Forsch, Forscher, Sankt Gallen
Die Schweizer Universität St. Gallen hat ein Programm entwickelt, um den Betriebswirten das Forschen beizubringen
Der glänzende Ruf als Managerschmiede macht die Hochschule St. Gallen nicht gerade zu einem Mekka für Forscher. "Die meisten Studenten, die zu uns kommen, sind sehr praxisorientiert und wollen am liebsten CEO werden", sagt Dieter Euler, Leiter des Instituts für Wirtschaftspädagogik an der Schweizer Elite-Universität.
Euler und seine Kollegen haben sich deshalb etwas Besonderes einfallen lassen, um den jungen Talenten eine Karriere in der Forschung schmackhaft zu machen: Seit etwa zwei Jahren bietet die Uni St. Gallen ihren BWL-Studenten eine umfassende Forschungsförderung an. "Unser Ziel ist es, eine möglichst breite Forschungsspitze zu etablieren", sagt Euler.
Was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch klingt, erweist sich bei näherer Betrachtung als der Versuch, durch eine breite Nachwuchsförderung eine Spitzenstellung in der Forschung zu erreichen. Euler nimmt eine Analogie aus dem internationalen Fußball zur Hilfe, um sein Konzept klarzumachen: "Wir sind nicht Real Madrid, wir kaufen keine Forschungsstars. Unser Vorbild ist eher der FC Barcelona", erklärt er. "Wir machen solide Nachwuchsarbeit, haben aber auch ein paar Stars als Vorbilder." Diese seien jedoch mehr Teamplayer als Primadonnen. Zu den wenigen Forschungsstars zählt Euler den deutschen Marketingspezialisten Andreas Herrmann und den Amerikaner Steven Floyd, Professor für Strategisches Management.
Die geistige Haltung soll bereits im ersten Semester gefördert werden. Um die Studenten früh an die Forschung heranzuführen, startet die Uni St. Gallen das "forschende Lernen" gleich im ersten Semester. Dort müssen sich die BWLer bereits mit den verschiedenen Ansätzen der Wissenschaftstheorie auseinandersetzen. Sie sollen die Probleme aus der Perspektive eines Forschers angehen, erklärt Euler. "Wir wollen ihre geistige Haltung beeinflussen."
Darüber hinaus haben die Schweizer auch das Doktorandenstudium neu organisiert. Verschiedene Forschungsmethoden wie quantitative oder qualitative Verfahren werden bewusst nebeneinander gelehrt. Insgesamt acht Kurse müssen die Doktoranden durchlaufen und bekommen dort das Einmaleins des Forschens vermittelt.
"Das ist keine Selbstverständlichkeit und wird an anderen Hochschulen oft nicht angeboten", sagt Sebastian Raisch, der vor fünf Jahren aus Genf nach St. Gallen gekommen ist und sich die Forschungslektionen in mühsamer Kleinarbeit selbst aneignen musste.
Raisch ist inzwischen habilitiert und gilt als einer der Shooting-Stars in St. Gallen. Im Handelsblatt-Ranking gehörte er in diesem Jahr bereits zu den besten 100 BWL-Forschern unter 40 Jahren. Demnächst wird der 35-Jährige als ordentlicher Professor nach Genf zurückkehren.
Der Nachwuchswissenschaftler hat in St. Gallen ein Forschungszentrum für nachhaltiges Wachstum aufgebaut. "Wir wollen den Unternehmen helfen, besser durch Krisenzeiten zu kommen", beschreibt er sein Projekt. Dabei arbeitet er eng mit Konzernen wie BMW, Volkswagen oder Siemens zusammen. Dieses enge Netzwerk mit der Wirtschaft zeichne St. Gallen im Vergleich zu den meisten deutschen Universitäten aus. Die zusätzliche Forschungsförderung der Universität sei zwar auch wichtig, im internationalen Wettbewerb jedoch nicht so entscheidend.
Der Pädagoge Euler sieht in den Offerten jedoch eine wichtige Ergänzung, zum Beispiel die Forschungsberatung.
Erfahrene Forscher helfen den angehenden Professoren zum Beispiel dabei, die Anträge für eine finanzielle Förderung ihrer Projekte erfolgversprechend zu formulieren. So werden Datensätze überprüft und Forschungsergebnisse besprochen. Darüber hinaus bekommen die Nachwuchsforscher aber auch Unterstützung, um ihre Forschungsbeiträge in einer der renommierten Fachzeitschriften unterzubringen.
Für die finanzielle Förderung gibt es einen Grundlagenforschungsfonds. Er soll den Neulingen den Einstieg in die wissenschaftliche Forschung erleichtern und ihre Forschungsprojekte anschieben. Mit bis zu 100.000 Franken können die Novizen für ein halbes Jahr ihre Vorhaben vorantreiben. Aber auch wer es später zum Professor schafft, wird in St. Gallen weiter gefördert. So genannte Forschungsdeputate belohnen die fleißigen und erfolgreichen Forscher.
