von Elke Brandstetter

Beruf und Familie

Zwei Kinder und Karriere, bitte!

Wunsch, Wirklichkeit und Visionen - wie steht es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei den deutschen Top-Akademikern? Was wünschen sich sehr gute Studenten für ihre Zukunft zwischen Beruf und Familie? Wie kriegen Akademiker heute Kinder und Karriere unter einen Hut? Und was tun Unternehmen?

Zwei oder drei Kinder wollen sie später haben. Darin sind sich Jurastudentin Joanna, Studienanfänger Markus und Doktorand Stefan einig. Mit diesem Wunsch liegen sie im Trend: Der Großteil der Studenten, die an der e-fellows.net-Umfrage zur Familienplanung teilnahmen, wünscht sich zwei oder drei Sprösslinge. Elektrotechnik-Ingenieur Simon würden auch ein bis zwei Nachkommen reichen - geplant sind Kinder aber auf jeden Fall. Wie aber wollen die Top-Nachwuchskräfte ihren Nachwuchs mit der Karriere versöhnen? Wie sieht ihr Ideal von einem Leben zwischen Karriere und Familie aus? Und welche Schwierigkeiten fürchten sie?

e-fellow Markus (20) hat bis März 2008 seinen Zivildienst bei einer Kinder- und Jugendhilfeorganisaton geleistet. Im Herbst beginnt er seinen Bachelor in International Management an der ESB Reutlingen.

e-fellow Joanna (22) studiert Jura und würde später gerne in einer Wirtschaftskanzlei arbeiten. Sie fürchtet, dass sich ihr Traumjob langfristig nur schwer mit Kindern vereinbaren lässt.

Zusammenziehen, heiraten, Kinder kriegen

Laut Umfrage wollen Studenten um die 30 eine eigene Familie: Sie planen, mit zwischen 27 und 28 Jahren mit ihrem Partner zusammenzuziehen. Mit gut 30 Jahren folgen dann Hochzeit und Kinder. Auch Markus will mit Ende 20, Anfang 30 Vater werden: "In diesem Alter ist man noch belastbarer." Auch Joanna möchte am liebsten in diesem Alter eine Familie gründen. Sie will aber vor dem ersten Kind mindestens drei Jahre arbeiten gehen. Stefan sieht das ähnlich: "Optimal ist der Zeitpunkt, wenn beide Partner fertig mit der Berufsausbildung sind und drei oder vier Jahre gearbeitet und im Beruf Fuß gefasst haben."

e-fellow Stefan (28) promoviert an der ETH Zürich in Elektro- und Informationstechnik über medizinische Bildverarbeitung. Er bevorzugt bei der Familienplanung partnerschaftliche Lösungen.

e-fellows.net-Alumnus Simon (31) ist Elektrotechnik-Ingenieur und arbeitet in der Systementwicklung. Er hält Teilzeit und Co. für schwer vereinbar mit seinem momentanten Job.

Babypause: Mama und Papa kümmern sich abwechselnd

Wenn das Baby dann da ist, wollen die meisten eine Pause vom Beruf einlegen - und zwar Mama und Papa abwechselnd. Über die Hälfte der Umfrage-Teilnehmer will sich die Babypause mit dem Partner teilen. Markus' Ideal ist, dass sowohl er als auch die Partnerin je eineinhalb Jahre in Babypause gehen und das Kind so bis zum Kindergartenalter selbst betreuen.
 
Stefan und Simon wollen ihre Karrierechancen mit denen der Partnerin vergleichen, um zu entscheiden, wer am ehesten zu Hause bleiben kann. So denken nicht alle Männer: Drei von zehn Studenten erwarten, dass nur die Partnerin die Auszeit nimmt. Dazu sind aber nur 18 Prozent der Studentinnen bereit. Unter ihnen auch Joanna: "Wenn mein Partner auch ein paar Monate in Babypause gehen will, ist das aber okay." Nur zwölf Prozent der Studenten wollen gar keine Babypause einlegen und die Kinder möglichst früh in Fremdbetreuung geben.

Schnell zurück in den Beruf ...

Allzu lange Ausfälle müssen Arbeitgeber aber durch die Babypause trotzdem nicht fürchten: Sechs Monate auf den Beruf zu verzichten, können sich die Studenten zwar gut vorstellen. Auch ein Jahr nehmen sie größtenteils in Kauf. Ein bis drei Jahre wollen die meisten aber eher nicht zu Hause bleiben. Eine noch längere Pause kommt gar nicht in Frage. "Nach einem halben Jahr - maximal einem Jahr - ist man in meiner Branche wegen des technischen Fortschritts abgeschrieben", befürchtet Simon. Das sieht Stefan ebenso und hält es daher für klug, lieber früher und dafür in Teilzeit einzusteigen. Markus wäre hingegen unter Umständen bereit, auch zwei oder drei Jahre aus dem Beruf auszuscheiden: "Ich finde bestimmt auch nach längerer Babypause irgendeinen Job - vielleicht nicht den Job, den ich wollte, aber ich habe es sicher leichter als jemand ohne Studium."

