Arbeitszeiten - Im Land der Extremjobber
Wenn Arbeiten glücklich macht
Wer braucht schon Work-Life-Balance, wenn der Job das liebste Hobby ist?
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Der Begriff Work-Life-Balance suggeriert, dass "Arbeit" und "Leben" Gegensätze sind. Doch wir verbringen einen wesentlichen Teil des Tages mit unserer Arbeit. Gerade für Menschen, die sich stark im Job engagieren, sind die beruflichen Aufgaben Teil ihres Lebensinhalts. Ihre Bewältigung verschafft Befriedigung, Anerkennung, Erfolgserlebnisse – und sogar Glücksmomente.
Investition in sich selbst
"Dass Beschäftigte mit anspruchsvollen Tätigkeiten vergleichsweise lange arbeiten, könnte daran liegen, dass sie sich stärker als die unteren Einkommensgruppen mit ihrer Arbeit identifizieren und die längeren Arbeitszeiten - zu Recht - als eine Investition in ihr Humankapital ansehen." So formuliert es die DIW-Studie recht vorsichtig. Die Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit ist laut Studie in den oberen Qualifikationsgruppen deutlich größer als in den unteren. Wer mehr verdient und länger arbeitet, so das wenig überraschende Fazit, bei dem hat der Job auch einen höheren Stellenwert - und umgekehrt.
Adrenalinkick durch Arbeit
Diese Erkenntnisse decken sich mit den Ergebnissen der schon zitierten Work-Life-Balance-Studie. Trotz der außergewöhnlichen Belastung empfinden vier Fünftel aller deutschen Führungskräfte die erhöhte Arbeitsbelastung als herausfordernd oder gar als normal. Ganze 95 Prozent betonen, dass ihnen ihr Job Spaß mache. Viele der Befragten berichten davon, dass ihnen extreme Leistungen einen Adrenalinkick verschaffen. Das Phänomen hat sogar einen Namen: "Flow".
e-fellow Felix (25) arbeitet freiberuflich für die Unternehmensberatung Emrich Consulting. Außerdem entwickelt er eine Plattform für Online-Marketing - und schreibt gleichzeitig ein Buch darüber. Ach ja, nebenher studiert Felix Wirtschaftsrecht an der Uni Siegen.
"Im Schnitt arbeite ich neun bis elf Stunden täglich. Da mir das Spaß macht, ist es mir nicht zu viel. Ich bastle an meinen Websites herum, das ist für mich mein Hobby. Meine Freundin konnte das nicht verstehen. Unter anderem deswegen ist sie jetzt meine Exfreundin.
Es liegt mir, selbstständig zu arbeiten, es macht mir Spaß, mir etwas aufzubauen. Ich musste mir mein Studium selber finanzieren, darum war Geld meine ursprüngliche Motivation. Da wusste ich noch nicht, dass mir die Arbeit so viel Spaß machen würde. Weniger Arbeiten wird sich in Zukunft nicht vermeiden lassen, aber mit sechs Stunden werde ich wohl nie hinkommen. Zu Gunsten eines Familienlebens würde ich das aber schon zurückschrauben.
Dieser passive Lebensstil, von 8 bis 16 Uhr zu arbeiten, das liegt mir gar nicht. Arbeit und Hobbys komplett zu trennen, ist nicht mein Fall. Ich will mich mit meiner Arbeit identifizieren, und da hört man automatisch nicht um 17 Uhr auf. Das Fitnessstudio dreimal die Woche ist mein Ausgleich. Ich gucke ab und zu auch Fernsehen, so ist es nicht, aber dann ausgewählte Sachen. Und ich schlafe auch jeden Tag noch sieben bis acht Stunden."
Flow: Motivation und Konzentration im Einklang
Der Flow-Zustand wurde erstmals von dem ungarischen Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi beschrieben. Ursprünglich wurde der Begriff nur auf die Momente zwischen Angst und Euphorie angewandt, die manche Extremsportler bei der Bewältigung großer Herausforderungen erreichen. Inzwischen bezeichnet Flow einen Schaffensrausch, in dem Konzentration und Motivation in idealer Weise zusammenwirken. Menschen, die im Flow arbeiten, gehen völlig in ihrer Tätigkeit auf, vergessen Zeit und Umgebung, sind ganz Handeln – und fühlen sich dabei glücklich. "Mir macht die Arbeit viel mehr Spaß, wenn ich Termindruck habe und weiß, dass das, was ich gerade tue, wichtig und sinnvoll ist. Da vergesse ich gern alles andere und sage auch mal die eine oder andere Verabredung ab", beschreibt ein Stipendiat diesen Zustand. Wer im Flow arbeitet, ist nicht nur glücklicher, sondern auch wesentlich produktiver als der Kollege, der keinen Flow empfindet.
Glücksgefühle am häufigsten bei der Arbeit
Befragt man Menschen, wann sie sich besonders glücklich fühlen, nennen sie meist Freizeitaktivitäten. Untersuchungen, bei denen die Probanden gebeten wurden, sich immer dann, wenn sie sich glücklich fühlten, eine Notiz zu machen, zeigten, dass das gar nicht stimmt: Die meisten Glücksmomente treten bei der Arbeit auf. Nur ist einem das in der Rückschau oft gar nicht bewusst.
Nur noch ein Jahr...
Die Sache hat allerdings einen Haken: Flow kann süchtig machen. Ergebnis ist der Workaholic, dessen Sozialleben und Gesundheit unter der extremen Belastung zu leiden beginnen. Auch die befragten Extremjobber aus der Work-Life-Balance-Studie gaben in der Mehrheit an, den Job so nur noch ein paar Jahre machen zu wollen. Unter Studenten, die in die Beratung gehen wollen, hört man oft: Ich mache das zwei, drei Jahre lang, und dann wechsle ich in ein Unternehmen, wo es ruhiger zugeht. Der Wunsch nach erheblich kürzeren Arbeitszeiten ist auch und gerade unter den Höherqualifizierten da – spätestens, wenn die Familienplanung ins Spiel kommt.
