Bund, die andere Hälfte soll durch Spenden aus der Wirtschaft finanziert werden. Die Hochschulen tragen die Verwaltungskosten.
Finanzspritze nach dem Matthäusprinzip?
Über die soziale Gerechtigkeit der Stipendien wird heftig gestritten. Während das Gesetz betont, dass benachteiligte Studenten profitieren sollen, glauben Kritiker, dass das Programm eher eine Finanzspritze nach dem Matthäusprinzip ist: Wer hat, dem wird gegeben. Denn die Stipendien werden nach Leistung verteilt. Da sind Studierende aus gut situierten Elternhäusern oft im Vorteil, denn sie müssen ihr Studium meist nicht selbst finanzieren und können lernen, statt zu jobben.
Lieber BAföG als Stipendium?
Wer sein Studium ganz oder teilweise selbst finanziert, hat oft wesentlich weniger Zeit zum Lernen und schreibt so vielleicht nicht immer gute Noten. Die Chance, dass diese Studenten unter die zehn besten Prozent ihres Jahrgangs fallen, ist also geringer als die Chance ihrer Kommilitonen aus gut situierten Familien. Kritiker fordern daher weiterhin die BAföG-Erhöhung, da die Ausbildungsbeihilfe nach sozialen Kriterien vergeben wird.
Gehen Geisteswissenschaftler leer aus?
Auch die Verteilung der Stipendien wird kritisiert: Denn die Unternehmen wollen nicht nur zahlen, sondern auch entscheiden, wer ihr Geld bekommt. Darf's eine Uni sein oder lieber eine FH? Sozial- oder eher Naturwissenschaftler? Im Nachteil sind hier die Geisteswissenschaftler, die in der Wirtschaft naturgemäß seltener gebraucht werden als Mathematiker, Juristen, Physiker oder Betriebswirte. Aus Sicht der Unternehmen ist es absolut nachvollziehbar, dass sie ihr Geld in den Nachwuchs investieren, von dem sie später auch profitieren. Doch Kritiker fürchten, dass sich Abiturienten bei der Wahl ihres Studiums künftig eher nach den Chancen auf ein Stipendium, als nach ihren persönlichen Neigungen richten.
Kein Geld für Erstsemester?
Die Unternehmen können sich auch dafür entscheiden, ihr Geld ausschließlich Studenten ab einer bestimmten Semesterzahl zur Verfügung zu stellen. So laufen sie nicht Gefahr, Studienanfänger zu finanzieren, die möglicherweise nach ein oder zwei Semestern noch einmal das Fach wechseln.
Ingenieure profitieren, Geografen verlieren
In Nordrhein-Westfalen ist das Stipendienprogramm bereits im letzten Semester angelaufen. Eindeutiger Sieger: die Ingenieure. An der Uni Duisburg-Essen gab es beispielsweise insgesamt 140 Stipendien, von denen 45 an Ingenieurwissenschaftler vergeben wurden. Studienanfänger waren von der Förderung ausgeschlossen. Auf Platz zwei und drei folgten die Betriebswirte (25 Stipendien) und die Wirtschaftswissenschaftler (14 Stipendien). Noch weniger Stipendien als für Geistes- (3) und Gesellschaftswissenschaftler (2), gab es lediglich für Biologen und Geografen (1). 26 der Stipendien wurden fachunabhängig vergeben.

11.01.2012 16:52
Hallo Friederike,
danke für deinen Kommentar.
Natürlich hast du Recht, dass zu einem aktuellen Artikel auch ein Datum gehört. Deshalb haben wir es nachträglich nun auch noch eingefügt, damit der Text in Zukunft leichter einzuordnen ist.
Viele Grüße
Judith
07.01.2012 10:49
Ein Artikel sollte stets nicht nur auf den Autoren verweisen, sondern auch ein Veroeffentlichungsdatum haben (insbesondere, wenn er nicht wissenschftlich Zeitloses behandelt sondern Bezuege zu einem realen Geschehen herstellt). Letzteres kann ich in diesem Artikel nicht finden und empfinde den Artikel als dementsprechend unwissenschaftlich.