von Lukas Oldenburg

Demografischer Wandel

Generation "Schrottpresse"

Stellt man die Frage nach dem "Wort des Jahres" 2006, so dürfte der "demografische Wandel" gute Chancen haben. Denn spätestens seit Verkündung der niedrigsten Geburtenrate in der deutschen Geschichte diskutieren Experten in allen Medien über bisweilen geradezu apokalyptische Zukunftsszenarien. Bei aller Hysterie bleibt unbestreitbar: Es gibt immer mehr ältere und immer weniger jüngere Deutsche. Doch was konkret bedeutet das außer der Rente ab 67 für Studenten, die in den nächsten Jahren in den Arbeitsmarkt eintreten werden?

Seit Jahrzehnten steigt die Lebenserwartung der Deutschen. Doch "Hurra, wir leben noch länger!" schreit kaum keiner. "Wer soll das bezahlen?" lautet die Parole. Denn es kommen keine Kinder nach. Die Debatte, die nun seit einigen Monaten in allen Medien entflammt ist, hätte in dieser Intensität problemlos bereits zwanzig Jahre früher stattfinden können. Ins breite öffentliche Bewusstsein rückte die Problematik aber erst, als Vizekanzler Franz Müntefering die Rente ab 67 durchgesetzt hatte. Kein Tag vergeht seither ohne einen Zeitungsartikel zu Überalterung, Vergreisung und Pflegekrise.

Die Deutschen sterben aus – Zeit, sich vorzubereiten!
"Deutschland schwelgt mal wieder in Untergangsstimmung", beobachtet Stefan Bergheim von Deutsche Bank Research. Vorbei sind die Zeiten, in denen Überbevölkerung und aus den Nähten platzende Großstädte mit unchristlichen Wohnungspreisen noch ein Thema waren. "Die Deutschen sterben aus", liest man immer wieder. Laut einer regional vergleichenden Studie des Berlin-Instituts sollen wir uns nun statt auf "blühende" auf gottverlassene Landschaften vorbereiten. Doch nicht alle sehen dem so trist entgegen: Josef Joffe, ehemaliger Chefredakteur der ZEIT, freut sich auf Waldspaziergänge mit "Bären, Wölfen, Bibern und Auerhähnen." Und die britischen Boulevardmedien schreiben provokant: "Endlich! Warum nicht hundert Jahre früher?"

Von der Pyramide zum umgedrehten Tannenbaum: Entwicklung der
Altersverteilung in Deutschland
(Klicke auf ein Diagramm, um es zu vergrößern)

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1950|2005|2050
(Quelle: Statistisches Bundesamt)|.|.

Zeittafel: Was passiert wann?

  • 2009: letzte Möglichkeit, Altersteilzeit zu beanspruchen
  • 2012: Renteneintrittsalter wird von 65 schrittweise bis 2029 auf 67 angehoben
  • ab 2016: Zahl der Hochschulabsolventen nimmt stetig ab
  • ab 2020: Babyboomer-Jahrgänge gehen in Rente
  • 2029: Rentenbeginn frühestens ab 67


Apokalyptische Prophezeiung oder sachliche Prognose?
In der entstandenen Hysterie um das Thema ist es schwer geworden, die Grenze zu ziehen zwischen sachlich fundierten Prognosen und schwarzseherischen Weltuntergangsszenarien. Doch bei aller Ungewissheit herrscht in einem Punkt Einigkeit: Die Probleme, die sich aus der Bevölkerungsentwicklung ergeben, werden in der Tat nicht einfach zu bewältigen sein. Zwar sterben die Deutschen nicht aus, aber bis 2050 soll ihre Zahl laut Wirtschaftswoche von 74,6 im Jahr 1998 (ohne Zuwanderer) auf 62,3 Millionen im Jahr 2030 und auf 49 Millionen im Jahr 2050 zurückgehen. Die einzige Linderung ist durch gestiegene Zuwandererzahlen – bis 2050 sollen es insgesamt 17,4 Millionen sein – zu erwarten.

Milliardengrab Rentenversicherung
Die schlimmste aller Prognosen aber betrifft die Sozialsysteme. Unbezahlbar sollen diese werden, Pflege- und Rentenversicherung sich für Einzahler als Milliardengräber entpuppen. Laut Statistischem Bundesamt wird 2050 jeder Dritte über 60 Jahre alt sein. Bereits jetzt sind die Deutschen durchschnittlich 42,6 Jahre alt, die Chinesen bringen es auf gerade einmal 32,7 Jahre. Um die anstehende, oft verächtlich als "Rentnerschwemme" bezeichnete Entwicklung auch nur annähernd finanzieren zu können, werden junge Berufstätige in Zukunft immer tiefer in die Tasche greifen müssen. Über 25 Prozent ihres Lohnes, so die Schweizer Beratungsgesellschaft Prognos, würden ab 2030 allein in die Rentenversicherung fließen; derzeit sind es durchschnittlich rund 18 Prozent.

Die "Schrottpressengeneration"
Dazu kommt dann wie selbstverständlich noch die private Absicherung, da bei den entstehenden Billionenlöchern in den Staatskassen von der gesetzlichen Rente nicht mehr viel übrig bleiben wird. "Die Generation über uns nennt sich Sandwich-Generation, weil sie schon so stark belastet ist. Meine Generation ist die Schrottpressengeneration: Druck von allen Seiten", klagt der 20-jährige Pawel Kuschke in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er will sich des Generationenvertrages entziehen und auswandern.

