von Julia Büttner

Arbeitszeiten - Im Land der Extremjobber

50, 60, 75 Wochenstunden - wer bietet mehr?

Die schlechte Nachricht zuerst: Du wirst ein Arbeitssklave sein. Die gute: Es wird dir nicht einmal etwas ausmachen.

Es war einmal in grauer Vorzeit, da hatten Arbeitnehmer um punkt acht im Büro zu sitzen. Dafür ließen sie um fünf den Kuli fallen. Blackberry, Handy, ständige Erreichbarkeit, auch am Wochenende? Undenkbar. Vier-Tage-Woche, Teleheimarbeit, Sauna im Büro? Utopie. Heutzutage arbeiten Hochschulabsolventen in den meisten Branchen eigenverantwortlicher, flexibler – vor allem aber: mehr. Und damit sind die meisten recht glücklich.

Normalfall 75-Stunden-Woche

"Der Tag hat 24 Stunden und zur Not nehmen wir noch die Nacht dazu!" lautet eine gern zitierte Beraterweisheit. Tatsächlich sind Arbeitstage mit 10 bis 12, sogar 14 Stunden im Consulting, aber auch in anderen typischen Hochkaräter-Branchen wie dem Investmentbanking oder in den Großkanzleien eher die Regel als die Ausnahme. Vor allem Berufseinsteiger, die sich profilieren wollen, arbeiten oft bis an die Grenze der körperlichen Leistungsfähigkeit. Zum Ausgleich winken fürstliche Gehälter. Doch reicht das aus, um den Wegfall von Freizeit zu kompensieren?

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Alumnus Jacob (33) arbeitet als Assistenzarzt für innere Medizin in Boston - bis zu 75 Stunden in der Woche. Gesetzlich erlaubt sind 80. Eine Verbesserung, denn noch vor wenigen Jahren gab es kein Gesetz, das die wöchentliche Arbeitszeit begrenzte, so dass Assistenzärzte 100 Stunden und mehr arbeiteten.

"Ich fange um sieben Uhr morgens an und habe an Tagen, an denen ich keinen Bereitschaftsdienst habe, ab fünf frei. Wenn ich Bereitschaftsdienst habe, das ist jeder fünfte Tag, muss ich bis in den späten Abend hinein arbeiten. Dreimal pro Jahr arbeite ich jeweils 2 Wochen am Stück nur nachts. Auf der Intensivstation habe ich jede 4. Nacht Nachtschicht, das sind dann jeweils 30 Stunden Schicht. Das geht irgendwie. Wenn man nachts um vier Probleme zu lösen hat, ist man zwar nicht auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit. Aber um in Amerika einen Facharzt zu machen, führt an dieser Ausbildung nichts vorbei."

Wann es euch gefällt

An die Stelle von Stechuhr und Stundenzählerei sind Lebensarbeitszeitkonten, Gleitzeit und Vertrauensarbeitszeit getreten. Bei Arbeitgebern wie SAP oder der Würth AG lautet das neue Motto: "Wer wann kommt, ist uns egal – Hauptsache, ihr macht euren Job." Die neue Flexibilität kommt hochqualifizierten Arbeitnehmern meist entgegen, bedeutet sie doch mehr Selbstbestimmung und verhindert frustrierenden Leerlauf. Andererseits ist eben fast immer sehr viel Arbeit da – und die macht sich nicht von selbst.

Wie, du willst schon gehen?

Wer um 16 Uhr nach Hause geht, weil die Arbeit erledigt ist, muss zudem befürchten, vor dem Chef und den Kollegen als Faulenzer dazustehen. "Es gibt wahnsinnig viele Leute, gerade auf den höheren Ebenen, die deutlich mehr als 60 Stunden die Woche arbeiten und 10 Stunden am Tag als okay empfinden. Da stößt man durchaus auf Unverständnis, wenn man mal einen Abend gegen 19 Uhr gehen will, weil man zum Essen verabredet ist." So beschreibt eine Stipendiatin, die lieber anonym bleiben möchte, das Dilemma.

Fokus Arbeitszeiten

e-fellow Julia (22) studiert Kommunikationswissenschaft, BWL und Psychologie an der Uni Leipzig. Während ihres Praktikums bei SAP hat sie Erfahrungen mit freier Zeiteinteilung sammeln können – mit zwiespältigem Ergebnis.

"Bei SAP überwacht niemand, wann man kommt oder geht. Das hatte zur Folge, dass es auch mal deutlich länger werden konnte, wenn ein Projekt anstand. Auf der anderen Seite bin ich auch mal nach der Mittagspause gegangen. Ich kann gar nicht mehr genau sagen, ob ich 40 Stunden pro Woche gearbeitet habe oder mehr. Ich denke, es waren am Ende eher 45.