Gemessen wird der Erfolg daran, wie viele Publikationen die Wissenschaftler in ausgewählten internationalen Fachzeitschriften unterbringen. Auf diese Weise können sie ihre Lehrverpflichtungen um bis zu vier Semesterwochenstunden reduzieren und gewinnen dadurch noch mehr Zeit, um ihre Forschungsprojekte voranzutreiben.
Die gezielte Förderung der Besten klingt jedoch mehr nach Spitzen- als nach Breitensport, um in Eulers Analogie zu bleiben. "Wir können uns nicht komplett von der Schwerkraft der renommierten Journals in der Forschungswelt frei machen", verteidigt Euler dieses Anreizsystem, "aber wir sagen auch, dass nicht jeder ein Forschungsstar werden muss."
Es gebe eben nicht nur die akademische Karriere innerhalb der Universität, sondern auch einen "Management Track", in dem Dozenten für die Lehre und für Management-Aufgaben ausgebildet werden. Euler räumt aber ein, dass der Spagat zwischen Elite- und Forschungsförderung nicht immer ganz reibungslos funktioniert. "Für die Spitzenforscher ist ihre Arbeit natürlich das Aushängeschild der Universität", erklärt er. Andere aber kritisieren, dass sich die Hochschule nicht nur über Forschung definieren solle.
Euler legt jedoch Wert darauf, dass sich durch die Forschungsförderung auch das Leitbild des Professors geändert habe. "Wir wollen nicht mehr den vierfach habilitierten Olympiasieger, der in Lehre und Forschung alles kann", betont der Pädagoge. Zwar verlangt die Universität in ihren Berufungsverfahren von den Bewerbern, dass sie auf allen Gebieten der Lehre und Forschung einem Mindeststandard genügen. "Nur auf einem Gebiet müssen sie aber ein wirklicher Champion sein."
Die allermeisten Doktoranden kommen aus dem Ausland. Dahinter steckt durchaus auch eine unternehmerische Strategie der Universität. Was Euler als "Portfolioansatz" beim Wunsch nach bestimmten Fähigkeiten beschreibt, ermöglicht es der Hochschule als Institution, ihren großen Bedarf an Spitzenforschern, Lehrern und Managern zu sichern.
Einen Wettbewerb gibt es in St. Gallen nicht nur für Ordinarien, sondern auch für Assistenzprofessuren. "Das ähnelt bereits sehr stark den Berufungsverfahren", berichtet Stephan Süss, der seit August im Bereich Banking und Finance habilitiert. Auch in diesem frühen Stadium zählen bereits die Zahl der Veröffentlichungen und das Ranking in den zahlreichen Hitlisten des Fachs. "Die Chance, später einen Ruf auf eine Professorenstelle zu bekommen, ist entscheidend", sagt der Nachwuchswissenschaftler. Aber auch er lobt die unbürokratische Forschungsförderung in St. Gallen. "Wenn ich das mit Deutschland vergleiche, wird es einem hier leichter gemacht."
Sein Kollege Raisch, der auf der Karriereleiter schon einige Sprossen weiter oben angekommen ist, führt das forschungsfreundliche Klima in St. Gallen auch auf die Geschichte der Universität zurück. Die Hochschule müsse sich zu einem bedeutenden Teil selbst finanzieren. Daher gebe es seit jeher enge Verbindungen zu den Absolventen und zur Industrie. So würden viele Forschungsprojekte zum Beispiel durch Jahresbeiträge von Unternehmen mitfinanziert.
Diese enge Verbindung zur Wirtschaft fördere die Forschung in St. Gallen nicht nur finanziell, sondern mache sie auch für praxisorientierte Wissenschaftler attraktiv. Raisch erinnert daran, dass etwa 80 Prozent der Doktoranden ihren Doktortitel mit in die Praxis nehmen. "Erst durch die Erfahrung, dass die eigene Forschungsarbeit auch praktische Relevanz hat, entscheiden sich viele Studenten überhaupt, in die Forschung zu gehen", sagt der Betriebswirt.
Das Forscherdasein werde insbesondere in Deutschland immer noch sehr stark mit einem abgeschiedenen Leben im akademischen Elfenbeinturm verbunden. Das wirke oft abschreckend. Ohne einen Praxisbezug hätte aber auch Raisch keine wissenschaftliche Karriere eingeschlagen.
Eine zusätzliche Anschubhilfe für die praxisnahe Forschung in St. Gallen ist nach Meinung von Raisch die enge Verbindung vor allem zu amerikanischen Universitäten.
Dadurch ergäben sich gerade bei der Publikation von Forschungsergebnissen viele Kooperationsmöglichkeiten. Das wiederum verschaffe der praxisnahen Forschung auch international mehr Anerkennung. So müssen die Forschungsmanager in St. Gallen wohl nur noch ihre eigenen Landsleute in der Schweiz überzeugen. Die allermeisten Doktoranden kommen nämlich nicht aus der Alpenrepublik, sondern aus dem Ausland.
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