Martin

"Ich erwarte keine revolutionären Veränderungen."

Wie beurteilen e-fellows die Folgen des demografischen Wandels? Wir sprachen mit Martin (25). Er studiert Jura an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Dort hat er gerade sein erstes Staatsexamen abgelegt.

Ist der demografische Wandel ein Thema, das dich beschäftigt? Welche Hoffnungen oder Befürchtungen verbindest du damit?
Im Grunde beschäftigt mich dieses Thema im täglichen Leben nicht. Allerdings ist mir schon bewusst, dass der demografische Wandel auf mein Leben Einfluss hat. So bin ich mir sicher, dass ich für meine Rente selbst vorsorgen werden muss. Außerdem werden sich bestimmt berufliche Chancen für mich ergeben, wenn ein Großteil der jetzt arbeitenden Bevölkerung aus dem Berufsleben altersbedingt ausscheidet. Im Großen und Ganzen erwarte ich aber keine revolutionären Veränderungen.

Juristen gehen selten früher in den Ruhestand. Auf dich warten mit der Rente ab 67 jetzt 42 Jahre Arbeit. Kann man das durchhalten?
Die Frage ist falsch formuliert. Ich glaube kaum, dass es mir leicht fallen wird, mit 67 in Rente zu gehen. Ich hätte nichts dagegen, sogar noch ein paar Jährchen draufzulegen.

Junge Talente sollen in Zukunft knapper werden, durch die anstehenden Verrentungswellen andererseits immer gefragter.
Ich kann mir vorstellen, dass es in Zukunft wieder leichter werden kann, in den Staatsdienst einzusteigen. In der freien Wirtschaft wird mit fortschreitendem demografischen Wandel aber der Druck der Konkurrenz aus dem Ausland zunehmen. Ich gehe daher davon aus, dass sich die Konkurrenz für Top-Positionen für deutsche Absolventen in mittlerer Zukunft trotz des demografischen Wandels eher verstärkt.

Junge Führungskräfte sollen zukünftig vermehrt ältere Mitarbeiter unter sich haben. Glaubst du, du kämst damit klar, einem 20 Jahre Älteren zu erklären, was er falsch macht?
Ja. Es kommt auf die Form des Umgangs miteinander an. Wichtig ist gegenseitiger Respekt. Sofern man selbst gut ausgebildet ist, dem Älteren zuhört und aus seiner Erfahrung profitiert, dürfte die Führung kein echtes Problem sein.

Deutschland, deine Frührentner
Laut der OECD sind in der Bundesrepublik nur 38 Prozent der 55-64-Jährigen erwerbstätig. Andere Industriestaaten liegen im Schnitt rund zehn Prozent über den deutschen Werten. "Ranklotzen bis 55 und dann tschüss" nennt die Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) die Maxime der wohl typischsten deutschen Erwerbsbiographie. Die Praxis der Frühverrentung war auch gesellschaftlich nicht allzu negativ besetzt. Nicht zuletzt deshalb konnten Unternehmen es sich leisten, betriebliche Karrieren so zu gestalten, dass man den Arbeitnehmer nach seinen angeblich produktivsten Jahren ohne größere Probleme in den Vorruhestand schickte – besonders dann, wenn man gerade sowieso Arbeitsplätze abbauen musste. Die dadurch entstehende Mitarbeiterfluktuation erlaubt es aber insbesondere, immer neue Fachkräfte einzustellen und dabei von ihrer neuwertigen Ausbildung zu profitieren. Damit sparen die Unternehmen auch Geld: Sie müssen viel weniger in teure Weiterbildung von älteren Angestellten investieren.

Frührente - "sponsored by Bund"
Interessanterweise subventioniert der Staat diesen Brauch sogar in Form der wenig demografiefreundlichen Altersteilzeit, mit der sich das Arbeitspensum in den Jahren vor der Rente deutlich verringern lässt – mit umfangreichen steuerlichen Vergünstigungen, versteht sich. Erst 2009 geht die Altersteilzeitregelung selbst in Rente. Bis dahin wird sie nutzen, wer kann.

Der Bierbauch der Babyboomer
Da die meisten Unternehmen in den letzten Jahren nur wenige junge Leute eingestellt und viele Ältere entlassen haben, zeigen sich Altersverteilungsdiagramme von Belegschaften oft mit dickem Bauch: wenige sehr Alte, wenige Junge, es dominieren die Babyboomer-Jahrgänge! Diese altern nun quasi "en bloc": Der derzeit dicke Sockel von 35- bis 55-Jährigen ist bald zwischen 50 und 67 Jahren alt; und aus der Raute wird ein "umgedrehter Tannenbaum". Da man nun nicht mehr jeden über 55 in Frührente schicken kann, erwarten die Berufseinsteiger der Zukunft viele Veränderungen im Arbeitsalltag.

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Seite 4: Wie bereitet sich die Deutsche Telekom auf den demografischen Wandel vor? Und wieso könnte der befürchtete Fachkräftemangel den Konzern gar nicht so stark treffen? Wir sprachen mit Elke Sikkes, Referentin im Vorstands-Support. >>

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