... aus Furcht vor Schwierigkeiten beim Wiedereinstieg

Joanna sieht dem Wiedereinstieg ähnlich pessimistisch entgegen wie die beiden Techniker: "Man ist älter, man ist draußen, und die Stelle muss auch freigehalten werden. In den Wirtschaftskanzleien, die ich aus Praktika kenne, kommen die meisten Frauen nach einem guten halben Jahr zurück, ein Jahr ist das Maximum." Trotzdem will die Juristin so lange zu Hause bleiben, wie es aus psychologischer Sicht für eine vernünftige Mutter-Kind-Beziehung notwendig ist. Wie lange das ist? "Ich werde mich noch genauer informieren, aber ich gehe von mindestens einem Jahr aus."

Telearbeit oder Teilzeit?

Nach der Babypause würde Joanna gerne weitgehend von zu Hause aus arbeiten - dann auch gerne in Vollzeit. Außerdem wünscht sie sich Unterstützung durch eine Tagesmutter. Die zweitbeste Alternative: Teilzeitarbeit von 8 bis 14 Uhr und eine Kinderkrippe direkt im Unternehmen. Fremdbetreuung und Teilzeit sind auch unter den Umfrage-Teilnehmern beliebt: Für über drei Viertel sind Betreuungsplätze Voraussetzung dafür, überhaupt Kinder zu bekommen.
 
Von ihrem Arbeitgeber erwarten sie, dass er Teilzeit ermöglicht und sie mit flexiblen Arbeitszeiten unterstützt. Die stehen auch auf Markus' Wunschliste ganz oben: "Wenn ein Kind krank ist, muss ich auch kurzfristig zwei, drei Tage zu Hause bleiben können." Stefan würde nach der Babypause gerne in Teilzeit einsteigen: "Zuerst würde ich am liebsten mit meiner Frau abwechselnd zwei oder drei Tage in der Woche arbeiten gehen. Wenn das Kind dann im Kindergarten oder in der Schule ist, möchte ich wieder mehr arbeiten, aber so flexibel, dass ich noch genügend Zeit für die Kinder habe."

Fremdbetreuung: Für und Wider

Der Fremdbetreuung stehen sowohl Markus als auch Stefan skeptisch gegenüber. Markus misstraut der Qualität und würde lieber die Großeltern ins Boot holen. Simon hingegen sieht das anders: "Solange das Kind nicht von 7 bis 21 Uhr in Fremdbetreuung ist, ist das okay." Probleme sieht er eher bei Teilzeit und Telearbeit: "In meinem Job als Systementwickler müssen Aufgaben sehr zeitnah erledigt werden. Wir stehen ständig im Kontakt zum Kunden. Ein Kollege, der in Teilzeit ging, bekam bald nur noch uninteressante Arbeit zugewiesen. Nach vier Wochen hat er sich einen anderen Job gesucht. In anderen Berufen sind Teilzeit und Telearbeit aber sicher gut machbar. Ein Software-Entwickler kann beispielsweise problemlos ein Arbeitspaket mit nach Hause nehmen und zu Zeiten abarbeiten, die ihm passen." Deshalb wünscht Simon sich vom Arbeitgeber vor allem, später auf eine familienfreundlichere Stelle wechseln zu können.

Arbeitgeber sind gefordert

In der e-fellows.net-Umfrage gaben vier von zehn Studenten an, dass sie nur einen Arbeitgeber wählen würden, der ihnen ein Familienleben durch Maßnahmen wie Teilzeit oder Kinderkrippe ermöglicht. Auch in der Arbeitgeberstudie "Most Wanted", die McKinsey 2008 unter den e-fellows.net-Stipendiaten durchgeführt hat, landete die Work-Life-Balance auf Platz fünf von 25 Kriterien, die die Stipendiaten als wichtig bei der Arbeitgeberwahl erachten. Werden sie nach ihren konkreten Wunsch-Arbeitgebern gefragt, zeigt sich allerdings, dass die Work-Life-Balance kein Merkmal ist, durch das sich die beliebtesten von den weniger begehrten Arbeitgebern unterscheiden.

Erst die Karriere, dann die Familie?

Entscheiden bei der Arbeitgeberwahl letztendlich doch Gehalt und Aufstiegschancen? Nicht ganz: Erstens kann man das Ergebnis der Arbeitgeberstudie auch so interpretieren, dass die Studenten zwischen den Unternehmen keine allzu großen Unterschiede bei der Work-Life-Balance wahrnehmen. McKinsey rät den Firmen, sich mit entsprechenden Angeboten stärker von ihren Konkurrenten abzuheben. Zweitens spiegelt diese Studie in erster Linie die Wünsche für den ersten Arbeitgeber wider. Möglicherweise ändern sich die Präferenzen nach ein paar Jahren. "Beim ersten Job ist die Work-Life-Balance für mich zwar wichtig, aber kein K.O.-Kriterium", erklärt Markus. "Wenn die Familiengründung ansteht, wird sie aber eines."

Seite 2: Wie Akademiker heute Familie und Beruf unter einen Hut bringen

Kommentar schreiben

Sicherheitstext eingeben:*

* Pflichtfelder