von Julia Büttner

Arbeitszeiten: Im Land der Extremjobber

Entzugsprogramm für Workaholics

Aktenstemmen ist dein Sport, Mind Maps kritzeln fällt für dich unter "künstlerische Betätigung" und deinen Liebeskummer vertraust du nachts im Büro deinem Chef an? Dann wird es Zeit, über den Wert von Freizeit nachzudenken.

Die geregelte Trennung von Beruf und Privatleben ist eine vergleichsweise junge Erfindung. In der vorindustriellen Zeit gab es keine "Freizeit". Ob auf dem Hof, im Haus, oder im Handwerksbetrieb: Zu tun gab es immer etwas. Zu diesem Zustand, so Soziologen, kehren wir zurück. Grund ist die neue Flexibilität und Mobilität. Wer unterwegs oder zu Hause vom Laptop aus arbeitet, am Wochenende schnell noch ein paar E-Mails verschickt und im Urlaub an der Präsentation herumbastelt, bei dem verwischen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit.

Vollzeitarbeit macht nicht effektiver

Der Nachteil daran: Wer auch zu Hause immer im Standby-Modus ist, bei dem kommt die Erholung leicht zu kurz. Doch ausgiebige Entspannung ist für die Leistungsfähigkeit entscheidend. Teilzeitkräfte zum Beispiel arbeiten oft genauso effektiv wie Vollzeitarbeitende, weil sie sich aufgrund der längeren Erholungsphasen besser konzentrieren können.

Freizeitmanagement

Wer wenig Freizeit hat, sollte die also genauso ernst nehmen wie seinen Job. Ganz wichtig ist es, bewusst auf Erholungspausen zu achten. Wer bis nach Sonnenuntergang im Büro hockt, sollte sich einen Ruck geben und morgens eine halbe bis ganze Stunde früher aufstehen. Spazieren gehen, Rad fahren, joggen oder schwimmen: Sonnenlicht und frische Luft machen fröhlich, beugen depressiven Verstimmungen vor und verscheuchen die Müdigkeit.

e-fellow Moritz (26) studiert Jura an der Uni Bonn und schreibt derzeit an seiner Doktorarbeit. Nach dem Referendariat will er in einer Großkanzlei arbeiten.

"Dass die Arbeitszeiten in den großen Kanzleien hoch sind, weiß ich. Das Geld ist aber auch ordentlich. Wenn man natürlich um 18 Uhr "Verbotene Liebe" gucken will, geht das nicht.

Positiver Stress ist ein sehr dynamisierendes und motivierendes Gefühl. Wenn einer sagt: "Du bist der Einzige, der das machen kann!" puscht das das Ego, und dann ist man auch leistungsbereiter. Es heißt zwar, dass sich ein Mensch nur sechs Stunden täglich konzentrieren kann, allerdings braucht nicht jede administrative Aufgabe diese Art von Konzentration. Aber manchmal kann man das Level noch anheben. Das hat dann schon Wettkampfcharakter.

Ich will meine Freizeit intensiv nutzen und dabei nicht aufs Geld achten müssen. Da reicht mir die Erfahrung als Student. Das ist dann der Unterschied zwischen Urlaub auf Mallorca oder auf den Seychellen. Oder zwischen Rinderfilet und gutem Rotwein oder Bier und Chips. Von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends oder auch mehr zu arbeiten, macht mir nichts aus, solange ich noch zur Kompensation ins Fitnessstudio gehen kann. Für mich ist auch sehr hilfreich, selbst etwas zu erschaffen. Malen, das gibt mir etwas Besonderes. Man verliert sich und denkt nicht mehr an das, was einen vielleicht belastet. Das ist sehr entspannend. Jeder sollte sich etwas suchen, was einen alles anderes vergessen lässt, und das machen."

Mach doch, was du willst

 Sport - ohne Druck und Wettkampfcharakter! - ist ein unverzichtbarer Ausgleich. Ansonsten gilt: Erlaubt ist, was Spaß macht. Menschen, die Wandern, Bergsteigen oder Tanzen zu ihren Hobbys zählen, berichten am häufigsten von tief empfundener Entspannung und Freude. Und wie wäre es mit einer Chor-Mitgliedschaft? Es mag merkwürdig klingen, aber Singen löst nachweislich ebenso tiefe Glücksgefühle aus wie Sex oder Essen und stimuliert sogar die körpereigenen Abwehrkräfte.

Ab in die Natur

Auch Naturerlebnisse und gemeinsam mit Freunden verbrachte Zeit werden im Rückblick als besonders wertvoll erlebt und heben noch tagelang die Stimmung. Zeitkiller wie Fernsehen, Computerspiele oder stundenlanges, zielloses Surfen im Internet machen dagegen meist schlapp und passiv und sollten nur ganz kontrolliert genutzt werden – notfalls mit Stoppuhr.

Abschalten lernen

Auch wenn man am Sonntag am liebsten 14 Stunden durchschlafen würde: Es ist für die Erholung entscheidend, dass man einen regelmäßigen Schlafrhythmus beibehält. Anders als das Gehirn liebt unser Körper Routine. Einschlafschwierigkeiten? Darunter leiden viele, die im Job sehr engagiert sind. In Stressmanagement-Seminaren und Entspannungskursen kann man lernen, das Gedankenkarussell einfach mal abzuschalten. Ähnliche Ziele verfolgen Meditationstechniken und Yoga. Einige große Firmen bieten solche Kurse für ihre Mitarbeiter sogar während der Arbeitszeit an. Ansonsten hat das Fitnessstudio um die Ecke sicher etwas Passendes zu bieten.

Jammerer ernst nehmen

Wenn Familienangehörige und Partner sich über zu wenig Aufmerksamkeit beklagen und Freunde sich nicht mehr melden, weil sie davon ausgehen, dass man ohnehin keine Zeit für sie hat, sind das ernstzunehmende Warnzeichen dafür, dass das Sozialleben leidet. Also: Beschwerden nicht als Jammerei abtun, sondern das Gespräch suchen und sich selbst hinterfragen: Ist es wirklich nötig, dass ich so viel arbeite? Oder bleibe ich abends absichtlich länger in der Firma, weil die Kollegen nett sind und mich zu Hause nur der nörgelnde Freund, die vorwurfsvolle Freundin erwartet?

Warum mache ich das alles eigentlich?

Wer so unter Strom steht, dass er nur noch funktioniert, der vergisst oft, innezuhalten und sein Handeln in einem größeren Zusammenhang zu reflektieren. Um sich seiner Motive und Emotionen bewusst zu werden und seelischen Ballast abzuwerfen, gibt es ein altbewährtes Mittel: Tagebuch führen.

Links für Workaholics, die sich bessern wollen:

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