Wer auf einem höheren Posten sitzt, muss sich in der Regel auf einen höheren Stresspegel einstellen. Mein Chef hat mir teilweise um 3 Uhr nachts E-Mails geschrieben. Man muss sich dem Druck nicht zwangsläufig beugen, tut es dann aber doch häufig. Wenn ich jedoch gesagt habe, ich schaffe das nicht bis zu einem bestimmten Tag, wurde mir auch Verständnis entgegen gebracht. Prinzipiell gefällt mir diese Flexibilität gut, aber ich würde für die Zeit nach dem Abschluss eine Firma bevorzugen, die Überstunden bezahlt. 50 Stunden die Woche ist jedoch meine Grenze, auf Dauer gesehen."

Überstunden sind der Normalfall

Überstunden sind in Deutschland der Normalfall: Die durchschnittliche tatsächliche Arbeitszeit lag 2005 bei 42,4 Stunden. Diese Zahl ist seit etwa 10 Jahren konstant. Vertraglich vereinbart ist aber weniger: Nur 38,4 Stunden im Schnitt. Eine kleine Gruppe von Vollzeitarbeitnehmern ohne vertraglich festgelegte Arbeitzeit allerdings kann darüber nur müde lächeln: Diese Gruppe arbeitet im Schnitt sogar 50 Stunden pro Woche. (Studie des DIW Berlin in Zusammenarbeit mit Infratest Sozialforschung). In diese Gruppe fallen auch Top-Manager, Anwälte oder Unternehmensberater. Während die vertraglich vereinbarten Arbeitszeiten in Deutschland in der Vergangenheit kontinuierlich gesunken sind, ist die reale Arbeitsbelastung für eine kleine Gruppe hochqualifizierter Arbeitnehmer also außerordentlich hoch.

Führungskräfte schuften am meisten

Vor allem Führungskräfte arbeiten in Deutschland unter Hochdruck: Vier von fünf Managern arbeiten mehr als 50 Stunden pro Woche. Das ist das Ergebnis der aktuellen "Work-Life-Balance"-Studie, die die Managementberatung Kienbaum in Kooperation mit dem Harvard Businessmanager erarbeitete. Die Hälfte der Führungskräfte mit einem Jahresgehalt von mehr als 200.000 Euro hat eine 60- bis 70-Stunden-Woche. Das ist sogar länger als in den USA. 96 Prozent der Befragten arbeiten auch am Wochenende, 85 Prozent stellten eine deutliche Zunahme der Arbeitsbelastung in den vergangenen fünf Jahren fest.

Je höher die Qualifikation, desto mehr Überstunden

Das Klischee vom Chef, der die Füße auf den Schreibtisch legt und seine Mitarbeiter die Arbeit machen lässt, ist also falsch: Je qualifizierter der Arbeitnehmer, desto höher ist auch die wöchentliche Mehrarbeit. Führungskräfte mit vertraglich festgeschriebenen Arbeitszeiten leisten knapp zehn Überstunden pro Woche. Bezahlt bekommen sie die meist nicht - je höher die Qualifikation, desto öfter werden Überstunden ohne finanziellen oder Freizeitausgleich geleistet. Trostpflaster: Wer mehr arbeitet, verdient meist auch mehr. "Die Arbeitsbelastung steigt fast linear mit dem Gehalt", beobachtet Walter Jochmann von Kienbaum Management Consultants.

Arbeitszeit – ein Fetisch?

Die wöchentliche Arbeitzeit eignet sich daher durchaus dazu, ein wenig mit ihr zu kokettieren. Während der Recherchen zu ihrem Buch "Gestatten: Elite" hat die Journalistin Julia Friedrichs sich bei jungen Arbeitnehmern umgehört. Ihr Fazit: "In Gesprächen bekomme ich den Eindruck, dass die Wochenarbeitszeit in der Welt des Wirtschaftsnachwuchses ein Fetisch ist, der fast noch mehr zählt als das dicke Auto oder die schöne Wohnung."

Soso...

...mehr Arbeitszeit bedeutet also für qualifizierte Arbeitnehmer mehr Geld? Das wäre ja schön.

Wenn man als M.A. lieber seine eigene Idee umsetzten will als eine ausgeschriebene Promotionsstelle mit festgelegtem Thema anzunehmen, kann es schnell passieren, daß man den Doktor auf HartzIV schreibt. Und dann bekommt man für die 80-Stunden-Woche nette 544 Euro Hartz plus 100 Euro Gehalt aus dem Nebenjob...das ist dann wahnsinnig unbefriedigend und es wird schwierig, Bücher, Meßfahrten und Kopien zu finanzieren. Von einer Proportionalität zwischen Arbeitszeit und Gehalt ist da leider nichts zu sehen.

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